Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 29 (1.12.1897)
- Date
- 1897-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichijch-ungarische Lantoren-Aeitung. dir. 29. gcsammten Monarchie zur ewigen Erinnerung au dieses Rcgicrungs- Jubiläum sich einmütig bereit erklärten, uns werkthätig beizustchcu, bei der Gründung einer Pensionscassa, durch welche die Zukunft ihrer Angestellten für immerwährende Zeiten sichergestellt und dem bisher in diesen Kreisen obwaltenden socialen Elend Abhilfe geleistet würde." Wenn auch eine einheitliche Action nach dieser Richtung leider nicht zustande kam, so darf dies uns trotzdem die Freude nicht daran verkümmern, dass die jüdischen Cultusbcamtcn in Mähren fortan mit froherem Blicke in die Zukunft schauen dürfen; allein wir werden unentwegt fortfahrcu, auch die übrigen Cultusgcmeindeu an ihre Pflichten den Fuuctionärcn gegenüber zu erinnern, und mit diesen Mahnungen so lange nicht ruhen und rasten, bis das Beispiel der mährischen Gemeinden allseitige Nachahmung gesunden haben wird. Je greifbarere Formen aber die vom mährischen Landesmassasondc cingclcitcte Action gewinnt, desto mehr drängt sich uns die Frage auf: Wozu wurde denn der mährische Cantoren- Verband gegründet, wenn, was den Gründern doch sehr gut bekannt war, von anderer Seite eine Pensionscassa errichtet wurde, an welcher auch die mährischen Cantoren participircn sollten. Kann von diesem Gcsichtspunktt aus betrachtet, für die neue Vcrcinsbildung überhaupt noch ein plausibler Grund angeführt werden, und war die mit vieler Emphase verkündete Erklärung, dass cs sich in erster Reihe um die Gründung einer Pensionscassa innerhalb des neuen Vereines handle, etwas mehr als ein geschickt ausgest'ecktcr, auf Mrtgliedcrfang abgesehener Köder? Vielleicht ist ein College aus Mähren, der die Vorgeschichtc und die Motive der Neugründung näher kennt, in der Lage, nach dieser Richtung unsere, im Interesse der gcsammten Berufsgenossenschaft berechtigte Neugierde zu befriedigen. Zur Cantorenfrage. Von Obercantor Bela Guttmann, Prag. Die Gründung des mährischen Cantorcnverbandcs und die dadurch hcrvorgerufenc Separation eines Theilcs der mährischen Collegcn wurde in diesen Blättern wohl schon zu wiederholten Malen mehr oder minder scharf vcrurthcilt, und auch ich habe in einem Artikel die Herrn Collegcn aus dem Nachbarlandc vor den schädlichen Couscquenzen der Separirung gewarnt. Trotz alledem hat die constituirendc Generalversammlung stattgcfnnden und der Verein auf Grund seiner behördlich sanctionirten Statuten seine Thätigkeit (?) bereits begonnen. Ich fühle mich keinesfalls competent, ein entscheidendes Urtheil über diese Abtrünnigkeit der Collcgen in Mähren zu fällen, jedoch eine sachliche, objeclive Kritik erlaube ich mir umso mehr zu üben, da ich zuversichtlich der Hoffnung Raum gebe, dass diese meine Auseinandersetzung zu einem friedlichen und heilbringenden Ausgleich führen dürfte, während leidenschaftliche, persönliche Angriffe unserer Sache nur schaden und nachtheilig sein tonnen. Wir dürfen auch nicht Herrn Obercantor Heller rundweg verurtheilen, ohne ihn angehört zu haben, ohne seine Intentionen und sein eigentliches Vorhabm zu kennen, trachten wir vielmehr, einander zu verstehen und etwaige Differenzen auszugleichen. Mir wurde von einem Collcgen aus Mähren der Auszug der Statuten des neugeborenen Vereines sammt der beiliegenden Einladung zur constiturenden Versammlung eingesendet, und auch eme ausgefüllte Betrittserklärung war sorgfältig in dem Statutenauszug eingehüüt. Daraus ist wohl zu entnehmen, dass eine zielbewusste Agitation der Versammlung vorangieng, und wenn mm trotzdem, trotz der vielversprechenden Statuten und der überaus günstigen und billigen Aufnahmsbedingungcn (2 fl. Aufnahmsgebühr) kaum 25 Collcgen zu derselben erschienen sind, so ist dies ein eklatanter Beweis für die Lebcnsnnfnhigkcit des — ich möchte sagen — todtgeborcaen Vereines. Ich bin wohl nicht in der Lage, die Organisationsfähigkcit des Herrn Heller abzuschätzen, ebenso wenig kann ich mir von seiner ״Zauberkraft" eine bestimmte Vorstellung machen, aber nach den Aeußerungcu des Hern Collegcn Singermann in Troppau, der doch als Tonangcber in Schlesien gelten dürste, und nach den bekannten Erklärungen der Prager Collcgen muß ich selbst die etwa für später erhoffte, stufenweise Entwicklung dem mährischen Vereine absprcchen. So Böhmen und Schlesien sich dem neuen Vereine fern halten, und sie werden dies bestimmt thun, kann derselbe unmöglich prosperieren, da ihm jede Aussicht und Hoffnung, seinen Nahmen zu erweitern, genommen ist. Trotzdem mögen die Bestrebungen und Intentionen des neuen Vereines wohllöbliche und auerkcnncnswerthe sein, aber selbst der gute Wille hat oft nach seiner Verwirklichung nngeahnte Mißerfolge. Herr Obercantor Heller und Genossen, die durchdrungen von der Nothweudigkeit einer Vereinigung an die Arbeit gierigen, ohne die spccicllen Verhältniße der Cantoren in Erwägung zu ziehen, haben, wie es scheint, die Rechnung ohne den W'rthen gemacht; es ist eine Fantasie, anzunehmen, dass in Mähren, wo cs kaum noch einmal so viel Cantoren geben dürfte wie in der Stadt Prag sammt Vororten, ein leistungsfähiger Cantorenvcrcin gegründet werden kann, welcher außer der Wahl des Vorsitzenden und der Ausschußmitglieder auch irgend welche Thatcn zur Förderung der Stänvcsintcrcssen erhoffen könnte. Wohl mag sich der bereits gewählte Verstand des Vereines aus durchwegs wackeren College» rekrutiren, aber selbst der Heldenmüthigste Heerführer vermag ohne Heerscharen nichts auszufechten. Als klarer Beweis hiefür diene dem Herrn Collcgen Heller folgender Passus aus dem Ausrufe des Herrn Professor Lazarus: ״Aus Mangel an Interesse und Theilnahme musste der Verein, welcher von unserem unvergesslichen Friedmann gegründet wurde . . . 11. s. w. aufgelöst werden." Die Hauptbcdingung zur Erhaltung eines Vereines ist Capital, und zwar: gibt es verschiedene Arten desselben. Mitglieder wissenschaftlicher Vereine erheben Anspruch auf geistige Unterstützung seitens des Vereines, sie wünschen wissenschaftliche Vorträge und Arbeiten bedeutender Gelehrten, und die Lebensaber eines solches Vereines bildet ״geistiges C a p i t a l". Kranke, oder arbeits- und erwerbsunfähige Mitglieder von Wohlthätigkeitsvereinen werden jedoch weder durch den gelungensten Vortrag, noch durch die vortrefflichste Dissertation, selbst der berühmtcsten Philosophen, ihre Gesundheit und schwindenden Kräfte erlangen, diese bedürfen in ihrer verzweifelten Lage der ״mat eriellen Unterstü tzung." Es gibt aber auch ein ״Physisch es Cap ital":Eine gewaltige,durchZahlundStärkeimponirendeKörperschaft kann oft durch einmüthigcs Vorgehen mit bescheidenem geistigen und materiellen Capitale Großes erreichen. Das ist es, geehrte Collegcn, um was es sich׳ in unserer Sache handelt. Wir müssen darüben ins Reine kommen, was wir eigentlich wünschen und was wir benöthigen. Wir müssen darüber klar werden, wie wir uns eigentlich einen ״Cantorenverein" denken. Wie es geistig mit uns besteht, bleibe heute unerörtcrt, aber unsere materielle Lage kann ich ohne viel Ueberlegung als ungünstig bezeichnen. Wir müssen daher bestrebt sein, durch Zahl und durch