Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 79)
- Language
- German, English, Hebrew
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- 79 — und den Charakter dieses Volkes treffend wiedergibt; und dann liaben sie noch eine gemeinsame Schriftsprache, die althebräische, welche Hunderttausende lesen und schreiben, in weicher alle ohne Ausnahme beten und welche eine enorme Literatur aufzuweisen hat Sie leben endlich alle in einem gemeinsamen Golus, oder, um inedicinisch zu reden, sie sind allesammt durch eine gleichförmige Bindesubstanz — durch Verfolgungen und Leiden jeglicher Art — fest miteinander verkittet. Sie haben durch Jahrhunderte eine gemeinsame Vergangenheit durchlebt — im Ghetto; sie haben eine gemeinschaftliche Gegenwart — im Ghetto, und eine gemeinsame Zukunft erwartet sie — eine totale körperliche, moralische und geistige Degeneration, falls nicht irgendwie Wandel geschaffen werden sollte. ... Es wäre mithin ganz widersinnig, von diesen Juden des Ostens behaupten zu wollen, dass sie bloss eine „Glaubensgenossenschaft/' bilden und nicht vielmehr eine Nation, eine Nation sui generis. (Lebhafter Beifall.) Wer unter ihnen längere Zeit gelebt hat, wird wohl zugeben müssen, dass das nationale Bewusstsein dieser Juden des Ostens, wenn auch latent, wenn auch lethargisch gebunden, dennoch ein sehr intensives ist, und es bedurfte nur eines warmen Sonnenstrahles, um in hellen Flammen aufzulodern. Dieser erdrückenden Mehrheit gegenüber steht eine Minderheit westeuropäischer Juden, hauptsächlich in Deutschland, dann in Frankreich, England, Holland, Italien, denen man bei oberflächlicher Betrachtung es kaum ansehen kann, dass sie ausser den religiösen Glaubenssatzungen noch etwas Gemeinschaftliches mit ihren östlichen Stammesgenossen haben sollten. Diese Minderheit ist culturell hochentwickelt, wetteifert auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und der Industrie mit ihren arischen Nachbarn, spricht und schreibt die Landessprache in grösster Vollendung, hat die Sitten und Gebräuche ihrer Umgebung ganz aufgenommen und trägt sie gar oft mit besonderer Ostentation zur Schau. . . . Dazu kommt noch der Umstand, dass diese Minderheit de jure aller Kechte theilhaftig ist, die constitutionelle Staaten ihren Bürgern gewähren, so dass die Magenfrage für die Juden des Westens ebenso befriedigend oder auch unbefriedigend gelöst ist, wie für ihre arischen Nachbarn. Es scheint daher in der That, als ob die westlichen Juden nicht die geringste Veranlassung hätten, von einer Judenfrage zu reden, von einem kranken Organismus, der geheilt werden müsste; es scheint vielmehr, dass für sie die Judenfrage langst gelöst ist. Das bilden sich die Juden des Westens auch ein und deshalb sagen sie von sich: „Wir sind Deutsche, Franzosen, Engländer mosaischer Confession", und um die letzten Spuren der Rasse wegzuwischen, werden sie gar confessionslos. Die besser situierten Juden des Ostens ahmen ihnen nach und behaupten, offenbar der Wahrheit ins Gesicht schlagend,