Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 31 (21.12.1897)
- Date
- 1897-12-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Vesterreichisch-ungärische Lantoren-Aeitung. Nr. 31. zu Liefern; denn ehrlich gestanden, es gibt überhaupt keine Mischen Melodien, wie es auch keine slavischen rc. Melodien gibt. Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem Musik- oder Gesangsstile. , , - Für die musikästhetisch bedeutsamen College» bedarf es allerdings keiner weiteren Erklärung für die Existenz der mannigfachen Mufikstilarten. vom grauen Alterthume an bis auf die heuüge Zeit, doch muß nothgedruugen darauf hingewiesen werden, dass die Musiktheorie unter ״Stil" das Vorhandensein gewisser, nach Gesetzen gefügter Tongrüppen (später auch Härmoniegruppen) versteht, die aus der Gesamtmasse auffällig hervortrcten und der betreffenden Schöpfung, im Verhältniße zu einer andern, den Charakter des Ausschließlichen (Eigenart) verleihen. Es ist nicht opportunen dieser Stelle auf einen Mozart-Beethoven-Mendelssohn- Wagnerrc. Stil hinzuweisen, weil diese Stilarten sich nicht allein durch eigenartige Tongruppirung sondern zumeist durch die Eigenartigkeit der harmonischen Gestaltungen von einander unterscheiden; die theoretische Beurtheilung unseres ehrwürdigen Chasonus drängt vielmehr in jenes Zeitalter zurück, in welchem das Verhältnis der Töne zu einander.für die Beurtheilung des Mnsikstiles maßgebend -war.— also griechische Tonarten und Kirchentouarten. — Untersuchen wir nun das aschkenäfische und polnische Chasonus bezüglich des angedeuteten Tonverhältnißes, so finden wir eine solch' auffallende Analogie des Stiles, dass mau es geradezu unbegreiflich findet, wie man von einer Ungleichartigkeit sprechen kann. Es berührt unangenehm und ist der Begründung hinderlich, sich stets-auf Autoritäten zu berufen, deshalb perhorreszire ich eine solche Begründungsweise, trotzdem ich un Tausenden von Beispielen aus den mannigfachsten Componistenlagern, den Nachweis erbringen könnte, dass unser gemeinsames Chasonus offenkundig nach strengen Prinzipien gefügt ist, mit dem einzigen. Unterschiede, dass die polnischen Chasonim dieses Princip auch auf ihre sonstige Rezitatiousweise (Steiger) übertrugen und. einen derselben, den Jisolitabaob-Stelger, überaus bevorzugten, was bei aschkenasischen Chasonim allerdings nicht der Fall ist. Um jedoch an der Hand der Thatsacheu den Nachweis für die Behauptung zu erbringen, dass das Chasonus sämmtlicher Richtungen auf gemeinsamer Basis*) ruht, weise ich hier auf meine seinerzeit aufgestellten drei Steigerskalen (Jischtabacb, Mögen owans und Adonoj moloob) hin und schlage vor, den Werktags-Gottesdienst im ,Schire OhelJakob“ mit mir durchzublättern, weil ich voraussetze, dass diese aschkenasischen Auf- Schreibungen auch für Herrn .Rosenhaupt erschöpfend maßgebend sein dürften. Da findet sich das auch bei uns übliche, ganz modern klingende Asobre- und Eaddisob-Recitativ mit dem Ausklingen von G־-dur nach E-moll und dem üblichen stimmungsvollen Uebergange nach O-dur zum Scbmone essre-Recitativ. Dieses einfache, der Alltagsstinunung angemessene Recitativ würde Misere Aufmerksamkeit nach keiner Richtung fesseln, wenn nicht bei zwei interessant sich abhebenden Stellen, u. z. bei liwne wenehem und meleeb oser die herrschende O-dnr-Stimmung durch die kleine Septime B, charakteristisch unterbrochen würde; dasselbe ist bei dein meclialkel obajim-Recitativ Nr. 6, u. z. bei den Stellen werofe ebolim und melecb memis, wie auch im Recitativ Nr. 9 der Fall. Dergleichen Erscheinung begegnet man im ״Scbire Obel Jakob“ I. Freitag-Abendgottesdienst, wo bei dem Abendgottesdienst-Recitativ, u. z. von Boreobn angefaugen, *) Auch daS fephardischr Chasonus, welches griechisch und italienisch, beeinflusst erscheint, zeigt unverkennbare Spuren dieser einstigen Basis. diese merkwürdige kleine Septime vorherrscht, ohne jedoch von C nach F zu leiten, sondern die Ursprungstouart 0 hübsch beibehalten bleibt. Demnach ist' offenkundig dargethäu, dass das aschkenasische Chasonus die Kriterien der Adonoj moloob- Steigerskala, also die Skala 6, d, e, f, g, a, b, 0,-aufweist: sonderbar bleibt es allerdings, dass die Piece, welche der Steigerskala den Namen gab, also Adonoj moloob, im Aschkenas ganz anders recitirt wird, während der polnische Chasen das Jntervallenverhältnis des Steigers gewissenhaft einhält. Was das Vorhandensein der. Mögen o^aus-Steigerskala e. d, es, f, g, as, b, 0, betrifft, liefert uns das Heftchen ״Lobire Obel Jakob“ I. Th eil, ü. z. die Recitative Nr. .20 Wajechulo a 111 b b., . sowie die.darauffolgenden Nr. 21 Fl Habodoos und 23 Elobenu den eklatantesten Nachweis. Dass hie und da das leiterfremde A und H mit seiner modernen Färbung auftritt, befrenidet bei der bekannten Modernisirungssucht keineswegs. Formgerechter wäre'es allerdings gewesen, mau hätte an'den charakteristischen Tönen As und B nicht gerüttelt .— doch weisen die angeführten Stellen allenthalben den Charakter der Mögen o^vaus-Steigerskala so offenbar ans) dass an ein Fehlen auch dieser Gattung im aschkenasischen Chasönus gär nicht zu denken ist. Und nun noch die vom Herrn Rosenhäupt so arg verpönte ״slavisch-weiuerliche" Tonart des Jisobtabaob-Steiger'e, f. gis, a, b, o, d, e. Möge Herr Rosenhaupt sich einmal' die Stellen Nr. 50 Scbomer jisroel und scbomer goj ecbod in seinem ״Scbire OhelJakob“ HL Theil genau ansehen, oder möge er den im selben Hefte vorfindlichen Job! r020n Nr. 56 in Anbetracht ziehen und erklären, wieso es kommt, dass diese angeführten Nummern mit C-dur oder A-moll vorgezeichnet sind, da doch offenbar keine dieser Paralleltonarten zum Ausdrucke gelangt? Da ist nicht zu octroiren, dass die Piecen sich in A-moll mit dem Schluffe in der Dominante bewegen, sondern jeder Unbefangene muß sofort zur Ansicht gelangen, dass die beiden Recitative auf der E-Ba8i8 ruhen und auf der Jisobtabaob- Steigerskala E, F, G-is, A, H, 0, D, E, aufgebaut sind. Dass die Stimmung der angeführten Recitative durch das ungerechtfertigte Einschieben eines Gstatt Gis und namentlich bei misraze beracliamim in Nr. 50 gewaltsam nach G-dur und E.-moll geleitet wird, findet seine Begründung in dem souveränen Modernisiren der aschkenasischem Chasanim; ein polnischer Chasen dürfte sich ein solchen Eingriff auf die Form nicht erlauben, ohne für einen ״Drong" (Unwissender) erachtet zu werden. Nummer 26 Jisroel noscba ist gleichfalls auf der Jisobtabaob-Skala D, Es, Fis, Gy A, B, 0, D,' aufgebaut. Am auffälligsten jedoch tritt diese Stilgattung in den Nummern 13, 14, 19 und 22 des vorliegenden Heftchens 8״ebire Obel Jakob“ UL auf; da werden die Tonstückchen nochgedrungen, aber unberechtigt, mit vier Kreuzen also in E-dnr . verzeichnet, und schon im allerersten Takte erscheint das vis in D, das A in Ais und das Gis in Gr verwandelt. Man sehe sich einmal diese ewigen Erhöhungs- und Verminderungszeicheu in diesen Pier Tonstückchen an, und man wird beipflichten, dass bei solch' auffälligen Erscheinungen doch jeder Musiker gedankenvoll verweilen — nicht mit Auswandern und Vergessen historisiren, sondern diesen frappanten musikalischen Thatsacheu muthig zu Leibe rücken und, wenn nicht anders möglich, durch das Secirmesser die Schäden loszulegen trachten muß, Unter Schäden verstehe ich hier den Conflikt, der zwischen der vorgezeichneten Tonart und der wirklichen Tonartbasis auftritt.