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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-11-21 · Heft 28 (21.11.1897) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 28 (21.11.1897)
Date
1897-11-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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L!eite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 28. Sammlung unserer alten Melodien sich nicht ausschließlich auf die Synagoge erstrecken sollte, sondern dass auch alle jüdischtraditionellen Gesänge und Melodien, die in das gesellschaftliche Gebiet einschlagen, darin ganz besonders Ausnahme zu finden hätten. Ich habe dies in meinem jüngsten liturgischen Werke bereits angestrebt, indem ich im Anhang u. a. Haan- und Ckupa-Nigun, die Gesänge für den Mo Hel und dergleichen beifügte. So löblich aber auch die Inangriffnahme einer großen Sammlung echt traditioneller, jüdischer Melodien ist, so würde die Ausführung erschwert, ja vielleicht illusorisch werden, wenn ausschließlich die Herren Chordirigenten solches besorgen sollten.6) Ferner vermag ein solches Werk bei der allgemein obwaltenden Indifferenz, selbst unter den Berufensten, nicht zu einer gewiss sehr kostspieligen Herausgabe zu gelangen, wenn nicht im Voraus auf erhebliche Verluste gerechnet werden müsste. Nur daun erst dürfte eine Verwirklichung in Sicht sein, wenn dem Unternehmen sofort bedeutende Subventionen zugewendet werden würden. Ich kenne das. 6 7) Es ist nicht zu leugnen, dass, wie Herr Prof. Dr. Steinthal sagt, gegenwärtig fast eine Uebcrproduktion von synagogalen Compositioneu vorhanden, wovon nur der kleinere Theil brauchbar sei. Selbst von unseren großen Meistern ist durchaus nicht Alles mustergiltig. So hoch ich beispielweise Lewandowski als Psalmisten und größtenteils in seinen liturgischen Chören, wie überhaupt als Musikers schätze, weniger halte ich von jenen Theilen, die er dem Cantor zngewiesen, denn sie weichen vielfach von der Tradition ab, sind theilweise willkürliche, wohl auch schöne Erfindungen oder von slavischen Melodien herrührend. Schon im Jahre 1882, als mich Herr Lewandovski mit seiner Gemahlin auf einige Tage besuchte, habe ich diese meine Beobachtung ihm gegenüber unumwunden geäußert und auf Sulzer hingewiesen, der. was CHasonus anbelange, der möglichst unverfälschten Tradition folgte. Herr Lewandovski gab zu, dass Sulzer das voraushabe, dass jener ein stN sei, und er (L.) sich erst von guten Cantoren habe instruiren lassen müssen. So kann ich z. B. sein Leeko n’ranano sein Adonai molook, sein Ubclien ten packdcho nicht billigen. Wenn ich au Sulzers ובכן תן פחדך denke, wie anheimelnd, wie herrlich! Ergreifende und begeisternde Töne. Die wohl des Alters Stempels an sich tragen Und uns vertrant sind seit der Kindheit Tagen. Geichfalls kann ich mich nicht befreunden mit Lewandowsksis אתה היאת לדעת, mit seinem אנא ה׳ הושיעה נא bei der Hakofo, sowie beim Vorlesen בראשית, mit dem ויהי ערב am ׳שמחת תירה lauter heterogenen Schöpfungen, die voll dem alten überlieferten Chasonus abwcichen. Gleichwohl gehört Lewandowski zu den größten unserer liturgischen Componisten; es wird 1111־ vergesslich bleiben, was er zur׳ Bessergestaltung des israelitischen Gottesdienstes im Allgemeinen, namentlich als Psalmenkomponist, geschaffen, wenn auch dabei manches unterlaufen, was den Anschauungen und dem Geschmack Vieler nicht entspricht. - (Schluß folgt.) Zur Geschichte der Talmudbrrfolgungrn. Von Dr. M. H. Fricdländcr. Wie das Judcuthum seit uralten Zeiten stets den härtesten Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt war, ebenso war auch seine Litteratur, besonders der Talmud, dieses herrliche, eine Welt 6) Hier in Süddeutschland sind die Chordirigenteu in der Synagoge größtentheils Nichtisracliten. welche trotz aller Praxis nie und nimmer in den Geist und die Charaktereigrnthümlichkcit jüdischer Melodien ein-! zudringen vermögen. Trotzdem haben schon mehrere von ihnen für unseren j Gottesdienst componirt, was bester nie das Licht der Welt erblickt hätte.! Auch bei jüdischen Chordirigcnren vcrmiste ich oft die richtig einzuschlagende! Bahn. Musikalisches Wissen allein thut cs nicht.! ד) Unter meinen größeren Werken befinden sich auch die meisten! vorhandenen und vornehmlich durch mündliche Ucberliefcrung erworbenen! ״Hebräischen Melodien" in 2 Tb ei len, welche ich harmonisirt und für ׳ großes Orchester in Form eines Polpurris znsammengestellt habe. Ob dieses ' Werk aber je zur Veröffentlichung gelangen wird, muss wegen der großen j Herstellungskosten noch fraglich bleiben. - - i 8) Mcndelsohn'scher,Richtung. von Gedanken, eine Fülle von anregenden Ideen enthaltende encyclopädische Werk, stets der Gegenstand der Verfolgung, Vcrleumdung und Verdächtigung. Nicht blos Apostel und Renegaten, die sich an ihren sie verachtenden früheren Glaubens- und Stammesgenossen rächen wollten, sondern auch sehr viele christliche Theologen, von denen die meisten kaum den Talmud im Urtexte zu lesen verstanden, haben es sich gleichsam zur Lebensaufgabc gemacht, den Talmud als ein Irrlehren verbreitendes, das Christenthum schmähendes Werk zu brandmarken, um dadurch das Judenthum an den Pranger stellen und der tiefsten Verachtung und Mißhandlungen des Pöbels preisgeben Zu können. Es kam nicht selten vor, dass Leute, die in ihrem ganzen Leben kein einziges Exemplar des Talmud gesehen hatten, sich erkühnten, Citatc aus demselben anzuführen, die geeignet waren, den Talmud zu misereditiren und die wildesten Leidenschaften des Pöbels aufznstacheln, obgleich dieselben Citate oft gerade das Entgegengesetzte von dem enthielten, was jene unwissenden Talmudsälscher aus denselben entnehmen zu können glaubten. ״Im Auslcgcn seid frisch und munter! , Legt ihr's nicht ans, so legt was unter." Der Orientalist Dr. Wünsche sagt in seiner 1879 erschienenen Schrift ״Der Talmud eine Skizze" unter Anderem: ״Der Talmud gehört zu den merkwürdigsten litterarischen Monnmenten des menschlichen Geistes. Achten wir aus seine Zusammensetzung, sowie auf die nach seiner Redaktion im Laufe der Jahrhunderte über ihn hereingebrochenen Schicksale, so gibt es kaum ein Buch in der Weltlitteratur, welches sich ihm an die Seite stellen ließe. Wie oft lesen wir aus ihm Citate, und doch wie selten sind sie unmittelbar ans der Quelle geschöpft! Was Wunder, wenn über den Talmud eine ganze Menge schiefer Darstellungen und vcrworrener Urtheile sich gebildet und von Geschlecht zu Geschlecht fortgcpslanzt haben. Hielt doch einmal ein gelehrter Kapuziner, Namens Henricus Sinensis, den Talmud für ein menschliches Wesen und citirte seine Ansprüche stets mit der Einleitungsformel: .Ut Rabinus Talmud narrat.“ Ebenso geberdete sich in neuerer Zeit der bekannt: Judenfreund (!) Rohling als Kenner der talmudischen Litteratur, obgleich er nicht einmal weiß, dajs die Abbreviatur von ״Rabbi Salomo Jizchaki", ״Naschi" lautet, was ihm jeder Schulknabe in den israel. Schulen der Landgemeinden, wo noch das Studium der hebräischen Sprache ein wenig gepflegt wird, hätte sagen können. Durch diesen Schnitzer allein hat Herr N., dessen krasse Unkenntins der talmudischen Litteratur die hervorragendsten jüdischen und christlichen Gelehrten unserer. Zeit, (wie Dr. Jellinek, Professor Dr. Delitzsch, Dr. Bloch, 11. v. a. zu wiederholten Malen nachgewiesen, entsprechende Proben und Belege seiner großen talmudischen Gelehrsamkeit geliefert. Nichtsdestoweniger hat es zu allen Zeiten ehrliche und äußerst tüchtige christliche Gelehrte gegeben, die den Talmud zu würdigen verstanden und daher auch keinen Anstand genommen haben, ihn als nützliches .Studium zu empfehlen. So z. B. sagte der verdienstvolle Buxtorf in seinem Urtheile über den Werth des Talmuds in der Vorrede zu seinem chaldäisch-talmudischcn Wörterbuche: ״Denn der Talmud enthält viele noch jetzt berühmte, göttliche Lehren, obgleich sie in sehr vielen nutzlosen Decken eingehüllt sind. Er enthält viele-glaubwürdige Bruchstücke und Denkmäler des verfallenen jüdischen Alterthums, um die Verfälschungen der späteren Juden darzuthun, die Geschichte der beiden Testamente zu verherrlichen, die Gebräuche, Gesetze, Gewohnheiten des alten hebräischen Volkes richtig und am passendsten zu . erläutern. Er enthält viele vor-

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