Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 25 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. 9ir. 25. Die Ksrsim von A. Stein, Rabbiner in Sobicslau. (Fortsetzung.) Lehrbegriff der Karaim. Je strenger die Karaim fich an den Ausdruck der heil. Schrift halten, desto eifriger waren sie von jeher bemüht, jedem aus der bildlichen Redeweise leicht herzuleitenden Mißverständniße vorzubeugen, umsomehr, als sie überzeugt find, dass ihre Gegner, obwohl in den Grundbegriffen mit ihnen einverstanden, doch nicht gegen neue Irrungen sich genügend zu schützen wussten. Die älteren Lehrer stellten jedoch keinen abgeschlossenen Lehrbegriff auf, sie begnügten sich mit der Darlegung ihrer Glanbensansichten nach dem Ergebnis ihrer Schulbildung, und oft in sehr erkennbarem moslemischem Gewände. Der beständige Kampf, den sie gegen die Rabbanim führten, ergab für sie die Nothwendigkeit, sich hinter bestimmte Artikel zit verschanzen, die sich jedoch aus 10 beschränken. Die Form stellte Eliahu Beschitzi (gest. 1490 in Adrianopel) etwas deutlicher auf, und sein Schüler Kaleb ergänzte die mangelhafte hinterlassene Handschrift. Erster Artikel. Die ganze KörP erw elt ist geschassen, d. h. einst aus dem Nichts gemacht. Eliahu fügt hinzu: Alles Vorhandene hat sein Dasein aus vorheriger Ursache: es muß also einmal ein Anfangspunkt dagewesen sein. Die griechischen Philosophen )vollen einen ewigen Urstoff anerkennen, weil sie nur der Verstaudeserfahrung folgen; aber diese reicht nicht aus, daher die Prophetie, welche die Wahrheit von innen heraus erkannt, hinzutritt, um uns zu belehren. In allen Erfahrungssachen muß uns das Licht der menschlichen Weisheit leiten, in Dingen, welche über jene hinausliegen, wandeln wir im Lichte der Prophetie, selbst wo diese durch den Ausdruck ein vorweltliches Dasein, z. B. des göttlichen Thrones, u. a. zu begünstigen scheint. Darum hat man zur Gruudsäule der Wahrheit die Lehre von der Schöpfung anerkannt. Er unterscheidet 6 Stufen der Offenbarung*), nämlich das höchste geistige Wesen, welches die unmittelbare Offenbarung bringt, und mit welcher Akose von Mund zu Munde gesprochen; dann der heil. Geist, welcher Mose, David und die Sänger alle zu Liedern erregte; die Ehre Gottes, welche zu Propheten spricht, ohne dass sie recht wissen, woher, wie bei Samuel; die Erscheinung wie bei Jesaija, Ezechiel u. a.; der Bote (Engel) wie bei Daniel, Ezechiel, und endlich der Traum, wie bei Jakob, Josef. Die ersten 5 heißen auch heilige, aber nicht in dem Sinne, wie die Gottheit heilig ist, denn diese ist es im höchsten Wesen, jene nur in Beziehung auf ihre Bestimmung. Zweiter Artikel. Es ist ein Schöpfer, der weder selbst geschaffen werden, noch sich erschaffen hat. Dieses ergibt sich aus dem ersten, denn nur der Geist bewegt sich ohne äußeren Anstoß, alle Körper können nur durch eine anregende Kraft in Bewegung gesetzt werden; demnach kommen wir zuletzt auf die nothwendige Voraussetzung eines vorweltlichen, ungeschaffenen Wesens. Hadassi erklärt einige Grundbegriffe: also Körper ist alles, was die Z Maße hat; Eigenschaft, das, was an jenem sein kann oder nicht (Farbe, Geschmack, Stimme); Atom, das Antheilbare; Zusammengesetztes und eng Berbundehes wie die Elemente in einem Körper; Gesondertes, was das Eindringen anderer Körper duldet; Ruhen d es, Form, die Gestalt eines Körpers oder Raumes, an sich nichts; .חלום,מלאך ,מראה ,כבוד,רוח ׳פה 1* Bewegun g, Dasein, Grenze, Selbstständigkeit alles dies nur als Beispiel zum Verständnis der bei Gott anzuwendenden Abstraction von Körper und Form. Dritter Artikel. Dieses Wesen hat kei ue Gestalt, ist in jeder Beziehung eins, und keinem der v0rh a n d e n e n Wesen ä h n l i ch. Eine Mehrheit würde eine Begrenzung setzen und zugleich eine Form bedingen, und diese eine Ursache. Gott ist daher frei von jeglicher Eigenschaft. Alle prophetischen Ausdrücke, welche dergleichen enthalten, wollen verstanden sein. Manche negieren daher alle Prädicate, manche setzen positive, wie allmächtig, allwissend, lebend, wollend daseiend, ungefähr lute man der Sonne Kräfte beilegt. Aber zum Erkennen des Wesens trägt das nichts bei. Vierter Artikel. Gott hat unseren Lehrer M o s e gesandt. Die Nothiveudigkeit der Offenbarung durch einen vollkommenen Menschen, der die Wahrheit nicht erst durch Unterricht erkennt, sondern durch unmittelbare innere Erkenntnis ergibt sich aus der Unvollkommenheit jedes sonstigen Unterrichtes. Alles, was die Menschen durch Belehrung wissen, muß zuletzt auf eine Uroffenbarung durch einen selbstständigen Geist zurückführen. Das ist der Prophet, welcher nicht erst von außerhalb schöpft. Und dieser ist Mose, weil von ihm gesagt ist, es war kein Prophet ihm gleich. Für die Wahrheit ist die Menge der Wunder ein genügender geschichtlicher Beweis. Hadassi erklärt kurz den Hauptsatz, hinzufügend: und alle anderen Propheten. (Forts, folgt.) Israel Singer Am zweiten Tage Ollol-Irnrnosä-LutUrotili. ist zu Hlinik in Ungarn der Vater des Wiener Obercantors Josef Singer, Herr Israel Singer, der schon vor vielen Jahren unter dem Namen ״Srole Hlinik" einen weitverbreiteten Ruf als ausgezeichnetcr Chasen besaß, in ungewöhnlich hohem Lebensalter gestorben. Mit ihm, dem ältesten unter den Berufsgcnosscn ist einer der Letzten dahingcschicdcu aus jener Zeit, da die Meister des Chasomts, wie Dowidl Brod, Jtzegcl Kanarik re die traditionellen Melodien pflegten und mit jüdischem Gesänge den jüdischen Gottesdienst verherrlichten. Aus ihrem liederreichcn Munde hat er die alten jüdischen Weisen vernommen und durch seinen Sohn der Nachwelt überliefert; denn die erste Anregung zu dem wissenschaftlichen System, das Obcrcautor Singer in seinen ״traditionellen Tonarten" ausgestellt hat, ist gewiss auf den Vater zurückzusührcn, dem der Sohn den .reichen Schatz seiner Erfahrung verdankt. - Israel Singer hat sein ganzes, lattges Leben im Dienste Gottes gelebt, und die Gemeinde, in der er ein ganzes Menschenalter hindurch sttugirte, hat ihn auch wie einen Priester verehrt. Welch' hohe Anforderungen die pflichtrcuc Erfüllung unseres Amtes stellt, welch' häufigen seelischen und körperlichen Emotionen der Träger desselben ausgesetzt ist, wer wüsste dies besser zu bcurthcilen als wir; und umsomehr müssen wir beim Ueberblickcn dieser cantoralen Laufbahn staunen über die Fülle von Lebenskraft und Berufsfreudigkeit, die Israel Singer mehr als sechzig Jahre in seinem Amte erhielt, das er, ausgcstattet mit gesanglichen Fähigkeilen und tüchtigem hebräischen Wissen, in ausgezeichneter! Weise versah.