Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 26 (1.11.1897)
- Date
- 1897-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung ^eite 3. musste ich — nicht ganz leichten Herzens — den! Conservatorium . zum zweiten Mal Valet sagen.. Ich erhielt sofort eine Anstellung j als Cantor in Rostow a. .D.,, gieng dann nach Berdytschew und! von dort..nach Lemberg. Nach sechsjähriger Wirksamkeit daselbst i erhielt ich eine Berufung von der Petersburger Gemeinde, der ich! mich auch contractlich verpflichtete. Bevor ich jedoch meinen neuen j Posten angetreten hatte, wurde mir von der Odesfaer Haupti synagoge ein Anerbieten gemacht, das ich auch in Anbetracht: der für mich günstigeren klimatischen Verhältniße annahm, nach-! dem .die Odesfaer Gemeinde eine Pönale in der Höhe von: tausend Rubeln wegen Contractbruches entrichtet hatte. Von j Odessa gieng ich nach Budapest, woselbst ich an der Rombach-: synagoge seit mehr als einem Decennium wirke, und wo ich —! ich stehe zur Gemeinde in einem lebenslänglichen Vertragsverhältnis — meine Tage, so Gott will, zu beschließen gedenke.; (Fortsetzung folgt.) Charakter der Tonarten. ׳ Im Verlage von Ferdinand Dümmler (Berlin) ist kürzlich eine 132 Seiten umfassende Schrift: ״Die Charakteristik der Tonarten" von Richard H e n n i g erschienen, welche für Komponisten lind für diejenigen, die es werden wollen, sowie für Müsikfreunde von keinem geringen Interesse ist. Der Verfasser holte aus eigener Erfahrung, aus ästhetischen und physiologischen Büchern alles ans das eifrigste zusammen, was sich auf den Klangcharakter und auf die Fähigkeit der einzelnen Tonarten bezieht, Stimmungen auszudrücken. Geistvoll schildert schon Bischer in seiner Aesthetik Dur nnd Moll als völlig verschiedene Tongeschlechter, so verschieden wie Licht und Dämmerung, wie frohe Kraft und gedrückte Weichheit öder Wehmut. Moll sei nicht gerade btos das Traurige, Weiche, sondern überhaupt das ״Verhüllte" der Stinunnng. das persönliche Versenktsein in derselben. Es belaste die Seele mit einem Druck, den sie hinwegwünscht, wie einen dunklen Flor, der das Auge am freien Anfschanen hindert, und lasse unwillkürlich Lösung und Befreiung erwarten. Darum sei Dur doch das Normal-Tongeschlecht, Moll nur Ausnahme, nur ein Gegenbild zu Dur, das in der Regel nicht vorwiegend sein kann und selbst die religiöse Musik nicht einseitig beherrschen darf. Bischer behauptete außerdem, dass sich Dur allein für alle rein objektiven Schilderungen eigne, während Moll unter allen Umständen snbjektive Empfindungen wiederspiegeln müsse. Man darf es nicht verschweigen, dass bei der Schilderung der Eigenart der Tongeschlechter mitunter die Phantasie sich willkürliche Ausdeutungen erlaubt. So kann man es nicht im allgemeinen gelten lassen, ״dass den durch Kreuze bezeichneten Moll-Tonarten bei weitem nicht der Ausdruck des tiefen Schmerzes | eigen sei, welcher den 33 moll-Tonarten an hafte" (Gathy). Auch l kann man es nicht als gemeingültige Regel zugeben, dass die durch B, also durch Herabsenkung, Erniedrigung, entstehenden Tonarten den Charakter des Traurigen, Herabgestimmten tragen, während den Kreuztonarten, durch Erhöhung entstehenden, der heitere, fröhliche Charakter, die gehobene Stimmung eigen sei. Gathy geht zu weit, wenn er den Dur-Tonarten mit Kreuzen einen potenzierten Glanz zuspricht und wenn er die Moll-Tonarten mit Been gesteigert dunkel findetbeide Wirklingen seien gemischt in. Dur-Tonarten mit Been und in der ״fahlen -Beleuchtung" . der Moll-Tonarten mit Kreuzen. Die Wirkung wachse mit der Zahl der Vorzeichen. Die Phantasie versührte.den Dichter S ch nb art. manches Komische über den Charakter der Tonarten zu behäupten. Da E moll nur ein Kreuz vorgezeichnet habe, so vergleicht er diese Tonart mit einem Mädchen, welches weiß gekleidet ist nnd nur eine rosenrote Schleife am Busen trügt. In der Tonart Es dur findet Schubart die Heimstätte der Liebe, der Andacht und des traulichen Gesprächs mit Gott: die Dreieinigkeit sei durch die drei B ansgedrückt. In 6-13 moll erblickt der mit haltlosen Unterstellungen freigebige Dichter einen ״Griesgram, ein zum Ersticken gepresstes Herz, eine Jammerklage, die im Doppelkreuz hinsenfzt." Ungemein viel entdeckt Schubart in der Tonart Fis dur; sie stelle wilde und starke Leidenschaften dar : es liege in derselben die Besiegung von Schwierigkeiten, ״freies Aufatmen auf überstiegenen Hügeln, der Nachklang einer Seele, die stark gerungen nnd endlich gesiegt habe" u. s. w. Rich. Hennigs Charakteristik der Tonarten ist ernster zu nehmen, da sie sich meist aus ein genaues Studium der Musiklitteratur und aus ein feines musikalisches Empfinden stützt. Greifen wir einige seiner Analysen heraus. Unter Hinweis auf eine Reihe von Klavierwerken behauptet der Verfasser, dass die Tonart Des dur einen strahlenden, glänzenden, ja pathetischen Klangcharakter trage nnd für das Klaviervirtnosentum ganz besonders geeignet sei. Doch sei das Pathos der Des chir nicht kräftig und energisch, sondern hohl; es scheine, als sollte ein gefälliges Aeußere über die Flachheit des gedanklichen Inhalts hinwegtäuschen. Im Allgemeinen dürfte dieser Vorwurf kaum berechtigt sein, da auch in der Tonart Dos dur gedankentiese Tonwerke komponiert werden können. Der Tonart D dur könne man einen triunrphierenden, kraftvoll-prächtigen Charakter znschreiben; im Violinspiel komme ihr die hellste Färbung und damit ein besonders freier nnd strahlender Charakter zu. Frühlingslieder könne man sich mir in D dur oder in G־ dur komponiert denken. Die pomphafte effekthaschende Musik Spontinis habe stets diese Tonart bevor? zugt; fast alle Ouvertüren dieses Komponisten ständen in Ddur. Die Schilderung der G■ dur-Eigenart schwankt : Herwig meint, diese Tonart scheine einen ziemlich freundlichen Charakter zu besitzen, aber die Freundlichkeit scheint viel zu gutmütig, zu ausdrucklos; Gr dur sei wie Gr moll kraftlos, unselbständig, fast könnte man sagen stupid. Man kann es fürwahr kaum gelten lassen, dass der Dreiklang G-B-D״gutmütig"״nnselbständig" oder gar ״stupid" ins Gehör sich senke. Eher kann man zugeben, dass Gr dur für Volkslieder geeignet sei, wie auch in Silchers Volksliedersammlung Gr dur eine hervorragende Rolle spiele. Ueber die Beschaffenheit des F dur weiß Hennig Günstigeres zu melden als über Gr dur; es werde dieser Tonart ein beruhigender, fröhlich heiterer, zuweilen pastoraler Charakter zugeschrieben. Der Tonart F moll dagegen wird nachgesagt, dass sie sich für den Ausdruck des Düsteren, Wilden, Leidenschaftlichen gut eigne. Die Tonart E dur wird von mehreren Musikästhetikern als eine heitere nnd ungemein Helle bezeichnet. Der Fenerzauber in Wagners Walküre, diese wunderbare musikalische Schilderrmg tanzender Flammen, sei in E dur ״glänzend, prachtvoll, edel". Wenn die 0 dur Tonart als ״unschuldig" oder ״trivial" bezeichnet wird, so mnß mau dies als haltlos znrückweisen. O dur Passe für den Ausdruck andächtiger rrnd srerrdiger Gefühle. Beethovens berühmtes Lied: ״Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", der bekannte Chor der ״Schöpfung", welcher fast mit