Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 25 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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25. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Äfite 5. In seinen Jngcndjahren war Israel Singer Meschorer \ bei Dowidel Vrod itub Jtzcgel Kauarik und als er später selbstständiger Chase» wurde, sungirte er im Geiste und Sinne seiner Lehrmeister. Er besaß auch genügende musikalische Kenntniße, um einen der ersten Synagogenchörc Ungarns zu gründen, und zwar zu einer Zeit, da man in Ungarn an diese Einführung noch gar nicht dachte. Nebst seiner cautoralen Befähigung besaß er noch als Schochet eine seltene Geschicklichkeit, und lobende Diplome voll berühmten Rabbinern, wie Schmal Sommer in Berbo, Sidou in Tyrnau, Wollncr in Bittsche und Neubauer in Hlinik geben hievon ein beredtes Zeugnis. Im Jahre 1835 wurde Singer als Cautor in Hlinik angestcllt. Als der Ort durch eine Feuersbrunst ganz cingeäschert wurde, gieug er nach Verbo und Tyrnau, kehrte aber bald wieder nach Hlinik zurück, wo er bis zu seinem Lebensende vervlieb. Noch am letzten Schewuothfeste sungirte er in vollster Rüstigkeit und wusste mit seiner noch im hohen Alter angenehmen Stimme und seinem weihevollen Bortrag die Gemeinde zur Andacht zu stimmen. So stand er fast bis zum letzten Augenblicke im heiligen Dienste, und als er seine Stunde kommen sah, legte er sich gottcrbegen nieder zur ewigen Ruhe, durchdrungen von dem Bewusstsein, genug gelebt und seinen Lebenszweck voll und ganz erfüllt zu haben. Unter ungewöhnlich starker Thcilnahmc fand das Leichenbegäugnis Freitag, den 16. d. M. statt. Außer den 4 Söhnen, dem Obercantor Singer, Schuldircctor Ignatz, den Kaufleuten Simon und Bcla, und dem Enkel Hans Singer waren fast alle männlichen und weiblichen Mitglieder der Gemeinde Bittsche, Hlinik und Kottescho, viele auch aus Sillein auwescnd, die alle gekommen waren, um dem hochverehrten Manne die letzte Ehrenbezeugung zu erweisen. Die Leiche wurde zuerst von den Söhnen in die Ortssynagoge getragen, wo Cautor Milini ans Bittsche das 80110011116 bote chomer mit) josche'w besesser empfindungsvoll vortrng und Rabbiner Wcinbergcr dem verblichenen, langjährigen Freunde einen ehrenvollen und tiefempfundenn Nachruf hielt, obwohl, wie der Rabbiner erwähnte, dies am Ghol-hamoeä nicht gestattet sei. Unter den üblichen Gesängen wurde hieraus die Leiche auf den Gemcindefriedstof überführt, woselbst nach den üblichen (Serentomen der älteste Sohn, Herr Obercantor Singer, rührende Abschicdsworte an den verblichenen Vater richtete, die, da der Sprecher selbst erschüttert war, auch erschütternd wirkten. Es folgten dann unzählige״M molerachamim“. da jeder Einzelne es als Herzenssache ansah, dem scheidenden Freunde und langjährigen, religiösen Führer der Hliniker Gemeinde seinen letzten Gruß ztt entbieten. Unter allgemeiner Ergriffenheit wurde hierauf der Sarg in die Tiefe gesenkt, und auf allen Lippen schwebten die Worte: Gesegnet sei sein Andenken! .ת׳נ׳צ׳ב׳ה Kleine Chronik. Wien. Die von den israelitischen Mitgliedern des Gemeinderathes, Dr. Stern, Stiaßny, Zifferer, Dr. Mittler, Dr. Goldmann, an den Bürgermeister gerichtete schriftliche Verwahrung gegen die uttqualificirbaren Angriffe auf die jüdische Eonfession, welche in dem bekannten Anträge des Vice-Bürgermeisters N e u m a y e r, die jüdischen Richter betreffend, enthalten waren, hat also den Herrn Bürgermeister Dr. Lueger nach seinem Geständnisse ״sehr unattgenehm berührt". Nach der etwas weh- und demüthigen Rechtfertigung zu schließen, zu der sich der Führer der Antisemiten vor überfüllten Galerien in der Gemeinderathssitzung vom 15. d. M. herbeiließ, dürfte im Rathhause etwas nachträglich die Furcht erwacht sein, dass die Motivirung ttnd das Meritum des Antrages Neumayer vielleicht anderwärts ״sehr unangenehm berühren" könnten oder schon berührt haben. Nach Verlesung der bereits in voriger Nummer dieses Blattes veröffentlichten Verwahrung knüpfte der Bürgermeister Dr. Lueger hieran folgende Bemerkungen: ״Es ist vollständig unrichtig, dass in dem Anträge Beleidigungen gegen die jüdische Religious- Genossenschaft enthalten feien. Unrichtig ist es ferner, dass seit Jahren im Wiener Gemeinderathssaale Insulten gegen die Juden geschlendert wurden, und wenn solche geschlettdert wurden, so bin ich immer mit aller Entschiedenheit dagegen ausgetreten; aber die Jtlden müssen sich gefallen lassen, dass an ihnen dieselbe Kritik geübt werde, welche sie sich gegenüber Anderen erlauben. Sehr unangenehm hat es mich berührt, dass in dem Anträge eine Dennnciation insoferue enthalten ist, dass die Staatsanwaltschaft gleichsam aufgefordert werde, gegert den Antragsteller und die übrigen Unterfertigten strafgesetzlich vorzugehen. Ich glaube, das w a r d o ch n i ch t n o t h w e n d i g. In der genannten Zuschrift wird and) der Dekalog erwähnt. Gegett den Dekalog hat hier Niemand etwas einznwenden. Wenn es kein anderes Gesetz gäbe als den Dekalog. würde heute überhaupt irgend ein Streit nicht existiren. Es gibt aber auch einen Talmud, ttnd zwischen diesem und dem Dekalog ist ein himmelweiter Unterschied, und ich glaube, auch nicht Einer von Ihnen (»tr Minorität gewendet) hält alle darin enthaltenen Lehren für gerecht. Es wurde ferner gegen mich ein Vorwurf erhoben, dass ich den Antrag verlesen ließ. Ich bemerke, dass ich dazu verpflichtet 6111, jeden Antrag, in dem ich nichts Anstößiges finde, hier zur Verlesung zu bringen. Es wäre ein trauriges Zeichen, wenn i ch mich hier zum Richter über Anträge aufwerfen wollte, obtvohl dies in früheren Zeiten geschehen ist. Wenn in den Anträge gesagt wird, dass eine Cotifessiott beleidigt werde, so hat hier wieder wie so oft die Verwechslung (Ruf: So ist's!1 zwischen Nation und Eonfession platzgegriffen. Ich werde nie die Verunglimpfung irgend einer Eonfession dulden, da der Glaube eines Jeden hochgehalten und hochgeschätzt werden muß. Herr Dr. Lueger scheint an diesem Tage ein schlechtes Gedächtnis gehabt zu haben, doch wir wollen uns heute nicht mit demselben beschäftigen, sondern darauf Hinweisen, dass er noch in derselben Sitzung Anlass nahm, sich gegen den Vorwurf des Judenhasses zu verwahren. Er brachte nämlich im weiteren Einlaufe zur Kenntnis, dass heute ein Referat erstattet werde, welches bereits am 26. Februar l. I. int Stadtrathe erledigt worden sei. Es sei ihm ein Vorwurf daraus gemacht worden, dass die Angelegenheit deshalb nicht vor das Plenum komme, weil es sich um das Josephtne v. Königswarter'sche Kinderspital handle. Darauf habe er Folgendes zu erwidern: Gemeinderath Stiaßny habe ihn ersucht, den Gegenstand auf so lange zu vertagen, bis die israelitische Eultusgemeind e, beziehungsweise die Verwaltung derselben den Gegenstand geprüft habe. Die Vorschläge derselben seien auch vom Stadtrathe vollinhaltlich angenommen worden. Wenn das Referat also nicht erstattet wurde, so sei dies nicht ans Judenhass geschehen. Er habe vielmehr hierin sein Entgegenkommen gegenüber der israelitischen Cultusgemeinde gezeigt. Mirn. Die ״Neue freie Presse" schreibt: Der an auswärttgen Bühnen sehr beliebte Baritonift, Herr Szengery, Sohn des Obercantor Singer in Wien, hat kürzlich den Hebertritt vom Baritonfach in das Heldentenor mit vielem Glück vollzogen. Der talentvolle Künstler sang in der Olmützer Oper die Titelpartie in ״Hernani" und den Max in Weber's "Freischütz" und docutnentirte durch seinen Gesang, dass das Wagnis vollkommen gelmtgen war. Ein Olmützer Blatt schreibt über seine Leistung: ״Vielleicht hat Herr Szengery gerade darum die Titelparti als Antrittspartie gewählt, um Gelegenheit zu haben, die Zweifel zu zerstreuen, denen sein Ucbergang vom Baritonins Tenorfach begegnete. In der That ist ihm dies auch gelungen. Er zeigte Töne von bestrickender Kraft und Schönheit, namentlich in höheren Lagen. Den sonstigen Schwierigkeiten wusste er durch sein künstlerisches Verständnis und fein prächtig ausgebildetes Falsett zu begegnen und auf diese Weise Wirkung zu üben und reichen Beifall zu ernten.