Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 16 — nicht minder thatsächlich. Die Arbeit der langsamen, doch sicheren und unwiderstehlichen Ausschliessung der Juden aus den Ehrenstellen und höheren Berufen, die beispielsweise in Deutschland bereits so schöne Ergebnisse geliefert hat, ist in vollem Zuge. Die Zurückdrängung der Juden in eine abgesonderte Stellung, die Wiederaufrichtung unsichtbarer, doch sehr wirklicher Ghettomauern um die aus der Volksgemeinschaft Ausgestossenen ist mit Eifer in Angriff genommen. Dies gilt vom festländischen Frankreich. In Algerien ist die Judenverfolgung schon erheblich weiter gediehen. Dort ist es nicht bei der thätlichen Beleidigung einzelner Juden, bei lärmenden Strassenaufzügen unter dem Rufe: „Tod den Juden!", beim Einwerfen einzelner Ladenschaufenster, wie in Paris, Nancy, Nantes u. s.w. geblieben; dort wurde durchgreifend geplündert und auch ein wenig gemordet. Vielfach wird die Aufhebung der Cremieux'schen Verordnung gefordert, die den algerischen Juden französische Bürgerrechte verlieh, und die Angebereien der Hetzpresse, die der Wuth des antisemitischen Pöbels jede Person mit Name und Wohnung bezeichnet, die jüdische Arbeiter beschäftigt oder in jüdischen Läden einkauft, haben Tausende von jüdischen Proletariern, Hunderte von kleinen jüdischen Geschäftsleuten des täglichen Brotes beraubt. Den Anlass des Ausbruches der Judenfeindschaft in Frankreich kennen Sie alle. Es ist der Fall Dreyfus. Dieser Congress, der das jüdische Volk in seiner Gesammtheit vertritt, hat keine Ursache, sich mit dem Falle selbst zu beschäftigen. Er ist keine Angelegenheit des jüdischen Volkes; er ist eine solche des französischen Volkes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Nur die ihn begleitenden Nebenumstände berühren ein jüdisches Volksinterresse, und nur bei diesen Nebenumständen will ich mit Ihrer Erlaubnis kurz verweilen. Die französischen Judenfeinde haben ein einfältiges Märchen von einem sogenannten jüdischen Syndicat erfunden, das unbeschränkte Geldmittel aufwenden soll, um eine teuflische Verschwörung gegen den französischen Staat zu zetteln. Die Albernheit einer Beschuldigung ist leider kein genügender Grund, dass sie keinen Glauben finde. Das Syndicatmärchen wird von der Mehrheit der Franzosen thatsächlich geglaubt. Es ist deshalb nicht überflüssig, dass wir es ausdrücklich als das bezeichnen, was es ist: als eine ebenso thörichte wie boshafte Erfindung. Es ist ein würdiges Seitenstück zum Blutmärchen. Mit den antisemitischen Lügnern polemisieren wir nicht. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wo sie physisch stärker sind als wir-, da können sie uns unter Umständen ermorden, aber unsere Verachtung überwinden können sie nicht. (Lebh. Beif. und Händekl.) Den anständigen, nur leichtgläubigen und irregeführten Franzosen aber sagen wir: „Seid versichert, dass kein Jude der Welt einen Grund hat, Euch Böses zu wünschen oder zuzu-