Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 31 (21.12.1897)
- Date
- 1897-12-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Seite 3. Experte Dr. Kunwald beantragt, es solle ein Modus gesucht werden, dass die sogenannten Fünfguldenmänner, die von der Cultussteuer ausgelassen wurden, das seien Hunderte, die gerne beitragenmöchten,■, um nicht Stiefkinder der Cultusgemeinde zu .sein,, zur Beitragsleistung heraugezogen. werden. Damit wären die nöthigen Mittel beschafft. An der : weiteren Discussiou •׳ betheiligen sich noch .. die Experten Sigmund Trebitsch, Dr. Hecht, Heit, .Frau. Commerzialrath Eis e n b e r g e r, Dr.. Asche r. Ueber Antrag der Frau kaiserl. Rath Dr. Koh n wird beschlossen, die Ver- Handlungen wegen vorgerückter Zeit zu vertagen und. dieselben in der nächsten Sitzung wieder anszunehmen. Jüdische Melodien. .-ן . Bom Obercantor. I o s e f Singer in Wien. - Mein verehrter Nachfolger im Nürnberger Cantorate, Herr Obercantor Rosenhaupt, veröffentlichte in der ״AllgemeinenZeitung des Judenthums" und vor Kurzem, auch in diesen Blättern einige Behauptungen bezüglich des jüdisch-cantoralen. Gesanges, die, wenn sie unerwidert blieben, von manchen, mit dem wichtigen Gegenstände weniger vertrauten Kreisen vielleicht als unantastbare Doktrine erachtet werden und der heiligen Angelegenheit schaden könnten. Zwar hat Herr College Friedmann in Berlin durch eine treffliche Widerlegung den Rosenhanpt'schen Angriff auf die polnischen Chasonim vollständig Paralysirt; doch bedürfen die anderen, viel wichtigeren, weil die sogenannte ״jüdische Melodie" betreffenden Lehrsätze des Herrn Rosenhaupt einer weitern Erklärung,, die im Nachfolgenden geliefert werden soll. Der bessern Uebersicht wegen erlaube ich mir einige Kardinalstellen dieser Rosenhanpt'schen Behauptungen hier wörtlich anzuführen. Herr Rofenhaupt schreibt, ״dass die meisten Melodien, welche in den Synagogen des Nordens und Ostens zunr Ausdrucke gelangen, größtentheils f l av i sch .und der Willkür des jeweiligen Ca n r o r s preis g eg eben sind. Der polnische CH äsen besitzt nur selten bestimmte Melodien für einzelne Piecen, sondern sie s i n d s e i n e m G e s ch m a ck e und seine r P h a n t a s i e a n h e i m g e g e b e n." Und an anderer Stelle: ״Ihre gedrückte Lage bewirkte, dass sie die Tradition vergaßen, den trüben, mitunter unheiml i ch e n s l a v i s ch e n Melodien sich Hingaben und diese f ü r d e n G o t t e s d i e n st v e r w e r t h e t e n. Daher das heutige Extemporantenthum im Cantorate, ohne jeglichen Halt und ohne jede Tradition. Singt gewöhnlich solch' ein polnischer C h a f e n eine Piece, verschnörkelt nach jeder Art, die er nicht zu wiederholen vermöchte, so nennt er das — ebenso selbstgefällig als unberechtigt — echt jüdisch nach alter Weise." Der behandelte, Gegenstand ist uns Allen viel zu heilig, als dass ich in dem Passus:״Singt gewöhnlich s o l ch' e i n p o ln i s che r Chase 11" eine beabsichtigte, liebenswürdige Frivolität erblicken könnte — einen sogenannten ״G'spaß," der zum Lachen reizen und auf die polnischen Chasonim den Fluch der - Lächerlichkeit laden sollte. Nein, nein! Herrn!Rose-nhaupt ist die Sache ebenso ernst, wie mir, nur dünkt es mich,, dass Herr R.-, der doch niemals Gelegenheit hatte, polnische -Chasonim in Polen zu hören, der auch niemals im Leben ein Mefchorer war, in. seiner Begegnung mit polnischen Chasonim! . in Deutschland entschieden Pech hatte, indem er die Gesangsleistungen einzelner herumreisender, polnischer Schnorrer als den Gattungswerth aller polnischen Chasonim erachtete: im Banne dieses Eindruckes ist die etwas ״gspaßige" Ausdrucksweise: ״S ingt g ewöh nlich s o l ch' ein p o lni s ch er Ch a sen rc." zu verstehen. Hätte Herr Rosenhaupt jemals Gelegenheit gehabt, einen leibhaftigen polnischen Chasen zu hören, oder wäre er gar bei einem solchen Meschorer gewesen, er würde den Ausspruch nicht riskirthaben, dass die polnischen Chasonim ״ohne jeglichen H a l t u n d T r a d i t i o n" sängen, sondern federleicht zur Ansicht gelangt sein, dass wir Epigonen vor den einstigen polnischen Chasonim in Ehrerbietung den Hut lüften müssen. Doch wenden wir uns einer anderen, viel wichtigeren Seite der weitern Rosenhanpt'schen Behauptungen zu, u. z. dem jüdischen Gesangsstile. Herr Rosenhaupt spricht mit dem Brusttöne der Ueberzengung von deutschen,' slavischen, maurischen, spanisch-, portugiesischen und türkischen rc. Melodien oder Weisen, ohne den Nachweis zu erbringen, welches charakteristische Merkmal jede dieser von ihm angeführten Melodien von anderen unterscheidet, oder besser gesagt, an welchen theoretischen Eigenarten diese oder jene Melodie zu erkennen sei. Mit Eniphase von aschkenasischem Chafonus zu sprechen, ohne die Darlegung kund zü thun, welch' musikalisch - wesentlichen Merkmale dieses aichkenasische Chasonus von einen andern unterscheiden, ist billig — aber keineswegs zweckdienlich. Mit einer solchen neideswerthen Sicherheit und mit solcher fachmännischer Begründnngsmethode könnten auch etwa die chinesischen Juden ihr etwaiges chinesisches Chasonus anpreisen. Deshalb gestatte ich mir die Erklärung, dass derjenige, der in Melodien oder Volksliedern den Charakter irgend eines Nationalgesanges verkörpert sieht, eine verfehlte Richtung eingeschlagen hat. Nicht die einzelnen Melodien, sondern der Charakter, der dieselben von anderen unterscheidet, verleiht ihnen erst die Bedeutung einer spezifischen Volks- oder Nationalmelodie. Wären die Melodien wirklich die Verkörperung des altjüdischen Gesanges, so müssten doch alle Juden dieselben Melodien besitzen. Wir wissen aber, dass dem nicht so ist. Allerdings behauptet Herr Rosenhaupt, dass die aus Deutschland nach Polen ausgewanderten Juden die angestammten Melodien vergaßen und sich die weinerlichs l a v i s ch e n Gesänge aueigneten. Mit derselben Berechtigung, als Herr Rosenhanpt die Vergesslichkeit der nach Polen eingewanderten Juden für sich in Anspruch nimmt, könnten Andere das schlechte Gedächtnis der in Aschkenas zurückgebliebenen Juden ins Treffen führen; psychologisch berechtigter wäre vielleicht die Annahme, dass der aus der Heimath verbannte und leidende Mensch sich eher an einstige Jugendeindrücke klammert, als der in der Heimath sorgenlos Zurückbleibende, dass demnach die von Deutschland nach Polen ausgewanderten Juden im Exile ihre angestammten Heiligthümer eher zu bewahren trachteten, als die in Deutschland zurückgebliebenen glücklicheren Glaubensbrüder. Wer demnach vergessen — oder sagen wir — verändert hat, kann ' durch einen einfachen Machtspruch nicht als vollendete Thatsache hingestellt werden. Thatsache bleibt, dass der ״Minhag Aschkenas" andere Melodien aufweist, als der ״Minhag Polen" Nach dieser Darlegung des Herrn Rosenhanpt. dass nämlich die aschkenasischen Synagogen m e l o d i e n von den polnischen abweichen, wäre folgerichtig an eine Einheitlichkeit dieser beiden Gattungen von Synagogen- oder jüdischen Gesängen nicht Zu denken,' Und faktisch fällt auch keinem erfahrenen Fachmann ein, eine solche auf Melodien gegründete Beweisführung