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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-11-11 · Heft 27 (11.11.1897) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 27 (11.11.1897)
Date
1897-11-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ך Nr. 27. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Seite 3. In Erwartung, dass die geschätzten Collegen in Ungarn meinem Beispiele folgen werden, wünsche ich, dass der Appell des hochgeehrten Collegen Herrn Prof. Ad. Lazarus nicht als Lol köre bamidbör verhalle, sondern in die Herzen der geschätzten Collegen eindringen möge. Folgen wir, zu unserem eigenen Wohle, seinem Rufe und schließen wir uns dem Oesterr.-ungar. Cantorenvereine' an. Hochachtungsvoll Leop. Rosenzweig, Abonh, 8. November 1897. Das jüdische RrritsÜV in der Beleuchtung der alten und modernen Tonarten. ■ / . von B- Singe r, Jungbunzlau. Wiewol in unserem Fach blatte das Recitativ schon zu wiederholten Malen von Fachgenosseu in seiner ganzen Ausdehnung eingehend behandelt wur.de, so ist es doch nicht zu leugnen, dass man bei dem Vorträge des Vyrbeters immer wieder neue Quellen entdeckt, welche eine weitere Besprechung nothwendig erscheinen lassen. Als ich, als ganz junger Mann, da noch nicht das Interesse für meinen Beruf in mir geweckt und ausgebildet war, dem Vortrage Meister Sulzer's lauschte, er war damals schon hoch betagt, da fiel mir ans, dass er manchem Worte einen besonder» Accent verlieh, indem er dasselbe mehr gesprochen als gesungen hat. Diese Art von Parlando übte einen besonderen Reiz aus, und doch wiederum würde man sie, von einem andern Cantor angewandt, als Nothbehelf für Stimmlosigkeit betrachten. In einem solchen Falle sollte es heißen, ״vor Nachahmung wird gewarnt!" Nicht so ist es mit den von Sulzer ausgezeichneten Recitativen und Gesängen, in deren׳ Geist man sich eben vertiefen muß. Vor mehreren Jahren schrieb ein Fachmann in unserem Blatte: ״Wenn ein junger Cantor sich den 2. Theil ״Schir-Zion" zu eigen macht, so hat er für seinen Beruf genug und kann sein Auskommen damit finden'', und heute hören wir wieder: .,Kein Nachsiugen der ausgeschriebenen Muster, sondern selbftftändiges Erfinden, das macht den Künstler, im ersten Fall sinkt er züm Handwerker Herab." Dem gegenüber wäre wohl einzu- Wenden, dass wohlgesetzte Recitative nicht nur nicht geändert werden dürfen, sondern genau wiedergegeben werden müssen, denn oftmals kann in dem kleinsten musikalischen Satze eine originelle Wendung liegen, welche durch keinen andern Gedanken ersetzt werden dürfte. Bisher hat große Willkür auf unserem gesanglichen Gebiete ihr Unwesen getrieben, und um ein drastisches Beispiel anzuführen von der geringen Rücksicht, mit welcher mancher unserer Berufsgenossen sich geberdet, möge folgende Erzählung dienen: Bei meiner Ankunft in der Stadt N. besuchte ich auch Herrn Obercantor N., dem der Ruf eines vorzüglichen Sängers vorangieng. Im Laufe des Gespräches enthüllte er Mir, dass er seinerzeit in Wien (im Seitenstättentempel) zur Probe gesungen und die Sabbat-Keduscha ans dem H. Theil ״Schir-Zion" zur Aufführung brachte. ״Sie hätten aber Sulzer's verdrießliches Gesicht sehen sollen", bemerkte er hiebei, ״als ich den Lewodo nach meiner Art wiedergab!" Aehnlich verhält es sich, wenn wir die Theorie unserer Vortragsweise ins Auge fassen, und auch hier ist es nicht gestattet, das individuelle Streben wirken zu lassen, nur um erfindungsreich zu sein, sondern man muß ganz objektiv auf das JntervallenverhältnisAcht haben, soll nicht ein Wüst entstehen, der durch keine kritische Beleuchtung aufgeklärt werden kann. Wir wissen bereits, dass unsere Tonarten, denn solche gibt es heute, von Vielen auch ״Steiger" genannt, mit der Construetion der Kirchentonarten in engster Beziehung stehen und-dass, unsere rituellen Gesänge sich bald diesem bald jenem Aufbau nähern. Diesem Studium nuferer Tonarten wird sich jeder gewissenhafte Funktionär hingeben müssen, wenn er nicht auf dem Standpunkt der Unwissenheit und des blos ״schönen" Singens stehen will, jener Redensart, welche bei Fachmännern als abgewirtschaftet betrachten werden sollte: Es wird ein Lehrstoff für Cantorenfchulen, wie der Musikwissenschaft überhaupt sein, mir muß schon heute eine vollkommene und strenge Scheidung des modernen Gesanges vom antiken vorgenommen werden; denn wie bei dem heutigen, katholischen Kirchengesange nicht Alles als antik erklärt werden kann — man hat sogar dem Mozart'schen Requiem diese Eigenschaft abgesprochen, —sondern wie dies bei Messen zu hören ist, Einflechtungen von weltlichem Gesänge Vorkommen, so wird und kann das Weltliche auch bei unseren Gesängen nicht überall fehlen. Eine Festtags-Keduscha nach einer Tonart des Steigers zu singen, wäre einfach lächerlich (?־?); aber sogenanntes ״Polnisch Sagen" nach dem Tongefüge des Jischtabach-Steiger zu recitiren, wo die übermäßige Secünde von der 2. zur 3. Stufe dominirend ist, das ist richtig. < Wenn uns Herr Obercantor Singer in Wien noch einige andere Tonarten, wie Adonoj moloch, Mögen owansiml) andere Steiger als Fixirung für unsere Melodien ־מסיבי empfiehlt, so find solche nur Mittel, d. h. greifbare Mittel zur Auffindung derselben, welche aber doch nur aus der Construetion der alten Kirchentonarten hervorgegangen sind. Gibt eshiefür ein drastischeres Beispiel, als die 2 kleinen Vor-Berochos bei der Haftora, welche doch, wenn auf dem Tongefüge von Langestimmt, ganz phrygischer Natur ist? Noch eines hat Herr Obercantor Singer vergessen: nämlich, wie sich die Uignnim von Pessaeh und Sehewnos mit dem damit in Verbindung zu bringenden Maarowes verhalten, welches doch auf dem Mögen owans-Steiger beruht, oder beffer gesagt aeolisch ist, während die beiden obizen Nignnim unserem heutigen C-Dnr entsprechen, also jonischer Natur sind. Und ist die N^UN-Melodie und ist der allbekannte Leda Kadisdh und Borncb ato nicht unserem C-Dnr entnommen? Wäre man nicht versucht, zu glauben, dass es auch einen Steiger, oder besser gesagt, eine altjüdische Tonleiter aus C-Dnr gibt? Es wäre sehr erwünscht, wenn Herr Obercantor Singer in Wien uns seine gewiss maßgebende Meinung durch unser Fachblatt bekannt geben würde, und anderseits werden sich auch vielleicht einige andere Fachmänner veranlasst finden, dieser nicht uninteressanten Untersuchung eines simplen Forschens zu Hilfe zu kommen. Der Vorbrter. Bon PH. Ledere r em. Rabbiner in Marienbad. *) Als Vertreter in der Gemeinde soll eine fiir diesen Berus würdige Persönlichkeit bestellt werden. Wohl soll derselbe eine angenehme Stimme besitzen, um durch einen schönen Vortrag Andacht in der Versammlung zu erwecken. Doch muß er selbst von frommer Gemüthsart sein und Kenntniße in den heiligen Schriften besitzen, um mit Verständnis des Inhaltes die Gebete vortragen zu können. Die Institution des Vorbeteramtes, Scheliach- Zibbnr, datirt seit der Einführung des Synagogen-Gottesdienstes, *) Aus dessen trefflichem Werke ״Schulchan Aruch" in deutscher llebersetzung.

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