Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3476254-3476258--0574-3476708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 24 — Etwas ganz Aehnliches erleben wir gegenwärtig im Judenthum. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Es glich bisher einer Winterlandschaft. Alles war starr, alles war bleich und kalt. Aber die reglosen Formen waren monumental. Das Bild hatte Majestät: die Majestät des Todes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Es gab unter uns Juden selbst, aber noch mehr unter den Christen, Liebhaber romantischer Anblicke, die die Poesie dieses Bildes intensiv empfanden und denen es eine Entweihung schien, dass die Strenge dieser unbeweglichen Linien gelöst, die Einförmigkeit dieser reinen Schneedecke durch hervortauchende Erdflecke unterbrochen werden sollte. Und nun kam der Zionismus wie eine Frühlingssonne und begann diese feierliche Eiswüste anzuglühen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) In günstig gelegenen Winkeln, in geschützten Mulden brachen sofort die Spitzen der ersten Grashälmchen und die frühesten Schneeglöckchen hervor. Aber sonst war weit und breit nichts zu sehen als ein einziger grosser Morast. In diesemKothmeer waten wir jetzt. In diesem aufgeweichten Schlammboden versinken wir gegenwärtig bei jedem Schritt bis an's Knie, bis an die Hüfte. Welche Widerwärtigkeit! Welche Mühsal! Alles Niederträchtige, alles Gemeine, was das Judenthum in sich schliesst, was aber hinter der bisherigen Festgefrorenheit verborgen blieb, treibt jetzt auf der Oberfläche. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Allein ein einziger Blick auf den Kalender muss genügen, um uns über diesen leidigen Zeitabschnitt hinwegzuhelfen und in uns keinen Augenblick lang Entrnuthigung aufkommen zu lassen. Denn wir wissen, dass der Frühling ganz nahe ist, (Lebhafter Beifall und Händeklatschen) dass er immer damit beginnt, die reinliche Winterwelt zu versumpfen, dass er aber nicht säumt, den Sumpf in blühende Gefilde umzuzaubern. Der Zionismus erweckt das Judenthum zu neuem Leben. Das ist meine Zuversicht. Er bewirkt dies sittlich durch Auffrischung der Volksideale, körperlich durch die physische Erziehung des Nachwuchses, der uns wieder das verloren gegangene Muskeljudenthum schaffen soll. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Aber der Zionismus vollzieht auch die scharfe Scheidung zwischen dem Lebenden und dem Abgestorbenen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Erst jetzt können wir uns Rechenschaft darüber geben, welche furchtbaren Verwüstungen die achtzehn Jahrhunderte des Galuth unter uns angerichtet haben. Zum erstenmal seit dem Verzweiflungskampfe des grossen Bar-Kochba, den nur niedrige Erfolganbeterei geringer schätzen darf als den glänzenden Hasmonäer, tritt an das Judenthum wieder die Forderung heran, eine Gesammtanstrengung zu machen, sich selbst und der Welt zu zeigen, wieviel es noch an Lebenskraft, an Lebenshoffnung, an