Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 83)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 83 — Speeialität ängstlich verkriecht und durch das Schlüsselloch ihrer Studierstube sich .der Erscheinungen Flucht" sub specie aeternitatis anschaut, entfalten nun einen Indifferentismus, der geradezu bewunderungswürdig wäre, wenn er nicht den in Elend und Unwissenheit verkommenden Massen gegenüber unverzeihlich wäre. Die Hoffnung nun, welche die Herren darein setzen, dass mit der sogenannten „socialen Frage" — diesem Sündenbock für alles jüdische Ungemach — zugleich die jüdische gelöst werden müsse, hat ebensoviele Chancen auf raschen Erfolg, wie etwa das Erscheinen des Messias, den wir seit zweitausend Jahren mit solcher Gläubigkeit und Sehnsucht erwarten, und zwar: 1. deshalb, weil die Judophobie, wie ich bereits erwähnt, kein solcher Mikrobe ist, der seinen Ursprung socialökonomischen Uebelständen der Neuzeit verdankend mit Hilfe irgendeines socialen Antitoxins unschädlich gemacht werden könnte, sondern ein Erdübel ist. ein guter alter vertrauter Bekannter, bloss in ein neumodisches Gewand eingekleidet, und weil 2. die christliche Ethik, die allein imstande wäre, radicale Abhilfe zu schaffen, der auf Dampf dahineilenden, enorm ansteigenden Cultur ebenso nachhinkt, wie etwa eine Schnecke — einem Schnellläufer, Der Kampf aller gegen alle ist auf der ganzen Schlachtlinie entbrannt und wird vom Stärkeren stets da aufgenommen werden, wo der Widerstand am kleinsten ist, also gegen Chinesen, Türken, Neger, Juden. Deshalb heisst es: „Rette sich, wer da kann!" Ich glaube nun, mit dem ersten Theil meiner Aufgabe fertig .zu sein und den Beweis erbracht zu haben, dass die Art und Weise, wie die Juden bis jetzt vorgiengen, um die Judenfrage irgendeiner Lösung näher zu bringen, eine verfehlte war und ist, •eine Gurpfuscherei, ein Quacksalbern und Salbadern. Wohl ist sie imstande, einige üppig wuchernde Neubildungen — durch Taufe — vom jüdischen Leibe zu entfernen, der kranke Organismus aber bleibt krank und detect nach wie vor, w^as durch die jetzige Lage der Juden, durch ihre verzweifelt schlechte Lage, ad oculos demonstriert worden ist. Was nun wir Zionisten, wir Jünger der neueren Schule, vorschlagen, scheint doch noch eine rationellere Grundlage zu besitzen und soll auch der letzte und, wie uns dünkt, der einzigmögliche Versuch sein, 1. die Juden als Nation zu retten, indem es uns sehr, sehr •darauf ankommt, nicht sterben zu müssen, 2. einen möglichst grossen Theil des verkommenden jüdischen Proletariats vom totalen Untergange zu retten und einem menschenwürdigen Dasein entgegenzuführen. Für uns Zionisten ist der Kosmopolitismus als Weltanschauung <ein schöner Traum, bloss dazu angethan, einen Indifferentismus 6*