Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 82)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 81 — Momente (intervalla lucida) in dieser ein, welche sowohl unsere glaubensseligen jüdischen Schwärmer als auch edeldenkende Arier in einen Sicherheitstraum einlullen, der aber durch neue Tobsuchtsanfälle umso schrecklicher unterbrochen wird. Und das muss ja so kommen. Denn wo Juden unter Ariern leben und Ansprüche machen, wie Menschen leben zu wollen, da tritt die Mesalliance offen zutage, eine unglückselige Ehe zwischen zwei Nationalitäten, die in ihrem ganzen Wesen, in ihrer ethischen Beanlagung, in ihrer Lebensanschauung toto coelo von einander verschieden sind. Durch die Staatsraison, durch constitutionelle Formen sind die Arier zwar gezwungen, mit den Semiten unter einem Dache lebend, den äusseren Anstand nicht zu verletzen; aber von Tisch und Bett bleiben sie dennoch geschieden. Der stärkere Theil, welcher über die Gewalt verfügt, macht wohl reichlich von seinem Hausherrnrechte Gebrauch und wehe dem schwächeren Theil, wenn er irgend welche Ansprüche erhebt und im Namen der höheren Gerechtigkeit fordert, wo man gewöhnt ist, ihm zu schenken; und noch schlimmer gar, wenn der schwächere Theil es wagt, manch fetten Bissen dem Hausherrn vor der Nase wegzuschnappen. Da gibt's keinen Anstand mehr, da gibt's häusliche Scenen der widerlichsten Art. Einerseits, mit der Muttermilch eingesogen, religiöse Vorurtheile, Unduldsamkeit der Kirche, d. h. ihrer Vertreter, die Dumpf- und Stumpfheit der Massen, die durch gewissenlose Rädelsführer, welche im Trüben fischen wollen, immerfort angestachelt werden: die physische Kraft und das Bewusstsein der physischen Ueberlegenheit, des „Bei sich zu Hause Seins"; andererseits physische Ohnmacht und Minderzahl der Juden, der harte Kampf ums Dasein, der so manchen zwingt, so manchesmal zu unsauberen Mitteln Zuflucht zu nehmen; die wilde Jagd nach dem Gelde, welches allein Macht, Einfluss und persönliche Sicherheit verleiht; die Protzigkeit derjenigen Glücksritter und Parvenüs, die zu Einfluss und Macht gelangt sind, die „Chuzpa" in ihrer widerwärtigsten Gestalt, die durch Jahrhunderte vererbte Findigkeit der Juden auf allen Gebieten des Handels und der Finanzen, und infolge dessen ihr den Ariern gefährlicher Wettbewerb. (Lebhafter Beitall nnd Händeklatschen.) Das sind die Contraste, die immerfort aneinander stossen, zu ewigen Reibungen Veranlassung geben und einen wahren circulus vitiosus herstellen, der einerseits eine aufrichtige Assimilation zur Chimäre macht, zur Fata morgana, mit welcher sich die Juden immerfort vertrösten, — andererseits den Ariern die billige Ausrede in den Mund legt, dass die Juden es nicht verdienen, de jure und de facto gleichgestellt zu werden. Die besser situierten Juden, die Reichen gar, die im Geniessen irdischer Güter im „olam hazeu Ersatz finden für so manche moralische Demüthigung, die jüdische Intelligenz, welche sich hinter ihre wissenschaftliche