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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-12-01 · Heft 29 (1.12.1897) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 29 (1.12.1897)
Date
1897-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Gesterreichisch-urigarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. sei hier unter anderem ein Schlusskaddisch auf Seite 36 erwähnt, in welchem wir oben die Stelle ans einer Arie des Leporello in Don Juan und nuten das Recitativ aus Jndas. Makkabäus wahrnehmen n. s. w. Mit dem Freitagabendgottesdienst beginnt das Werk, wovon mir n u r der Weschomru für Cantor allein imponirt. Ueberhanpt alles, was sich in demselben auf traditionellem Boden bewegt, ist schön, mitunter mustergiltig, während das Moderne auf viel schwächeren Füßen steht. Vornehmlich sind der ״Bor’chu“ für Vorabend an Scholösch Begolim, Tal und Geschem (Nr. 59 und 60), sowie die traditionellen Jomim-Noroi'm־Gelänge, größtentheils als vorzüglich anzuerkennen. Bei den letzteren freilich scheint dem Componisten zuweilen der Athem ausgegangen zu sein, indem er den zweiten Satz einer traditionellen Melodie aus nnersichtlichen Gründen hinwegließ und hierdurch das betreffende Stück zu einem ermüdenden, monotonen Fragment gestaltete. So beispielsweise in Adire ajumo Nr. 95. wovon die z w eite Hälfte der Melodie fehlt und die erste sich ununterbrochen wiederholt. Im Großen und Ganzen besitzen wir aber in diesem פעל חיי אדם eine nicht zu unterschätzende Bereicherung unserer synagogalen Musik, durch welches wiederum zur Genüge dargelegt wurde, dass alle mit .Chants traditionelles“ bezeichncten Melodien unserem süddeutschen Chasonus vollständig gleichen, was ich zum Schluss noch ausdrücklich hervorheben wollte. * -r- Auf die vorstehende Abhandlung replicirte Herr Cantor A. Friedmann in Berlin in folgender Weise: Herr College Rosenhanpt sprach in seiner Erwiderung an Herrn College!! Dubowski-Berlin von ״unseren echt traditionellen Melodien". Ich erlaube mir. hierauf Folgendes zu erwidern: Die jüdifchen Melodien, welche ich in meiner Heimat Polen gelernt, habe ich in Deutschland in den Werken von Sulzer. Le!vando!vski. Weintraub und Deutsch niedergeschrieben vorgefnnden. Wie kann daher Herr College Rosenhanpt sich auf seine ״Forschung" berufen, wenn er von .,unseren" traditionellen Melodien spricht? Wurden nur die süddeutschen Melodien am Sinai uns vorgesungen? Oder nur die norddeutschen Melodien? Wenn College Rosenhanpt auf seiner Forschung fußt, musste er doch wissen, dass alle unsere traditionellen Melodien uns nicht auf dem Sinai vorgesnngen wurden. Ich e!npfehle Herrn College!! Rosenhanpt die jüdischen Gesänge von William Wolf und Marksohn. Ans denselben ist zu ersehen, wie sich z. B. die כל נדרי Melodie entwickelt hat. — Ist der Inhalt ממקומך in Süddeutschland anders als in Norddentschland oder gar in dem verächtlichen Polen? Basiren nicht vielmehr die jüdischen Melodien auf den alten Tonarten, deren gesangliche Weisen vielmehr dem g es am mten jüdischen Volke eigen sind, weil sie den Inhalt der Gebete ausdrücken? Auch der Stil des Wochentagschasonus ist überall derselbe. Kleine Abweichungen sinden wir nicht allein hierin, sondern überhaupt bei allen Stilarten, die ein besonderes Gepräge an sich haben. Herr College Rosenhanpt behauptet, dass der polnische Chasan nicht im Stande sei, den gewöhnlichen, einfachen Werktagsgottesdienst zu verrichten. Hierin hat Herr College Rosenhanpt vielleicht insofern Recht, da der polnische Chasan, obgleich er nicht den Obercantortitel führt, überhaupt nie an Wochentagen vorbetet, ja nicht einmal an jedem Sabbath, sondern nur einmal in vier Wochen. Wenn aber doch der polnische Chasan an Wochentagen vorbetet, so hat dieser Tag eine ganz besondere Bedeutung. Er bekommt vielmehr das Gepräge eines Festtages. In Polen wird z. B. der 15. Kislev von der Chewra Kadischa gefeiert. Wird ganz ש״ם zu Ende gelernt, so begeht der Verein ein großes Fest, und der Chasan betet dann vor. Ich wünschte Herrn College!! Rosenhanpt, wenigstens eine Piece von einem polnischen Chasan an Wochentagen zu hören. Er würde dann wohl anders urtheilen. Mit großer Rührung denke ich selbst an die Wochentagspiece!!, die ich in meiner Heimath gesungen haben wie z. B. ברוך שאמי, אלדד נשמה und אבער האב. Alle diese, Gesänge hatten eine Fülle von dem ״würdigen uralten חזנות". Schon bevor ich die Wochentagsgesänge "שירי א" י HI von Herrn College!! Rosenhanpt gesehen habe, habe ich diesen Gottesdienst in seinem vollen Umfange componirt. Ich möchte hier nicht auf Einzelnheiten eingehen, damit es nicht den Anschein gewinnt, dass ich die eigenen Compositionen anpreisen wolle. Eins aber sei mir gestattet zu bemerken, dass Herr William Wolf, der mit der Herausgabe seiner Mnsik-Aesthetik seinen Ruf in der Musikwelt noch vielfach erhöht hat. keinen Anstoß nimmt, meine Wochentagsgesänge im hiesigen Seminar, wo er als Nachfolger des seligen Lewandowski den Musikunterricht leitet, mit den angehenden Cantoren zn studiren. Gerne stelle ich auch Herrn College!! Rosenhanpt das Manuskript zur Verfügung. Wenn Herr College Rosenhanpt Folgendes behauptet: ״Allein, was Chasonus anbelangt, vermag der in unserer Liturgie unbewanderte Pole nicht zn urtheilen", so muß ich bemerken: Die meisten jetzt in Deutschland sogar!1! Ehren fungirenden Cantoren haben sich allerdings erst hier allgemeine Bildung angeeignet. Dagegen haben sie in ihrer Heimat von Kindheit auf sich ausschließlich mit dem Chasonus befasst, so dass sie dasselbe, man darf es wohl aussprechen, mit der Muttermilch eingesogen haben. An anderer Stelle sagt Herr College Rosenhanpt: ״Er kennt keine Tradition und hat auch keinen Halt beim Gesang." Diese Vorwürfe sind unbegründet. Auch in Polen kennt man ganz genau die traditionellen Gesänge. Auch dort singt man die יבל נדרי.עבודה den מוסף קריש mit den üblichen Melodien wie in Deutschland. Ferner kennt auch der polnische Chasan den Stil eines jeden Gebetstückes. Er würde nie ־אהבה רבה®^!^!: mit מי שברך verwechseln, ebenso nicht 1^j7!2r2-Steiger mit -אחה?ובי. Der polnische Chasan hat daher wohl ״Halt" beim Gesang. Ferner sagt Herr Rosenhanpt: ״Es ist kühn, von jener Seite über altjüdische Melodien zu sprechen, die vielleicht das Davidle, der Eisek, der Schmul und der Boruch erfunden haben." Auch Herr Obercanter Singer in Wien spricht von diesen Namen in einem seiner Artikel, aber mit ganz anderer Pietät. Er nennt diese Cantoren ״erste Gilde, auf die wir Jünger einer späteren Epoche mit Achtung zurückblicken müssen". Ferner behauptet Herr College Rosenhanpt von dem polnischen Chasan, dass er sich schwer ״amalgamirt", und dass er auch gesangliche llnarten an sich habe. Jeder Cantor, der in Deutschland eine Stelle bekleidet, war eifrig bemüht, selbst die Anforderungen, die Herr College Rosenhanpt an den Cantor stellt, sich auzueignen. Der polnische wie der norddeutsche Cantor haben stets das Ziel vor Augen, der Gemeinde zu gefallen oder, wie es in der hebräischen Sprache heißt, מרצה לקהל. Von demselben Gedanken, behaupte ich, ist auch der süddeutsche Cantor beseelt. Uno wenn der Cantor der Gemeinde gefällt, sei es mit den süddeutschen oder mit den norddeutschen Melodien, so hat er seinen Zweck als שלייה צבור erfüllt und sich auch selbst im Sinne des Herrn Rosenhanpt amalgamirt. Was aber die gesanglichen llnarten betrifft, die den polnischen Cantoren anhaften, will ich Folgendes erwidern. Als ich mich im Jahre 1893 in Ems anfhielt, lernte ich den Opernsänger Rawner aus Italien kennen. Die Berliner Zeitungen schrieben gerade vorher von ihm. er sei eine sehr bedeutende Kraft als Opernsänger. Ja, kein Opernsänger hätte solche Ehren- Zeichen aufznweisen wie Herr Rawner. Ich bot daher alles auf, um meinen Landsmann, den königlichen Sänger, zu hören, aber vergebens. Eines Tages sagte ich zu ihm: ״Ich möchte doch nicht Ems verlassen und Sie nicht gehört haben." Darauf erwiderte er mir: ״Nun. ich will Ihnen sagen, wie ich singe. Ich singe wie ein polnischer Chasan." Dieser Ausspruch genügte mir. Ich entnahm diesen Worten, dass er mit großer Empfindung und mit seelenvoller Innigkeit singt. Schließlich wnndere ich mich sehr, dass sich bis jetzt kein Cantor gefunden hat, der an dieser Stelle die Behauptungen des Herrn Rosenhanpt gegen Altmeister Lewandowski zn widerlegen versuchte. Schreiber dieser Zeilen hat dies bereits in einer Fachzeitung gethan. Ich glaube aber, dass ein Wort darüber wohl auch hier am Platze ist. Herr College Rosenhanpt macht Lewandowski zum Vorwurf, ״er ist in den Compositionen, die er dem Chasan zugewiesen hat, vielfach von der Tradition abgewichen". Dieser Vorwurf ist mir schon insofern unverständlich, als auch die Nürnberger Gemeinde, wo Herr Rosenhaupt als

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