Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 28 (21.11.1897)
- Date
- 1897-11-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Seite 3. Jüdische Melodien. Wie bekannt, hat seinerzeit Herr Professor Dr. Steinthal in Berlin zur Anlegung einer Sammlung der jüdischen Melodien anfgcfordert, worüber sich sowohl in der ״österr.-ungar. Cantoren- Zeitung" als auch in der ״Allgem. Zeitung des Judenthums" eine höchst anregende Debatte entspann. Zu den bemerkenswerthesten Aeußcrungcn nach dieser Richtung gehören die in der letzterwähnten Zeitschrift unter obigem Titel veröffentlichten Ausführungen des Herrn Obercantor Noscnhaupt in Nürnberg, die wir behufs weiterer׳ Diskussion dieses hochwichtigen Themas im Nachfolgenden wicdergebcn: Dass Herr Professor Dr. Steinthal uns Cantoren nicht beachtet und nur an die Chordirigenten denkt, scheint mir eine Berkennung der thatsächlichen Verhaltniße zu sein. Das wird übrigens wenig überraschen, angesichts des Umstandes, dass die meisten Melodien, welche in den Synagogen des Nordens und Ostens zum Ausdruck gelangen und die dem Herrn Professor, wie er selbst zugesteht, nur von dort erinnerlich, größtentheils s l a v i s ch und der Willkür des jeweiligen Cantors preisgegeben sind. Der polnische Chasan besitzt nur selten bestimmte Melodien für einzelne Piecen, sondern sie sind seinem Geschmacke und seiner Phantasie anheimgegeben. Auf ausschließlich solche Erfahrungen lässt sich eben kein fachmännisches Urtheil gründen. Bevor ich hierauf zurückkomme, gestatte mir der geehrte Leser meine empirischen Gesichtspunkte darzulegen. Als man in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts dem israelitischen Gottesdienst, der bis dahin zum Gespött der Nichtisraeliten und als Symbol der Ordnnngslosigkeit galt, eine größere Aufmerksamkeit zu schenken begann, da fühlte man vor allem das Bedürfnis, neben Einführung einer gediegenen Predigt sich -auch dem cantoralen Theil desselben mit aller Kraft zuznweuden. Wohl ist nicht zu leugnen, dass es mit letzterem in Deutschland und namentlich in Süddeutschland wesentlich vortheilhaftcr stand als in allen übrigen Ländern, eine Erscheinung, die ganz natürlich und geschichtlich begründet ist. Hier in Deutschland stand die Wiege der Entwickelung des abendländischen Jndenthums, denn hier siedelten sich schon vor fast 2000 Jahren, aus dem Orient kommend. Inden an, und von hier aus verbreiteten sie sich erst, größtentheils unfreiwillig, über das ganze Erdenrund. Z Es hat sich deshalb auch ein Synagogengesang, ein sogenanntes ׳חזנות vielleicht schon aus früheren Zeiten stammend, entwickelt und festgesetzt, das für jeden Juden den Impuls alles religiösen Fuhlens und Denkens abgab. Unter den vielen traurigen Perioden der Verfolgung, welche das arme Volk zu bestehen hatte, musste natürlich auch dieser Zweig des Gesanges, der sich stets vererbte, leiden. Nur dem mächtigen Sinn für Musik und Gesang, der instinktiv im Volke Israel wurzelte, war es zu danken, dass diese Tradition nicht untergieng. Ein tüchtiger Mann, der sich für die überlieferten hebräischen Melodien besonders begeisterte, dieselben unter großer Mühe sammelte, war, wie bekannt, der berühmte Jacob Möln 1427—1350 מהדיל in Mainz. Dem Verdienst dieses Mannes haben wir es zu danken, dass wir in Süddeutschland eine wirklich charakteristische, anmuthige Liturgie mit einheitlichen Melodien besitzen. Nirgends mag sich die diesartige Tradition so rein erhalten haben als in Süddeutschland und am Rhein. Die Entwickelung des Synagogengesanges in den slavischen Ländern ist jüngeren Datums. Als die Juden von Deutschland u. a. nach Polen und Rußland gedrängt wurden (denn aus Deutschland kamen ursprünglich fast alle Inden Rußlands und Polens, daher noch f) Die zerstreuten und wenigen Nachkommen jener Juden der iberischen Halbinsel, deren ursprüngliche gesangliche Liturgie wahrscheinlich untergegangen und nur noch maurische, spanisch-portugiesische und vielleicht auch türkische Nationalwcisen für die Synagoge in Anspruch nehmen, kommen hier nicht in Betracht. Die von dem Organisten des Tempels in der rne äs Ja Vietoire zu Paris, Herrn Billers, hcrausgegebenen sefardischen Gesänge sind zwar sehr sonderbar, aber ebenso unrhythmisch, monoton und ordnungslos. Manchmal werden auch in denselben auf einem Schwa mobile oder Ghatuf patach ganze Takte ausgehalten. heute ihr jüdisch-deutscher Jargon), ahmten sie allmälig die süßlich weinerlichen slavischen Weisen nach. Letzterer Umstand und zumal ihre gedrückte Lage bewirkte, dass sie die Tradition vergaßen, ‘2 3 * 5) den trüben, mitunter unheimlichen slavischen Melodien sich Hingaben und diese für den Gottesdienst verwertheten. Daher das heutige polnische Extemporatenthum im Cantorate, ohne jeglichen Halt und ohne jede Tradition. Singt gewöhnlich solch' ein polnischer FI2 eine Piece, verschnörkelt nach jeder Art, die er nicht zu wiederholen vermöchte, so nennt er das — ebenso selbstgefällig als unberechtigt — ״echt jüdisch n a ch alter Weise". Dies ist nicht richtig. Es ist nicht ״jüdisch" sondern ״slavisch", größtentheils eine gutturale, geschmackverwirrende Sangesart. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass höchst selten ein polnischer stN den gewöhnlichen, einfachen Werktagsgottesdienst unserem würdigen, anmuthigen, uralten חזנית gemäß zu verrichten vermag. Hört man au Wochentagen den Polen in seiner monotonen und zugleich jammernden Weise, ohne festgesetzte Melodie der einzelnen Gebetstücke, vorbeten, so wird man unwillkürlich an 2X2 תשעה erinnert. 3) Freilich, der Vernünftige und Strebsame, der in Deutschland zu einer Stellung gelangt, hat sich bald das Nöthigste unserer schönen Weisen angeeignet, sieht seine etwaigen Mängel ein und nimmt dankbar Belehrung an, die ihm nützlich wird. Nicht selten gesellt sich aber zur Ignoranz auch Starrköpfigkeit, wodurch keinerlei Sympathie errungen, vielmehr die Sicherheit des mit Mühe errungenen Postens in Frage gestellt wird. Unsere überlieferten Weisen drücken Hoffnung, Innigkeit, Freiheit, ja nicht selten auch Freude ans;Z die der weinerlichen slavischen und nicht sicheren Melodien hingegen tragen den Stempel des Trübsinns, der Knechtschaft, des Jammers und Kummers. 3) Nach diesen Darlegungen kehre ich zum Herrn Professor Dr. Steinthal zurück, wecher n. a. von ובכל זות שמך 121׳ spricht, mit der Bemerkung.- ״Ihr könnt in den musikalischen Auf- Zeichnungen lange suchen, ehe ihr ein solches בא wieder findet. Aber könnt ihr es gebrauchen, ihr C h o r d i r i g e n t e n?״ Was genannte Aufzeichnung anbelangt, so findet man solche unter Nummer 49 meines erwähnten, vor mehreren Monaten erschienen Werkes 2שירי אהל יעק III. Ich fand diese Melodie, wie auch manche andere, ganz besonders der Aufnahme würdig; sie ist also vorhanden. Ich theile vollkommen den vom Herrn Professor eingenommenen Standpunkt, wenn er sagt, dass die zu erstrebende 2) Unter den russisch-polnischen Inden scheint cs überhaupt keine Tradition zu geben. Man weist beispielsweise dorlselbst nichts von einer Wimpel oder Mappe, womit die Thorarolle umwickelt wird. In jeder deutschen (bezw. süd- und mitteldeutschen) Synagoge hingegen sind deren massenhaft vorhanden. Es waren ursprünglich die sogenannten, bei derMilah gebrauchten ״Jüdisch-Windeln." Auf eine solche wird der Name uud Geburtstag des betr. Knaben gestickt oder gemalt und von Letzterem im zweiten oder dritten Lebensjahre, natürlich unter Assistenz des Vaters, an einem Sabbath in die Synagoge gebracht. Es geht dies mit einer gewissen Weihe vor sich, denn die Wimpel soll zum ersten Male das Srfer zieren, rcsp. um dasselbe gewickelt werden, bei welcher Ceremonie das Kind des Ez-chajim anzufasien hat. Diese Wimpeln oder Mappen waren in früheren Zeiten das maßgebendste Geburtsregister und insofern auch von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Auch das ״Wahrts (das Kind) vor der Nacht", ״Holegrasch" (.חןל — Geraasch — Geräusch, Geschrei) und so manch andere echt patriarchalische, uralte, häusliche Feste und Gebräuche, welche wahre, Innigkeit und Zusammengehörigkeit kennzeichnen, wie sie auch der geniale, unsterbliche Professor Oppenheim dem jüdischen Leben in Süddeutschland ablauschte und so sinnig darstellte, sind in Rußland und Polen und viellei tt auch in Norddentschland unbekannt. Auch die bei uns für die Seder-Abende nöthigen Mazos kennt man nicht in Polen, woselbst gewöhnliche Mazos zum Seder genommen werden. 3) Dieser Umstand war eine der hauptsächlichsten Anregungen zur Composition und Herausgabe meines שירי אהל יעסב JII, welches Werk außer traditionellen Melodien und Casualien den Werktagsgottesdienst erhält. y Dies ist die Hauptsignatur unserer alten, echt jüdischen Melodien, und je mehr sich die verschiedenen Varianten dieser Charaktereigenthümlichkeit nähern und ähnlich sind, desto mehr gewinnen sie an Originalität und Brauchbarkeit. Pesachim Fol. 117a. Jer. Succa IN, 10: Chulin Fol. 133a. 5) Ebenso wenig vermögen wir die Grundlagen unserer Melodien in den alten Kirchentonarten zu finden. Die Biclartigkeit unserer Weisen bewegt sich in einer Ungebundenheit, die keinerlei Einzwängung zulässt.