Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 106)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 106 — andere Stimmung gegenüber der Neuerung aufzukommen und wird immer massgebender für die palästinensische Bevölkerung. So sind wir jetzt mitten in der Dämm er ungs zeit. Werfen wir einen Blick in das gegenwärtige Jerusalem. Theilweise auf Trümmern des alten erbaut, hat es wenig Beziehungen zum biblischen, keine Inschriften, kaum Namen, sonst geringe Reste. An Gräbern allerdings ist kein Mangel, und eine Spur ehemaliger Grösse ist auch noch vorhanden: die Klagemauer, schon seit Jahrhunderten von jüdischen Thränen benetzt und mit unzähligen Sagen, Legenden und geheimnisvollen Märchen ausgestattet. Der frommgläubige, wie der heuchlerische Jude sind in gleicher Weise an dieser Mauer zu finden, echtes Gefühl und Zurschautragen erkünstelter Extase nebeneinander. So kann man den äusseren Verfall unserer materiellen Existenz, wie die Entartung unseres inneren Wesens an derselben Stätte beobachten. Und für uns, da wir an neues Leben denken, ist diese Klagemauer schrecklich, sie erinnert an Golus und Anomalie: es ist kein Weinen, es ist ein Stöhnen. Um die Klagemauer und die Gräber dreht sich der Gedankenkreis der meisten: alles mahnt den Jerusalemer Juden an Tod und Verfall. Die einstige Grösse begeistert ihn nicht; solche Herrlichkeiten schafft man nicht aus eigener Kraft, aber sie können nicht für immer vergänglich sein, so denkt er. Also hofft er zuweilen, aber seine wunderschöne Hoffnung ist überirdischer Natur, ist' fürs Leben Todeshauch. Das Gefühl des Verfalles verlässt den Jerusalemer Juden niemals, auch in seinem winzigen Dasein nicht Denn er muss leben; aber wovon? Nun, wir wissen es ja, wir haben doch die gewohnte Antwort bei der Hand: Von der Chaluka, jahraus, jahrein, wird für diese Gesellschaft von Nichtsthuern gesammelt. Bekannt sind jener Zorn und jene Verachtung, welche wir alle gegenüber der altangesessenen Bevölkerung Palästinas hegen. Wie eine Schmach lastet dieses Schnorrerthum auf der ganzen Judenheit. Hin und wieder haben sich Stimmen gegen die Verdammung der Masse der jüdischen Bevölkerung erhoben, aber sie verhallten ungehört. Konnte doch die Thatsache der Chaluka nicht aus der Welt geschafft werden. Und es ist wahr: Nach einer für unsere Zwecke speciell angestellten Statistik sind von den in Jerusalem befindlichen 15.5IG aschkenasischen Juden nur etwa 775 auszunehmen, die keine Chaluka empfangen. Es genügt indess, die Summen kennen zu lernen, welche die Jerusalemer Juden erhalten, um einzusehen, dass man von solchen Stützen nicht nur nicht leben, sondern auch nicht hungern kann. Vor uns liegt folgende Tabelle: In Jerusalem gibt es nach einer sorgfältig angefertigten Statistik gegenwätig 28.254 Juden, von denen 15.216 aschkenasischer und 1.3.038 sephardischer Abstammung sind; zu den letzteren sind auch grusinische, persische, jemenitische, bucharische u. s._ w.