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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-11-11 · Heft 27 (11.11.1897) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 27 (11.11.1897)
Date
1897-11-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. HK. , dem größten Gleichmuthe. lesen, wirkte auf ihn wie der rothe Lappen Uns den: Stier, und der Name Vergäni konnte ihn in die höchste Wüth versetzen. Josef hatte sich, als' das Alter heraunähtc, auf das Land zurückgezogen, um seine Tage in Ruhe zu beschließen. Der Antisemitismus duldet aber keine Ruhe. Aufregung, Leidenschaft, Gift und Galle, das sind die Elemente, die er zu seinem Dasein braucht. Die Landtagswahlen rücken heran, antisemitische Volks- Versammlungen werden angekiindigt, die Garde Schönerers erscheint, und - die scharfe Tonart rebelliert die ganze bäuerliche, bisher so friedfame Bevölkerung. Der Schwiegersohn Joses's, ein feingebildeter Ingenieur, ist zufällig ein Studiencollege eines . der Intimsten Schönerers. Dem Manne wurde ein Landtags- Mandat angeboteu, falls er zur antisemitischen Partei übertrete. Dieser aber erklärte, er könne die antisemitischen ׳Principien nicht billigen, habe immer dem wahrhaften Fortschritte gehuldigt 1111b wolle demselben nicht untreu werden. Dieser Manu hatte das größte'Mitleid mit seinem Schwiegervater und tröstete ihn stets mit den Worten: ״Du bist ja kein Jude, was kümmert dich das Schimpfen über Juden, du bist heute ein Christ, aber.''־ ״So sei doch nicht so ängstlich, im' Gegentheil, dn musst in die antisemitische Bersammluügen kommen und ganz gleichgiltig wie alle andern Leute die natürlichen und künstlichen Tiraden der Redner anhoren; durch dein Fernbleiben von den Verfammlüngen, die jedermann im Orte besucht, machst du dich ausfallend und ziehst erst recht die Blicke der Leute-aus dich." - Unserem Josef leuchtete das Nichtige dieser ׳ Bemerkung ein und er erschien am nächsten Tage in Begleitung seines Schwiegersohnes in der Volksversammlung. Mit der gleichgiltigsten Miene saß er im Kreise seiner Freunde und hörte anscheinend ganz unbefangen dem Redner zu. Die Kraftworte und gepfefferten ״Schlager" rötheteu seine Wangen, er beherrschte sich jedoch, und nur die Cigarrenspitze spürte die innere׳ Erregung. Als aber der Redner mit Donnerstimme schmetterte: ״Diese krummnafig en Hebräer mit ihren schlotternden Beinen, ihren kraushaarigen Negerschädeln u. s. w.'" da überfiel eiu kalter Schweiß unfern Märtyrer, sein Athen: stockte, er trachtete unauffällig in's Freie zu kommen und in seine Behausung zu gelangen. Dem armen Schwiegersöhne war auch nicht wohl zü Muthe. Er hatte gehofft, es werde nur etwas derb über Juden gesprochen werden, und der Schwiegervater werde sich langsam an die neue Kost gewöhnen. Als aber das ״krummnasig" zu hören war, blickte er unwillkürlich auf das Geruchsorgan des Alten, welches leider kein Ideal einer geraden Linie vorstellte, auch das gekräuselte Kopfhaar desselben stand in einer leichten Beziehung zu dem ״Negerschädel". Unter einem schicklichen Vorwände verließ er die Versammlung und begab sich zu seinem Schwiegervater, der ganz gebrochen Und sprachlos auf dem Divan saß. ״Armer Mann, ewig Jude, 50 Jahre nach der Taufe noch verfolgt, Ahasver!" dachte der edle Mensch und versuchte durch Bernunftgrüude dem tiefgedrückten Gemüthe des Alten Trost zu spenden. Heute ist Josef bereits hochbetagt und freut sich der allerneuesten Situation im österreichischen Parlamente. ״Das find die Früchte dieses schändlichen Antisemitismus", wiederholt er nach jedem Sitzungsbericht, vielleicht erlebe ich noch die Zeit, iu welcher man in unserem Baterlande jedem nach seiner Fa^on selig werden lasst?' Vielleicht, wir glauben nichtdass - er diese Zeit erlebt. _ Zeigt mir drr Freund, was ich kann, lehrt mich der Heindz was ich soll:" Die Wahrheit dieses Ausspruches fiel mir unwillkürlich beim Lesen der letzten Nummer der österr.uugar. Zeitung ein. Was die Freunde des Cantoren-Vereines bis jetzt nicht zustände bringen konnten, das bewirkten die Feinde desselben, nämlich frisch pnlsirendes Leben in den Reihen der besserdenkenden College:: anzuregen und den Anschluß aller College:: zur Gründung einer großen imponierenden Körperschaft, herbeizuführen. Denn wie anders als Feinde soll man jene Herren nennen, die, durch Eigendünkel geblendet, sich von den: bereits bestehenden Cantoren-Verein lossagen, der schon so viel Gutes für unseren Stand gewirkt hat, und ein eigenes ״Vereinderl" gründen) um gegsm das' Interesse des Standes die Zersplitterung unter den College:: zu vergrößern. Wenn es ihnen thatsächlich um das Wohl ihrer College:: zu Ihm: gewesen wäre, so hätten sie sich dem bereits bestehenden Vereine anschließen und in diesem ihre großen, weltbewegenden Reformen durchsetzen können. Aber gottlob, sie haben das Gegentheil von dem bewirkt, was sie in ihrer Verblendung Vorhalten! Wenn nun der löbliche Vorstand des österr.-ungarische Cantoren-Vereines jetzt die Sitnätion auszünützen versteht, kann dies von sehr guten Folgen für unseren Stand begleitet sein. Jetzt ist die richtige Zeit, um einen großangelegten Cantoren-Tag nach Wien einzuberufen, an dein sich alle Cantoren Oesterreich- Ungarns betheiligen müssen, :::::'etwas Großes und Dauerndes zu schaffen. -Und dar:':::: stelle ich das ergebene Ansuchen an den löblichen Vorstand des Cantoren-Vereines, sobald als Mögeinen Cantor'en-Täg elnzuberufen, ' und jeder College möge es als heilige Pflicht ansehen, bei deinselben zu erscheinen und seine befreundeten College:: hiezu zu animieren:-Ich verpflichte mich, bei meinen lieben schlesischen College::' die ׳entsprechende Agitation einzuleiten, und hoffe auch', dass sich mehrereunter ihnen bestimmt an den: Cantoren-Tage betheiligen werden. Ein Gleiches mögen die anderen Herren College:: in den größeren Städten thun. Ob e r c a n t o r S i n g e r::: a n:: Troppau. " ־ * ׳ -- - - ■׳ - i■’ י - ־•■'■■■׳ Die vorstehenden Zeilen beweisen, dass die. Anregungen des Herrn Obexcantor Professor Lazarus in Budapest*) und her Prager Cantoren bei allen besserdcnkenden College:: A::klang finden, und indem wir dies mit freudiger Genugthnung constatiren, geben wir die Versicherung ab, dass sowohl der Cäutorenverein als auch die Cantorenzeitung ihr Möglichstes thun werden, um eine imposante Manifcstation zum Zwecke , der Einigung der gesammten Berufsgcnosscnschaft herbeizuführen. Von weiteren Stimmen aus«Ungarn . führen wir nachfolgende Zuschrift des. Herrn Obercantor Nosenzweig in Abony aU. den Vereinsvorstand an. ״L ö b li ch e r V o r st a n d!" Bezugnehmend auf den in der Öesterr.-ungär. Cantoren- Zeitung erschienenen Appell des Herrn Obercantor Professor Ad. Lazarus in Budapest bin ich so frei, dem löbl. Vorstände zu melden, dass ich. dem Oesterr.-uugar. Cantorenvereine^ als Mitglied beitrete. .*) An dieser.Stelle sei berichtigt, daß es u:,dem in voriger N^yrmer veröffentlichten Aufrufe Seite 1, 2. Spalte,' Zeile 8''»activiren"^'' statt ״actioniren" heißen muß. . (Die Red.)

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