Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 108)
- Language
- German, English, Hebrew
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- 108 — artigen Noth, dass das Wort „Faulenzer" ganz unangebracht ist. Die vorgenommene Berufsstätistik lehrt uns, dass es in Jerusalem 2576, darunter 75 Bäcker, 304 Schneider und Schneiderinnen, 124 Steineklopfer und Steineliauer, 37 Drechsler, 319 Tischler, 55 Träger, 95 Bauarbeiter, 325 Schuhmacher und Schuhflicker u. s. w. Handwerker und Arbeiter gibt, d. h., wenn man eine Familie auf 5—6 Personen rechnet, dass mehr als 45 % von ihrer Hände Arbeit leben oder leben wollen. Hinzu kommt die grosse Menge von Kleinkrämern, Hausierern, Dienern u. a. Es gibt keine Beschäftigung, auch von den allerschwersten, der sich der Jerusalemer Jude nicht zuwenden mag. Und wenn es auch wahr ist, dass hunderte jüdischer Familien nur vom Beten und Lernen in Jeschiboth und Synagogen existieren, so muss man doch das Gros der jüdischen Bevölkerung Jerusalems eher, als eine arbeitslose Masse betrachten. Der Kampf ums Dasein wühlt fürchterlich in der heiligen Stadt. Es gibt zwar auch wohlhabende jüdische Familien, so etwa 100 aschkenasische und 140 sephardische Familien, die je ein Vermögen von über 10.000 Fr. besitzen, aber auch diese Gelder sind meistens todtes Capital. Man findet dort sehr viele Juden, die um wenige Metalliks, 50—60 Centimes Tageslohn bereit sind, schwere Arbeit auszuführen. Woher aber soll dort Arbeit vorhanden sein, da es keine jüdische Ackerbaubevölkerung als Grundlage gibt, und die Nichtjuden entweder ein rohes, bedürfnisloses Element bilden, wie die Araber, oder ein isoliertes, wie die fremdländischen Christen. So ist eine Thatsache, dass alle diese Handwerker und Kleinkrämer einander aufzehren, in düsteren Löchern wohnen, die Ställen gleich, von irgend woher einen zweifelhaften Lichtschimmer erhalten und grauenhafte Dünste ausströmen. Kaum vermag man auch nur wenige Minuten in diesen zahllosen Wohnungen sich aufzuhalten und wundert sich immer mehr, wenn man mit diesen Unglücklichen in eine Unterhaltung geräth. Auch diese abgestumpften Menschen können fühlen, in Zorn gerathen und zuweilen sogar Hoffnungen hegen. Dieses personiücierte Elend besitzt eine Zähigkeit, die uns an unseren Stamm mahnt. Was Wunder, wenn diese in einer bestimmten Athmosphäre auferzogene Gesellschaft, der es vor ihrer eigenen Heiligkeit graut, oft zur Bettelei ihre Zuflucht nimmt. Wer da durch Strassen Jerusalems schlendert und mitten in das Beten, Klagen, Schnorren hineingeräth, ist darum leicht geneigt, den. Stab über Jerusalem zu brechen, und von Widerwillen erfasst, wird er aus den ersten oberflächlichen Eindrücken seine Schlüsse ziehen, ohne Spreu vom Weizen zu sondern. Die Mehrheit fällt der Minderheit zum Opfer; das Unglück wird verdammt. Allerdings gibt es seit der Mitte dieses Jahrhunderts Bestrebungen, welche darauf zielen, das Los der Jerusalemer Juden zu