Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 25 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Pädagogische Aphorismen. (N achten g.) ״Dtt sollst einen unruhigen Tisch haben." (Tr. M. Katum 9. S. Sabb. 33.) Hier ist die Quelle des alten jüdischen Sprichwortes: ״Ein durch die Kinder gestörter Tisch ist ein Segen des Propheten Elijahu." Auch dieser Spruch, wie viele ähnliche, enthält eine wichtige Erziehungslehre und der Ursprung desselben liegt in folgender Erzählung ans dem Talmud: Rabbi Simon b. Jochai, ein als Wnnderthäter berühmter, sehr scharssiiuuiger Bvlkslehrer (140 n. Ehr.), sagte seinem Sohne, er möge sich von zwei Weisen, die eben sein Haus verließen und sich von ihnen verabschiedeten, Rab. Jonatan b. Esmei und Rab. Juda b. Gerim, beide von heidnischer, römischer Abstammung, eiueu Segen erbitten, denn sie sind sehr weise, was mau an ihren Gesichtern merken kann. Auf die im Namen des Vaters an die Weisen gerichtete Bitte sprachen sie zu dem Sohne die Worte: ״Es möge Gottes Wille sein 1. Du sollst säen und nicht ernten! 2. Du sollst einführen und nicht ausführen! 3. Du sollst ausführen und nicht einfuhren! (Der Sohn meinte, dass die Rabbiner ihm damit fluchen; er sollte die eiugeführte Waare nicht abietzen und für die zum Verkauf ausgeführte Waare kein Geld einbringen.) 4. Dein Haus soll öde sein und du sollst in der Herberge wohnen! 5. Du sollst beim Tische, das ist beim Essen, beunruhigt werden! 6. Du sollst kein neues Jahr sehen!" Als der Sohn sich bei seinem Vater beschwerte, dass die Rabbiner-ihm anstatt des verlangten Segens geflucht hätten, und die Worte der Weisen wiedergab, sprach der Vater: Alle ihre Worte sind Segnungen, denn sie haben folgenden Sinn 1. ״Du sollst säen und nicht' ernten" bedeutet, dass dir keine Kinder sterben sollen.'Diese bilden die heiligen Saaten und der Tod bildet die Sichel. 2. Du sollst durch Verheiratung der Söhne Schwiegertöchter in dein Haus bringen, das ist ״einführen", und sie sollen bei dir im Hause, bei deinen Söhnen leben, das ist ,,nicht aussühren", auch sich nicht von ihnen scheiden. 3. Du sollst deine Töchter ausheiraten ,.ansführen", und sie sollen dort bei ihren Männern leben, nicht zu dir zurückkommen, auch nicht von ihren Männern geschieden werden. 4. ״Dein Haus soll öde sein und du sollst in der Herberge bleiben" bedeutet, du sollst hier aus dieser Welt, die unsere Herberge ist, lange bleiben, das heißt lange leben, aber deine einstige Grabstätte, die das Haus bildet, diese soll lange Zeit öde sein, das heißt nicht hergerichtet werden müssen. 5. ״Dein Tisch soll unruhig sein" durch Söhne und Töchter, die beim Tische lärmen. Der Rabbi deutet uns mit dieser seiner Erklärung eine ans Erfahrung beruhende Wahrheit, die auch psychologisch leicht zu erklären ist, dass Kinder verschiedener Geschlechter mehr lärmen, als Kinder gleichen Geschlechtes. 6. ״Du sollst kein neues Jahr sehen", dies bedeutet, dass deine Frau leben soll, und du sollst dir nicht eine andere Frau nehmen müssen; denn das erste Jahr nach der Hochzeit heißt in der Bibel ein neues Jahr. (S. 5, M. 20. 7.)“ Wir geben hier die ganze Erzählung wieder, um an ihr klar, zu beweisen, welcher Tiefsinn und Scharfsinn inden lakonischen׳Reden der Talmüdlehrer enthalten ist.׳ Daher-möchten ' Uneingeweihte sich nicht anmaßen, den Talmud zu' bekritteln, oder gar zu bespötteln. Wir citieren auch noch eine der obigen Mittheilnng unmittelbar folgende, ähnliche Erzählung, die-auch eine wichtige Lehre für die Erziehung der Kinder und der Er¬ Leite 3. wachsenen enthält, ohne dass man dies beim oberflächlichem Lesen bemerkt. Rabbi Simon b. Chalafta nahm Abschied von Rabh, einem berühmten Volkslehrer, Amora, (167—247 11.). Da sprach Rabh zu seinem Sohne: ״Gehe zn ihm und bitte um seinen Segen!" Der Sohn besorgte den Anstrag des Vaters, und der Rabbi sagte ihm: ״Mögest du Niemanden beschämen und dich nicht schämen." Aus die Frage des Vaters, was ihm Rabbi Simon gesagt habe, antwortete der Sohn: ״Gewöhnliche Worte sagte er mir: מילוך בעלמא Daraus erwiderte der Vater: ״Er gab dir denselben Segen, mit dem der Heilige, gelobt sei Er, Israel gesegnet hat. Denn der Prophet Joel (2. 26—27) sagt: Ihr werdet llebersluß haben und loben den Ewigen, euren Gott, und mein Volk wird nicht beschämt werden. Und ihr werdet wissen, dass ich in der Mitte Israels bin, und mein Volk wird nicht b e s ch ä m t werden. Diese Wiederholung deutet an, dass wer nicht beschämt werden will, der hüte sich, Andere zn beschämen, dies ist ein großer Segen". Wir kehren nun zn dem in obiger Erzählung für unseren Zweck wichtigsten Satze zurück: ״Du sollst einen unruhigen Tisch haben!" In diesem Segen ist eine wichtige Ermahnung an jene Eltern enthalten, die, um angeblich beim Tische Ruhe zn haben, ihre Kinder, wenn sie lärmen, zn den Dienstboten hinaus schaffen, oder sie bis zu ihrem fünften bis sechsten Lebensjahre gar nicht zu Tische nehmen, oder aber sie ihre Unarten ungehindert üben lassen. Alles dies ist in mehrfacher Beziehung sehr schädlich, unklug und unrecht. Denn eben beim Tische haben die Eltern durch geeignete Gespräche mehrseitige Gelegenheit, die Denkweise ihrer Kinder und ihre Untugenden zn erfahren, ihre falschen Urtheile zn berichtigen, sie über Gottes Güte in der Schöpfung, Bescheernng der Nahrungsmittel, über die nöthige Mäßigkeit im Genießen, über Anstand beim Tische, wie über andere gesellschaftliche Tugenden frühzeitig zu belehren und sie zur Verrichtung der Tischgebete zn gewöhnen. Darin besteht eigentlich der obgenannte Segen der Rabbiner, nämlich die Kinder an unserem Tische zu belehren, obwohl dies einen 1111־ ruhigen Tisch veranlasst. Die Eltern handeln hiedurch nach der bereits angeführten, für die Erziehung wichtigen Lehre des Talmud, dass man das Kind mit der linken Hand von sich stoßen, aber mit der rechten an sich ziehen soll. Man darf nicht den Kindern die Unarten beim Tische ruhig hingehen lassen, aber sie auch nicht deswegen vom Tische entfernen, sie zu den Dienstboten weisen, von welchen sie allgeniein Unarten und Untugenden lernen. Solche Eltern sind hiedurch der Gefahr ausgesetzt, dass sie für ihre durch Fernhaltung ihres Kindes vom Tische genossene, kurzweilige Ruhe späterhin lang anhaltende Unruhen nebst anderen Schmerzen ertragen zu müssen, weil sie die zur Belehrung und Erziehung ihres Kindes geeignetesten Stunden nnbenützt dahin gehen ließen und die Kinder von sich fern hielten. Jedesmal, wenn die Kinder Speisen von uns gereicht erhalten, erkennen sie uns als directen Wohlthäter, wodurch ihr Dankgefühl angeregt und ihre Liebe zu uns größer und stärker wird. Wenn ihnen aber die Speisen von den Dienstboten gereicht werden, dann halten sie diese für ihre Wohlthäter, da sie ihnen ja nach Belieben mehr oder weniger geben können. — ״Täglich und stündlich muß das Kind-die Hülfe des Vaters oder der Mutter in allem. Irdischen beansprüchen, und wie es dadurch -gewöhnt wird, fein leibliches und geistiges Unvermögen anzuerkenneu, so wird es zugleich gedrängt, ein sittliches Urtheil - nach dem des Erwachsenen auszubilden." I (Dr. Kellner.) _ (Forts, folgt.)