Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 2 (1898) Basel, 28. bis 31. August 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 15 — in schmeichelhaften Ausdrücken an. Er gab die entsetzliche Lage der Juden im Siedelungsbezirke zu und beklagte sie mit rührenden Gefühlstönen. Er drückte auch tief betrübt die Ueberzeugung aus, dass das Elend mit jedem Jahre zunehmen werde, fügte jedoch mit ergreifendem Schmerze hinzu, die Rücksicht auf das arme, wehrlose, rechtgläubige Russenvolk verbiete bei aller christlichen Nächstenliebe den allzu gefährlich überlegenen Juden in Russland Freizügigkeit und das Recht auf Bildung zuzugestehen. (Hört! Hört!) In Rumänien verschlöss die Regierung den Juden die Staatsschulen. Nicht nur ihrem Leib, auch ihrem Geiste soll die Nahrung vorenthalten sein. Das Volk, eines Herzens und einer Seele mit seiner Regierung, plünderte und verwüstete in Bukarest und Galatz Judenläden. Ich sage: das Volk, und nicht: der Pöbel. Denn die Angreifer waren zum guten Theil Hochschüler und gebildete Bürger, die bei den Juden — den Fremden! — aus edler Vaterlandsliebe einbrachen, unter den Augen der wohlwollend zusehenden Behörden, die auf die hochherzige, begeisterte Jugend ihres Landes stolz waren. In Galizien brach eine weitverbreitete Volksbewegung aus. die das Einschreiten der Truppen, die Anwendung von Waffengewalt, die Verhängung des Standrechtes nöthig machte. An vielen Orten wurden unsere Brüder an Leib und Leben bedroht, Dutzende verwundet, Hunderte ihrer ganzen Habe beraubt und zu hilflosen Bettlern gemacht. Aehnliche Ausschreitungen, wenn auch geringeren Umfanges, hatten Böhmen zum Schauplatz. Russland, Rumänien, Galizien — nun ja, das sind ja die classischen Länder der Judennoth. Es ist doch selbstverständlich, dass unsere Brüder dort verfolgt, bedroht, unterdrückt werden. Es ist überflüssig, das besonders zu erwähnen. Es ist langweilig, darüber Einzelheiten anzuführen. Das ist eben der zurückgebliebene Osten, dem die Sonne der gesegneten Aufklärung noch nicht tagt. Aber siehe da — auch der vorgeschrittene Westen bietet uns ja einen ganz ähnlichen Anblick! In den Ländern der höchsten Freiheit und Bildung, wo milde, philosophische Duldung den Glaubenhass, wo Brüderlichkeit das Vorurtheil gegen eine bestimmte Abstammung überwunden haben, ertönt ja gleichfalls lustig der Ruf: „Tod den Juden!" . Frankreich, das Frankreich der grossen Umwälzung und der Erklärung der Menschenrechte, das Land, das zuerst Europa das Beispiel der gesetzlichen Gleichstellung der Juden gegeben, marschiert heute an der Spitze der antisemitischen Bewegung. Noch nicht in seinen amtlichen Handlungen und Reden, die Gerechtigkeit erfordert dies festzustellen, noch uneingestanden, doch darum