Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 29 (1.12.1897)
- Date
- 1897-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29. Gefterreichisch-ungarische Lantoren-Aeituncz 'Srette 3. Ausdehnung den Cantoren-Verein zu einer nach jeder Richtung imponirendcn Corporation zu gestalten, um mit bescheidenen Mitteln Bedeutendes zu erwirken, und wenn wir unserer heiligen Ausgabe gerecht werden wollen, müssen wir Cantoren Oesterreich- Ungarns gleich Brüdern fest und cinmüthig Zusammenhalten. Und welches ist denn unsere Aufgabe, was müssen wir anstrcbcn? Die Erlangung der staatlichen Anerkennung des Bernfscantors, als eines den Rabbinern und Religionslehrern gleichen Faktors in der jüdischen Gemeinde; das D e s i n i t i v u m 11acf> absolvirtem Probejahre, und was ich vielleicht in erster Reihe erwähnen sollte, die G rü n düng einer C a n t o r e u s ch u l e, welche berufen wäre, tüchtige Cantoren, würdige Bertreter den Gemeinden zu liefern, welche sowohl durch jüdisches Wissen, als auch durch musikalische Bildung und Intelligenz dem Cantor die ihm gebührende Position und sociale Stellung sichern würden. Heute Haschen und erlangen auch leider viele Ignoranten, verkommene Tingl-Tangl-Sänger nach cantoralen Functionen, dass der wirklich würdige und gebildete Fachmann oft ohnmächtig der Schaar der ״Wilden" gegcnübcrsteht, ohne zu wissen ״meajin jowau ezau. Die Umgestaltung dieser Vcrhältuiße müssen wir aus allen Kräften anstreben. Biele meiner geehrten College» werden wohl diese nur in Hanptzügen dargclegte Ansprüche als Utopien bezeichnen, ich bin jedoch der Ueberzeugung, dass eine starke Vereinigung, mit einer pflichtbewussten, energischen Leitung an der Spitze, all' diese gerechten Wünsche verwirklichen kann. Der wohllöbliche Vorstand des österrr-uugar. Cantoren-Bereines möge daher zu der demnächst abznhaltcndeu Cantoren-Bcrsammlung auch die College» Mährens einladen, welche, ich hoffe zuversichtlich, der Einladung auch Folge leisten und den Friedensbestrcbungcn keine Hinderniße in dem Weg legen werden. Eintracht und Friede ist die Hauptbedingung unserer Sache, denn: ,,Im en scholaum en klum!־‘ Jüdische Melodien. 11. Die sehr interessanten Ausführungen des Herrn Professor Dr. Steinthal über Nagara übergehend, möchte ich noch seiner Betrachtungen über den sogenannten Tropp gedenken, die sich mit meinen schon i m Jahre 1880 in einem Aufsatz ״S y n agogengesang" gemachten Darlegungen (Jüd. Cantor Nr. 8—11) vollkommen decken. Ich sagte dort u. 11.: ״Recitative rühren von den Griechen und Römern her, nicht aber die Responsen, die wahrscheinlich im Jndenthum ihren Ursprung haben dürften. Wir finden es schon bei Moses und Mirjam, dass Vorsingen und Z u s a m m e n s i n g e n, d. h. der volle Chorgesang bei unserem Volke beliebt war und dasselbe wahrhaft begeisterte. Die traditionelle Singweise der Perser und Araber hat auffallende Aehnlichkeit mit unserem T r o P p *) an den hohen Festtagen, was auch für das hohe Alter dieser unserer nationalen Melodie spricht." — Ferner sagte ich damals: ״Es steht fest, dass Musik und Gesang im alten Israel sehr gepflegt wurden, und wenn wir den Gesammteindruck abschätzen, den die über diese Kunst erhaltenen Nachrichten Tradition und Geschichte — auf uns machen, dann dürfen wir getrost annehmen, dass sie eine sehr respektable Stufe erreicht haben müssen." — ״Diese Kunst war ebenbürtig dem Besten, wozu es hierin irgend ein 1) Für ben gleichen Text in der Thoraals auch unserer Gebete besitzen wir bekanntlich verschiedene Melodien, welche durch ihre Charaktereigentbümlichkeit die Feier des Tages gleichsam bezeichnen. Ich nenne nur die differirenden Weisen zu den קדישים für Mnssaf und Mincha am שבת «nb ימים נוראים, für .לדור ודור ׳שמונה עשר *״׳ז ׳טל,גשם 11. s. w.; lauter Perlen unserer alte״ überlieferten Gesänge. anderes Volk des Alterthums gebracht hat," sagt Dr. Herzfeld^), und die klassischen Werke des Pythagoras, Plato, Aristoteles, Polybius rc. bestätigen es und geben Aufschluss über die Weisen, Zwischenräume, Gänge und Maße der hebräischen Musik, welche unsere traditionellen Melodien ganz ähnlich denen der griechischen und indischen fanden. — Wollen wir die Accentuation des ה״ג״ך als eine erst nach der Tempelperiode enstandene Errungen-- schaft anerkennen, daun ist die gemachte Forschung über dieselben ziemlich werthlos. Würden wir jedoch z. B. Professor Haupt in Görlitz einigermaßen beipflichten, wenn er meint: ״dass die Accente die ursprünglichen Musikzeichen seien, welche die Melodie des hebräischen Textes bezeichnen", dann fühlen wir — sobald wir die Einfachheit unseres heutigen sogenannten Tropps näher ins Auge fassen — dass ursprünglich die Bedeutung der Accente eine andere gewesen sein muß. Heute werden sie quasi nur als Interpunktionszeichen zu recitativischem Vortrage in der Synagoge benützt, während sie nach Professor Haupt lauter Dreiklänge, gleichsam einen bezifferten Bass iuvolvireu. Jedenfalls hatten die abweichenden, den Psalmen unterlegten Zeichen doch eine Bedeutung, die heute beim Lesen derselben vollständig ignorirt werden. Mag dem sein, wie ihm wolle: ich fand Vorstehendes der Erwähnung Werth und glaube, den gemachten Andeutungen gemäß, als auch den noch zu erörternden Merkmalen und Eigenthümlichkeiten unserer Gesänge gegenüber, aussprechen zu dürfen, dass wir Anhaltspunkte zur Geschichte und Tradition derselben besitzen und uns hierzu das greifbar Positive nicht gänzlich mangelt. Kehren wir nochmals zur Frühlingszeit Israels zurück. Dass Israel schon Mnsikkenntnis und Sinn für Gesang aus Aegypten mitgebracht haben muß. beweist, wie schon erwähnt, Moses" Gesang am Meere, den seine Schwester mit einem Jnstrument auch für die Frauen intonirte. Nach Moses" Zeit wirkten die Prophetenschulen fördernd auf die Musik ein, indem in denselben, neben der Auslegung der Thora rc, auch in der Verfertigung und Absingung von religiösen Liedern unterrichtet wurde. Durch diese Schulen wurde die Musik gewissermaßen Eigcuthum des Gottesdienstes. Die höchste Blüthe erreichte bekanntlich die hebräische Musik zu Davids Zeit. Unter Samuel war bereits eine überraschende, große Mannigfaltigkeit im hebräischen Gesänge, der sich unter David weiter ansbildete. Respvnsorien hatten sich besonders Eingang verschafft, und waren jene Wechselgesänge, welche mit Instrumentalbegleitung ausgeführt wurden, gewiss pompös. Dass der herrliche Text der Psalmen eine ebenbürtige und entsprechende Melodie bekommen, ist selbstverständlich, denn dafür wird schon der ideale, kunstsinnige Psalmist selbst gesorgt haben. Dies berechtigt uns aber zu der Annahme, dass der Ursprung unserer traditionellen Melodien, vorzüglich die der ימים נוראים bis in die Tempelzeit zurückznführen sei. 3) Einige Forscher wollen auch jene ׳נגינות auf der Basis der alten Kirchentonarten (der dorischen, lyrischen, jonischen und phrygischen) ruhend, herausfinden.^) Es aiebt in der That, sowohl im ambrosianischen, als im gregorianischen Kirchengesange Piecen, die gewissen בוראים ^^-Melodien ganz evident gleichen. Sollte Ambrosius bei seiner Melodieneinsammlung nicht auch bis damals durch Ueberlieferung sich echt erhaltene Tempel- Melodien ausgenommen haben? In diesem Falle Hütten wir abermals eine Stütze für das hohe Alter unserer synagogalen Gesänge. In diesem Sinne und Stile unserer traditionellen Synagogenmusik arbeiten jetzt in löblicher Weise unsere heutigen Fachcomponisten emsig fort. Der eine mit mehr, der andere mit weniger Geschick. Je mehr sich der Componist von dem Geiste unserer traditionellen Gesänge entfernt, desto unglücklicher ist er. Sulzer hat das größte Verdienst, nicht nur in seinen Werken, sondern auch darin, die Tradition und Geschichte unseres Synagogengesanges befestigt zn haben Er hat Andere zum Denken und Schaffen angespornt, und an '-) ״Kunstleistungen der alten Hebräer." 3) Arachin 2, 3, 4; 3, 6. Tosifta Arachin. 1. l) Meinen heutigen, auf Forschungen gegründeten Aiischanungen zufolge muß ich solches sehr bezweifeln.