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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-12-01 · Heft 29 (1.12.1897) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 29 (1.12.1897)
Date
1897-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitunotz Str. 29. ihm ranken sich noch bedeutende geniale Schöpfungen auf dem Gebiete des Synagogengesanges empor. Freilich wurde auch seit einigen Dezennien gar manches für die Synagoge an das Tageslicht gefördert, was den guten Geschmack zu untergraben sowie Geschichte und Tradition zu entehren drohte. Allein das Gute erringt doch den Sieg und wird sich hoffentlich stets oben erhalten. Mit großer Sorgfalt und eminentem Fleiß hat Herr Dr. Ackermann über unseren ״Synagogalen Gesang" eine interessante Studie gebracht, in welcher schließlich bewiesen, dass man in der Hauptsache eigentlich nichts weiß. Das ganze fundamentale Gebäude seiner Ausführungen steht vornehmlich auf der Veste des Talmuds, woraus wir erkennen, dass sich Israel allezeit hervorragend mit Gesang befasste und diesen namentlich für den Gottesdienst verwerthete. 5) Welcher Art aber derselbe war, darüber wird uns wenig Auskunft gegeben. ״Der erhöhte Grad musikalischer Leistungen galt von den Israeliten, die, wie sie sich selbst ״das auserwählte Volk" nennen, auch als das auserwählte Volk in der Tonkunst unter den Nationen des varklassischen Alterthums dastehen." So lässt sich einer der bedeutendsten nichtisraelitischen Musikforscher der Jetztzeit vernehmen, und — das genügt. 6) Wenn die Accentuation für die Thoravorlesung (זרהא), die Herr Dr. Ackermann, in drei Versionen aufgestellt, als uralte Musikzeichen zu betrachten geneigt wäre, so scheint diese Annahme an Richtigkeit zu gewinnen, sobald man die Musikzeichen der alten Inder, Chinesen, Perser, Aegypter, Griechen und selbst die der ersten Christen sich vergegenwärtigt, deren Aehnlichkeit mit unserer ׳זרהא freilich in variirender Form, nicht zu verkennen ist. In diesem Falle dürfte letzterer vielleicht der Vorzug der Anciennetät eingeräumt werden. Wir gebrauchen diese musikalischen Accente jedoch heute noch ausschließlich für die Thoravorlesung am שבת ושלוש רגלים. Wie aber steht es mit denselben Accenten, die eine entschieden andere Melodie involviren. wie sie beispielsweise bei der Thoravorlesung an den ימים נוראים oder bei dem Vortrag der Hafthora üblich ist? Diese Varianten treten mit großer Bestimmtheit hervor, während hierüber noch so wenig nachgedacht wurde.ל) Ob aber hiernach die Haupt'sche Annahme: ״dass man unsere Sarka als ein Notensysten ansehcn muffe", an Wirklichkeit gewinnt, wollen wir dahingestellt sein lassen. Jedenfalls können wir sie als Musikzeichen ältester Art behaupten. Sind ja doch unseren Psalmen entschieden anders gestaltete Accente beigegeben, welche sicherlich für die Betonung und Rythmus derselben eine große Bedeutung hatten, aber wir kennen letztere nicht; sie ist leider verloren. Was die drei aufgestellten Versionendes Herrn Dr. Ackermann anbelangt, so bedauere ich. mit der Art der zusammengestellten Gruppen nicht ganz einverstanden sein zu können. Beispielsweise wird die zweite ״die spanisch-italienische" von ihm genannt. Dass aber die Vereinigung jener beiden Gruppen nicht richtig, ihre Konformität nicht zutreffend ist, dürste sich aus der Thatfache ergeben, dass vielfache Merkmale vorhanden, welche die in Italien als traditionell erachteten Synagogengesänge den uuserig en ganz identisch macht. Wenigstens war es ursprünglich so, und lässt uns hierdurch nicht minder, wie schon erwähnt, die süddeutsche synagogale Sangesüberlieferung als die älteste und echteste erscheinen. Vor ca. 18 Jahren übergab mir mein verehrter Lehrer, Domkapellmeister Professor Dr. Benz, zwei dicke in Pergament gebundene Folianten zur Ansicht, welche lediglich Messen und anderweitige Kirchengesänge, soweit mir erinnerlich, aus dem 17. Jahrhundert enthielten. Er verwahrte sie wie ein Kleinod, und ich durfte es als eine besondere Gunst seinerseits erachten, dieselben einige Tage in meiner Behausung haben zu dürfen. Es waren lauter prächtige Musikstücke von den berühmtesten 5) Die Tonkunst hat sich überhaupt ans den E ulten aller Nationen erst entwickelt. c) E. Naumanns Musikgeschichte I, Seite 6. . ד) Unsere heutigen Tonarten sehen sich, so verschieden sie auch sind, vom Laren betrachtet, ganz ähnlich; .sie werden nur durch Vorzeichen festgestcllt. — Sollten vielleicht aus unserer Särka in ähnlicher Weise, verschiedene Tonarten sich herausgcbildet haben? — — Meistern jener Zeit,. daruilter auch mehreres von Palestrina. Herausgegeben waren diese herrlichen, nunmehr antiken Gesänge von Benedetto Manchello, und, wenn ich nicht irre, in Venedig gedruckt und verlegt. Wie staunte ich aber, als ich sah, dass man zu allen jenen musterhaften Compositionen die Motive dem Schatze unserer traditionellen hebräischen Gesänge entnahm. Zu dem Ausbau bedeutender Musikstücke unsere Melodien zu Grunde legte! Am Kopfe jeder Messe oder sonstiger Piecen, also obenan, war nämlich in anerkennenswerther Ehrlichkeit mit gedruckten hebräischen Lettern, sodann durch Noten ältester Art das Motiv treu und vollständig angegeben, wonach das Stück poliphonisch, resp. kontrapunktisch dnrchgearbeitet worden war. Da bemerkte ich u. A., wie erwähnt, in hebräischer Ueberschrift und mit N oten fixirt, als Leitmotiv: הדיש למוסה דר״ה וי״ב ׳לדור בייוך ׳המבדיל בין חידש לחול׳ לכה דודי u. s. w., und das Interessanteste an der Sache war, dass sämmtliche Motive (Melodien) ganz evident, Note für Note, mit unserem überlieferten süddeutschen חזנות übereinstimmten. Eine solche Entdeckung musste meine Annahme über Alter und Echtheit unserer traditionellen Melodien nur bestärken, und sie beweist auch, dass die Gleichheit des italienischen הזנות (wie das des französischen, holländischen rc.) mit dem unsrigeu zutrifft, dagegen mit dem sephardischen als gleichartig nicht zusammengestellt werden kann. Anderentheils aber muß es uns mit einem Gefühle der Genugthunng erfüllen, dass man es in jener, keinesfalls sehr rosigen Zeit für Israel doch nicht verschmähte, seine traditionellen Melodien zum Aufbau herrlicher, gigantisch angelegter Kirchengesänge in Anspruch zu nehmen. Jene merkwürdigen Bücher musste ich nach wenigen Tagen wieder zurückgeben. Als der Besitzer (Professor Dr. Benz 8) gestorben war, bemühte ich mich, dieselben womöglich durch Ankauf an mich zu bringen, kam aber leider schon zu spät; sie waren bereits in die Hände eines kunstsinnigen Domkapitulars übergegaugen. Letzterer aber weilt auch nicht mehr unter den Lebenden. Immerhin gebe ich die Hoffnung nicht auf, jene interessanten Musikalien wiederzufinden. Bevor ich schließe, gestatte mir noch der geehrte Leser eine erfreuliche Sache zu erörtern, die mit der Anregung des Herrn Professors Dr. Steinthal im Einklang zu bringen ist. Es betrifft das vom israelitischen Konsistorium zu Paris bereits herausgegebene und von Samuel David znsammengestellte vielfach komponirte wie arrangirte Synagogengesangswerk: .פעל היי איים ״Musique religieuse ancienne et moderne en nsage dans les temples consistoriaux de Paris.“ Es ist in der That erhebend, welch reges Interesse, welche Opferfrendigkeit, welche Liebe unseren Tempelgesängen entgegengebracht wird, wie es die Herausgabe dieses umfangreichen Werkes bezeugt. Ja, hierin sind uns die französischen Juden voraus; sie erkennen in idealer Ueberzeugnng, welch wichtiger, den Lebensnerv des Jndenthums integrirender Theil sein Cultus sei, und entfalten auf diesem Gebiete eine Rührigkeit, von welcher der deutsche Jude, dessen Indifferenz in culturellen und religiösen Dingen viel bemerkbarer ist, lernen könnte. Folglich erfreuen sich auch dort alle größeren Gemeinden besserer Cantoren- und Synagogenchor-Verhältniße wie in anderen Ländern. Es gehört zwar nicht in den Rahmen meiner Betrachtung, den Inhalt des genannten פעל חיי ארם zu besprechen, doch möchte ich nur Einiges hervorheben. Der musikalische Geist, der im Allgemeinen die Gesänge dieses Werkes, namentlich in der Harmonisirung, durchzieht, ist französisch: sie sind außer den herrlichen, mitunter groß angelegten (am Ende des Buches sich befindenden) Psalmen weniger poliphonisch gehalten und deshalb leicht ausführbar. Dies würde ja weiter kein Fehler sein, wenn sich nicht, vornehmlich in den modernen Piecen ganze Sätze eingeschlichen, die mir aus Opern und Oratorien geläufig sind. 9) Solches sollte der Componist derartiger Gesänge besonders verhüten oder eventuell der Sammler ausscheiden. Nur nebenbei 8) Ein berühmter Contrapunktist seiner Zeit. - 8 9 ׳) Außerdem werden sogar Mi. scheosso nissim, Jechadschehu, sodann ׳ söchrenu leehajiin Nr. 100 als ״d’apres Beethoven" und anderes nach Mozart und Mendelssohn angegeben.

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