Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1898-01-01 · 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898 · p. Seite 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
Date
1898-01-01
Page
Seite 215 (sequence 215)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3476254-3476258--0765-3476899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 215 — Sprache sich stützt. Das ist auch nicht wahr. Wir haben nicht nur in Russland, sondern auch im Westen Juden, für welche die hebräische Sprache heute noch eine todte Sprache ist, and bevor wir die hebräische Sprache lebendig machen, bedarf es noch vieler anderer Mittel. Ein wichtiger Punkt, der hier noch gar nicht berührt worden ist, ist die Jugenderziehung. Meine Herren! Wenn man mit Cultur anfängt, so fängt man von unten an, nicht von oben, also mit der Jagend. Der Jugend gehört die Zukunft, der Jugend gehört die Welt. Nur eine Bewegung, die sich auf die Jugend stützt, kann sagen, sie hat die Welt für sich. Wie ist es nun mit der Jugend bestellt? Sehen Sie sich doch an, was für eine Leetüre die Kinder haben! Alles mögliche, nur nichts jüdisches! Kein Geist, kein Geschmack, kein Judenthum! Warum? Meine Herren! Die Protestrabbinen können dieses Räthsel nicht lösen! Und doch ist es so einfach, so klar, wie 2X2=4 ist. Man kann keine Literatur, keine Schriften für die Jugend schaffen, wenn man kein Jude, wenn man kein Zionist ist. Wie soll man unserer Jugend Helden aus der Geschichte vorführen, wenn man sie nicht als Helden unserer Nation vorführen soll. Darin mangelt es uns von Anfang an; wir haben thatsächlich so wenig Jugendliteratur, wie es das geringste Volk nicht hat. Daran fehlt es uns an allen Ecken und Kanten. Ein zweites Gebiet ist die jüdische Belletristik. Es ist ein Jammer? wenn man dieses Gebiet betrachtet. Von Gompert bis auf unsere Tage ist in dieser Richtung nichts geschehen, wovon man sagen kann, es hat Anspruch auf literarischen Wert. Nichts als aufgewärmtes Zeug. Was ist der Inhalt, die Tendenz dieser Erzählungen? Ein holdes Mägdlein, das einen Lieutenant haben will. Er will kein jüdisches Mädel, ausser sie hat eine viertel Million Mark. Daraus entwickelt sich eine Tragik sondergleichen und dahin spielt der ganze Roman. Wenn das nicht entartend wirkt, dann weiss ich nicht was. Was wissen die Leute vom jüdischen Leben? Sie machen aus einem Rudolf einen Rüben, aus einer Bertha eine Rebeka und glauben dann, jüdische Literatur geschaffen zu haben. (Beifall und Händeklatschen.) Es ist kein Scherz, es ist Thatsache Ich habe gesehen, dass in den sogenannten jüdischen Zeitungen thatsächlich Romane so fabrieiert werden. Das ist die Kost, mit der man unsere Jugend, unsere reiten Mädchen füttert. Und dann wundert man sich, wenn sie von jüdischem Geiste nichts wissen, sie jüdischen Geist nicht in sich aufgenommen haben. Da wäre es für uns eine würdige Aufgabe, sich dessen anzunehmen, dass ein Centrum geschaffen werde, von wo aus die Literatur ausgehen soll. Wir sind dazu berufen, das Volk zu verjüngen und zu erneuern. Und dazu müssen wir mit der Literatur anfangen. Ein anderes Gebiet das ich erwähnen will, ist das Gebiet der jüdischen Geselligkeit. Wjr haben entweder gar keine Geselligkeit, oder eine, wenn ich richtig sagen soll, arisierte Geselligkeit. Es ist eine jüdische Geselligkeit, die nicht jüdisch sein will. Das geschieht folgendermassen. Es finden sich zwanzig Leute zusammen und schaffen sieh einen Renommier-Goi an, der Freibier bekommt. (Heiterkeit.) Vors. Dr. Nordau: Ich mache den Herrn Redner aufmerksam, dass die gewährte Frist schon längst vorüber ist. Del. Schach: Ich muss bemerken, dass ich mich als erster zum Wort gemeldet habe und Sie nicht ermüdet hätte, wenn ich früher das Wort erhalten hätte. Da ich erst als 26. zum Worte komme, wäre es doch angezeigt, Geduld zu haben. (Beifall.) Vors. Dr. Nard aw: D as ändert aber nichts an der Thatsache, dass die Frist verstrichen ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.