Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 22 — Grund unserer Seele bewegten, werden die Juden als Vollmenschen,, als Vollbürger behandelt, und nur ein misstönender Schrei aus dem ungewaschenen Munde eines Gassenjungen erinnert sie vielleicht noch ab und zu daran, dass man auch in diesen Ländern noch nicht ganz aufgehört hat, sie als eine Sondergruppe innerhalb der Bevölkerung zu empfinden. Aber diese Staaten, glückliche Inseln des Friedens im Ocean des Antisemitismus, beherbergen im ganzen noch lange keine 200.0UO Juden, und ich möchte ihnen nicht nahetreten, indem ich die bange Ahnung ausspreche, dass auch ihre Gerechtigkeit gegen die Juden einer harten Probe ausgesetzt sein würde, wenn ihnen die verfolgten Juden der anderen Länder in grösserer, in grosser Zahl zuströmen würden. (Zustimmung.) Die jüdischen Gegner des Zionismus, denen wir dieses Bild der Weltlage des Judenthums vor die Augen halten,- können nicht leugnen, dass es die Wirklichkeit getreu wiedergibt, aber sie machen mit Kopf und Händen die bekannten beschwichtigenden Bewegungen und säuseln voll Salbung: „Einzelne betrübende Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden. Der Antisemitismus ist eine hässliche Tagesmode und wird vorübergehen." Wie! Ihr seht, dass die Seuche des Judenhasses von ihren altbekannten Herden in immer neue Länder einbricht, dass sie an Stellen verheerend aufflackert, wo sie seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten für erloschen galt oder wo sie, wie in Nordamerika,, vorher nie aufgetreten war, und Ihr sprecht von „einzelnen Erscheinungen"? Ihr wagt es, das rasche Verschwinden des Antisemitismus zu weissagen, obschön der bisherige Verlauf der jüdischen Geschichte Euch mit den Stimmen von sieb enzig Generationen grollender oder stöhnender Juden die Lügenhaftigkeit Eurer Weissagung ins Ohr schreit? Eure Prophezeiung ist nichts anderem als eine Form des betrügerischen Bankerotts. (Lebhafter Beifall, und Händeklatschen.) Da Ihr Eure Schulden nicht in der Gegenwart bezahlen wollt, stellt Ihr grosszifferige Anweisungen auf die Zukunft aus, die Euch nichts kosten und von denen Ihr wohl wisst, dass sie niemals werden eingelöst werden. (Lebhafter Beifall, und Händeklatschen.) Seid doch ehrlich! Habt doch den Muth eurer Kaltherzigkeit! Sagt dem jüdischen Volke doch gerade heraus: „Uns geht es leidlich. Wir haben nicht zu klagen und wünschen keine Aenderung dessen, was ist. Ihr aber, die Verfolgten, die Gedemüthigten, die Gemarterten, Ihr geht uns nichtsan." Hättet Ihr wenigstens die verhältnismässige Anständigkeit, die wirklichen Beweggründe eurer Haltung zu bekennen, so würden wir Euch diese Haltung beinahe verzeihen können. Das jüdische Volk würde Euch dann einfach aus seiner Rechnung streichen und diese Rechnung würde dadurch klarer, genauer, zuverlässigerwerden. Ihr würdet nicht länger die armen Unwissenden unter