Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-11-01 · Heft 26 (1.11.1897) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 26 (1.11.1897)
Date
1897-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3453397-3453423--4943-3459459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«Leite 4._Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung.___ N'r. 26. denselben Texbvorteu beginnt, der Schlußsatz in der 0 moll- Symphonie von Beethoven und viele andere, die Größe Gottes rühmende Tonwerke ständen in 0 dm?. Der Charakter des 0 moll wird als ״erhaben, ehrfurchtgebietend" bezeichnet, und Ertel nennt es sogar ״die Königin unter den Tonarten". Auf etwas mehr oder weniger lieberschwenglichkeit kommt es Musikästhetikeru nie an. Das mystische Element in der Tonkunst verführt dazu. So ist nichts damit gesagt, wenn man den H moll-Dreiklang als schüchtern oder jungfraulich definiert. Was soll's mit einem ,,jungfräulichen" Dreiklang? Bildliche Ausdrücke erklären ja gar nichts. . . Mendelssohn hat in seinen Liedern und Clavierwerken einigemal die Tonart Fiss moll zur Schilderung von Mondnächten verwendet. Auch Mascagni hat in seiner sonst wertlosen Oper Silvano dieselbe Tonart in einem Mondschein-Intermezzo benützt, was trotz des gedankenleeren Stils dieses Effektkomponisten als typisches Beispiel für eine Mondnacht- Schilderung hingestellt werden könne. Das Charakterisieren einer Tonart auf Grund musikhistorischer Erfahrungen empfiehlt sich am meisten. Hennig spricht von der ״ernsten, zuweilen weihevollen", für den Ausdruck der Andacht besonders paffenden Eigenart des Es dur, das er die Tonart der Choräle nennt. Den Choral: ״Eine feste Burg ist unser Gott" könne man sich nur in Es dm? geschrieben denken, wie ja auch Meyerbeer diese Tonart für die Hugenotten- Ouvertüre gewählt hat. Haydns erster Chor der Schöpfung: ,,Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser" - oder Wagners Schilderung des Urzustandes, der ewig gleichen! Nuhe im Vorspiel zum ״Rheingold", ferner das ..Tuba mir umu: im Requiem von Berlioz ständen sämmtlich in Es dur, ebenso! einige brillante Klavierkonzerte von Beethoven, Weber und Liszt. As dur wird von Hennig die Nocturno-Tonart genannt und sei für die Verdolmetschung des Dunklen, Nächtigen, der׳ Gräberstimmung besonders geeignet. Wagner lasse den Gesang der Rheintöchter in den dunklen Tiefen des Rheins stets in A^ dm? erschallen. Es duldet gar keinen Zweifel, dass die einzelnen Tonarten ihren Sondercharakter besitzen und dass es sehr schwer ist, diesen in klare, objektive, der Bildlichkeit entrückte Worte zu fassen. Hennig hat dies versucht und ist so aufrichtig, dies Schwankende in der bisherigen Charakteristik der Tonarten zuzugeben. Geistvoll behandelt er das Wesen der Dissonanzen, welches er durch gutgewählte Notenbeispiele aus Werken der neuen Musiklitteratur näher beleuchtet. Er streift auch die Frage der Wahl- Verwandschaft bestimmter Farben und einzelner Tonarten, welche sich durch den Zusammenhang der Gesichts- und Gehörnerven erklären lasse. Im ganzen muß der Schrift R. Hennigs nachgesagt werden, dass sie mit wissenschaftlichem Ernst den wichtigen Fragen nahetritt, welche zu beleuchten sie unternommen hat. Pädagogische Aphorismen. Aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und der Schrift moderner Pädagogik, Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprofeflor am Obcrgymnasium zu S. A. Ujhely. <Nach trag.) (Nachdruck verboten.) Sollen ihnen hierin die Eltern, oder die Dienstboten ein Musterbild , sein? Ueberdies wird durch Verweisung der Kinder zu den Dienstboten ihr Ehrgefühl, das im Interesse einer gute.k Erziehung geschont werden soll, sehr tief verletzt, und dies gerade von denjenigen, die es am meisten schonen sollen. ,,Die Schamhaftigkeit ist ein mächtiges Mittel gegen den Sündenreiz, solange der Mensch die besitzt, sündigt er nicht so leicht." (Tr. Nedorim 37.) Kinder — und dies mögen die Eltern sich gut merken — haben ein schärferes Auge, als man glaubt, und unterdrücken oft ihre schmerzlichen Gefühle, was man ihnen an ihrem Gesichte anerkennen kann, jedoch in ihren späteren Jahren bekunden sie unliebsam ihre Mißstimmung über seitens ihrer Eltern und Lehrer erfahrene Zurücksetzung und Geringschätzung. — ״Auch im Kind lebt und strebt der Trieb, geachtet zu werden, und zwar zunächst von denen, die ihm selbst als höhere Wesen Vorkommen, von den Eltern. (Dr. Kellner.) Die Eltern mögen doch wohl bedenken, dass mit der Geburt des Kindes Freude ins Haus eintritt, aber die bisherige Nuhe und Stille hinaustritt. In alten Zeiten pflegten die Eltern beim Lärmen ihrer kleinen Kinder sich mit dem Sprichwort zu cheruhigen: ״Wo Ruhe msuuobob ist; dort ist keine Freude 8imobob; und wo Freude ist, dort ist keine Nuhe." Unsere früheren, noch nicht zu hochgebildeten Eltern hielten den Kindersegen für die höchste Freude. Jedoch nach gewissenhafter und erfolgreicher Erziehung der Kinder da ist doppelte, wahrhafte Freude und Ruhe. ״Bereitet, Eltern, zum Danke für die S p ä t r o s e n, welche eure Kindheit in eure Kindheit, in eure Jahre wirft, auch euren Kindern das Himmelreich ähnlicher Erinnerungen vor!. Deiner schönsten Erinnerungen erinnere dich, wenn dich deine Kinder umhüpfcn, und Pflanze in diesen lieber jene, als deine Kenntniße fort!" (Niemeyer.) ״Wer eine Saat missrathcner Kinder auferzieht, was zieht er anders, als sich, selbst die Sorge groß, und seinem Feinde reichen Stoff zu bittrem Hohn?" (Sophokles.) ״Ein weiser Sohn ist Neid den Hassern; aber feine, des Vaters, Freunde ergötzen sich au ihm." (Ben Sirah.) Insbesondere jene Väter, die anßcr der Speisezeit fern vom Hause sind, und die Zahl derselben ist jetzt sehr groß, und daher fast keine andere Gelegenheit haben, ihre Kinder zu belehren, als eben beim Tische, diese sollten gewiss diese heilige Pflicht mindestens bei Tische erfüllen. ״Die Erfüllnng der Erzichungspflichten ist ein wahrer Gottesdienst, und der Tisch ein heiliger Altar, die Eltern sind die P r i e st e r, die von Gottes Tische genießen. (Nedorim 30.)" Auf jenen Vater, der seine Kinder von seinem Tische wegtreibt, auf den sind anwendbar die Worte des Talmud: ״Wehe dem Vater, der sein Kind von seinem Tische wegtreibt!" und für weggetriebeue Kinder passen die Worte: ״Wehe den Kindern, die vom Tische ihres Vaters weggetrieben wurden." (Tr. Broch. 3.) Der tägliche Speisetisch war 1u1b ist noch jetzt bei den frommen Israeliten auch deshalb dem Altäre gleich, weil für das auf dem Tische genossene Fleisch eine besondere Gemeind csteil er (Gabelte) bezahlt wird, zur Bestreitug der zur Aufrechthaltung des Tempels nöthigen Ausgaben, sowie man im Tempel zu Jerusalem aus den directen und indirecteu Steuergeldcru Opfer für dcü Altar brachte. (Tr. Schckolim 4 C.) Es soll deshalb aüf dem Tische, zur Erinnerung an den Altar, Salz sein, wie beim Opfer. (Levit. 2 13.) Die rituelle- Zubereitung der Speisen erinnert, außer ihrer hohen Bedeutung an die rituelle Zubereitung der Opfer für den Tempel. Besonders gleicht jetzt unser Tisch einem Altar, wegen der an ihm geübten Gastfreundschaft, selbst gegen Fremde und Arme, wie sie an Abraham, unserem Stammvater gelobt, wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.