Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 24 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Sei:. 6 Gesterreichisch-ungarische C.antoren-Aeitung. dir. 24. an, an welche sich die Ehrengäste, die Vertretung .der Stadtgemeinde, der Gemeindearzt, der fürstlich Lichtenstein'sche Revierförster reihten. Hierauf folgte unter einem Baldachin Seine Ehrwürden der Herr Rabbiner und der Cultusausschuß, jeder eine Thorarolle tragend. Den Schluß bildeten die von der ganzen Umgebung herbeigekommenen Glaubensgenossen. Vor der Thüre des Tempels überreichte ein Schulmädchen dem Herrn Vorsteher mit einer kurzen Ansprache den goldenen Schlüssel. Beim Eintritt in den Tempel sang Herr Cantor Lagodzinsky den 24. Psalm, worauf die Thorarollen in die Bundeslade gestellt wurden. Nach dem Anzünden des ewigen Lichtes hielt Herr Rabbiner Samuel H a h n die Rede, welche einen mächtigen Eindruck auf alle Anwesenden machte. Er schloß mit dem Gebete für Seine Majestät den Kaiser und das Allerhöchste Kaiserhaus vor offener Bundeslade, woraus die Schuljugend die Bolkshymme intonirte. Hierauf sang der Cantor ebenfalls bei offener Bundeslade einen Psalm. Den Schluß der erhebenden Feier bildete das Absingen der Psalmen Cap. 84 und 100. Breslau. Obercantor Cerini hat vor Kurzem seinen Posten gekündigt und hiemit einen großen Theil der Gemeinde in Aufregung versetzt. Das ״jüd. Volksblatt" bespricht die Ursachen der Kündigung an leitender Stelle in folgender Weise: Im Vordergrund des Tagesgespräches steht die Kündigung des Obercantors Cerini. Um nach Außen nicht mißverstanden zu werden, der Cantor hat der Breslauer Gemeinde gekündigt, nicht die Gemeinde dem Cantor. Dass eine Genieinde ihrem Beamten kündigt, gehört ja leider zur Tagesordnung, dass aber eine große Gemeinde die Kündigung von ihrem Cantor erhält, der mit 5000 Mk. angestellt ist, das ist in der That ein Ereignis, so selten in unserem Gemeindeleben, dass es entschieden der Aufklärung bedarf. Wohl ist es richtig, dass Cerini ein so glänzendes Anerbieten empfangen hat, dass man nicht gerade Familienvater zu sein braucht, um der Versuchung nicht zu widerstehen, seinem Glücke die Hand zu bieten. (Obercantor C. ist nämlich für eine 7—9 monatliche (So 11 certt0111*11 ee in Italien mit einer Anfangsgage von 20.000 Mk. auf drei Jahre engagirt worden.) Und schon sind die allzeit mit ihrem Urtheil Fertigen bei der Hand, um auf C. mit Undankbarkeit gegen die Gemeinde zu schelten. Wir möchten dem gegenüber nur vor Allem festgestellt wissen, dass, wenn von einem Dankesgefühl überhaupt die Rede fein soll, die Breslauer Gemeinde doch hoch genug steht in der Auffassung des Idealen, um zu wissen, welche Empstndungen sie dem Sänger gegenüber bewahrt, der ihr Herz in gottgeweihten Stunden zu den höchsten Höhen emporgetragen, der sie in Freud und Leid weihevoll gestimmt, der sie erbaut und getröstet hat. Wer aber zu denen gehört, welche in angeborenem Geschäftssinn alle Gefühle durchaus in gemünztes Gold übertragen müssen, den gestatten wir uns darauf aufmerksam zu machen, dass C. sich weder in seiner jetzigen Stellung materiell gebessert, noch sich überhaupt um dieselbe je beworben hatte. In Wahrheit hatte sich die Gemeinde durch ihre gewählten Organe mn den Künstler beworben und selbst dann noch auf ihn nicht verzichtet, als sich kaum überwindbare äußere Hinderniße seiner Berufung entgegenstellten. Der Künstler hat die innere Befriedigung nicht gefunden, und er will von uns scheiden. Es ist ein laures Geheimnis, dass C. sich seit Jahr und Tag in feiner Stellung unbehaglich fühlt und aus derselben heraussehnt. Es ist nicht wahr, dass das Gold ausschließlich den Sänger geblendet hat. Wer es noch nicht weiß, was dem Künstler die angesehene Stellung, nach der er sich gesehnt hat, verleidet, dem wird es jetzt von Mund zu Munde getragen. Denn was C. in seiner Kündigung dem Vorstand geschrieben, das weiß jetzt trotz aller Geheimnisthuerei merkwürdigerweise jetzt schon der Zehnte in der Gemeinde. Wenn man dem Sänger die lebenslängliche Anstellung verweigert, welche der Vorstand nach seiner eigenen Erklärung den ״Gemeiudebeamten, sofern ihre Thätigkeit nicht lediglich untergeordneter Natur ist, der Regel nach, nach einer dreijährigen Probezeit" bewilligt; wenn mamshm freie Wohnung ׳ zusägt und nicht/ einräümt, weint - man ihm die Befugnißeüber den Chor, welche sein- Amtsvorgänger HeWvi hat, wegnimmt i!W dadurch dieallerbösesten Unzüträg- ÜchMten ׳herbeiführt,׳ sv' sind -das׳ unseres-Erachtens׳ ausreichende Gründe, um Mißstimmungen zu erzeugen. Wenn dann noch durch die Einführung einer bestimmten Taxe und andere perfönliche hier nicht zu erörternde Gründe die Nebeneinnahmen hinter hochgespannten Erwartungen und Versprechungen zurückbleiben, so bedarf es gewiss nicht noch der verschiedenen Anlässe, die Künstlerehre zu kränken, um allem dem ein Valet zu sagen. Was uns von authentischer Seite über Vorgänge in der Synagoge zwischen Vorsteher und Beamten mitgetheilt wird, das wiederzugeben, widerstrebt uns mit Rücksicht auf den guten Ruf unserer Gemeinde. Wenn wir aber Künstler von dem Schläge eines Cerini uns erhalten wollen, und noch ist es Zeit, dann mag man lieber auf den herrischen Ton manches Synagogen- Commissars, aber nicht auf den guten Ton und die Selbstständigkeit unserer sachverständigen Beamten verzichten. H ei mW r h. Eine sibirische Skizze. Aus dem Polnischen von B. M. Segel. Mitgetheilt von Rcv. Osias Hochglück in Ncw-Z)ork. Es war im Jahre — aber was kümmert uns das Jahr? Genug, es geschah, und zwar zu Anfangs des Monats November, in Jakrttsk, einige Monate nach meiner Ankunft in dieser Metropole des Frostes. Das Alkohol-Thermometer zeigte 350 Reaumur unter Null. Ich dachte mit Schrecken an die Zukunft meiner Nase und meiner Ohren, welche, soeben von Westen kommend, schon öfter still, aber eindringlich gegen diese zwangsweise Acclimatisierung protestiert hatten, und nun einer sehr langen Probe ausgesetzt werden sollten. Seit einigen Tagen wurde der Frost immer härter. Ich konnte auf der anderen Seite der schmalen Gasse, in der ich wohnte, kein einziges Haus unterscheiden, ein dichter Nebel von Schneekrystallen breitete sich wie eine Wolke über die Erde. Die Sonne drang nicht durch diesen Schleier; doch obgleich keine lebendige Seele sich draußen blicken ließ, brachte die durch die grausige Kälte stark comprimierte Luft zu meinen Ohren bald den metallischen Klang des kniesternden Schnees, bald das Krachen der berstenden Wände, bald den traurigen, wie Stöhnen klingenden Gesang eines Jakuten. Es waren eben jene fürchterlichen jakutischeli Fröste hereingebrochen, mit denen verglichen die grausamste polare Kälte nur ein Scherz ist. Unsagbare Furcht erfasst den Menschen, und jeder lebendige Organismus kauert sich im Gefühl seiner gänzlichen Ohnmacht in sich zusammen, ahnt aber gleichwohl, dass er. wie ein gehetztes Wild, das von der blutlechzenden Meute verfolgt wird, endlich dem unerbittlichen Feinde erliegen muß. Seit einer Stunde saß ich bei einer angefangenen Arbeit, aber sie wollte nicht von statten.... Die Feder fiel mir ans der Hand, und der ungehorsamste Gedanke flog weit hinaus über die Grenzen der schneebedeckten erfrorenen Erde.... Vergebens appellierte ich an meinen Verstand, vergebens rief ich mir die guten Rathschläge des Arztes in den Sinn: bisher hatte ich der wüthenden Krankheit so ziemlich Widerstand geleistet, heute fühlte ich mich ganz ohnmächtig, kraftlos. Die Sehnsucht nach der Heimath verzehrte mich, nagte unbarmherzig an mir... Oft schon war ich den Lockungen trügerischen Träumen erlegen — wie sollte ich ihnen heute widerstehen? Und die Versuchung war stark, ich aber schwächer als gewöhnlich.... fort also mit dem Schnee und den Frösten, fort mit der jakutischen Wirklichkeit. Ich warf die Feder beiseite, und, von ben Wolken des Tabakrauches umhüllt, ließ ich meiner Phantasie die Zügel schießen.... Und sie trug mich auf ihrer muthwilligen Welle dahin! Hinweg über Steppen und Schneewüsten, über Berge und Flüsse, über Reiche und Länder eilte mein beflügelter Gedanke noch dem fernen Westen und entrollte wahrhafte Zauberbilder vor mir: meine heimathlichen Fluren, fern von Menschlichem Elend und menschlicher Bosheit, voller Harmonie und Schönheit. Wer vermag׳ diesen Zauber zu schildern,' zu beschreiben'! Ich sah die goldig schimmernden Getreioefelder. die smaragögrünen: Wiesen; die uralten Wälder, die mir -von längst ver- -flossenen-Tagen flüsterten: Ich vernahnv das-ßchttscherr der Wellen, -welche, der-Windiiü die wogenden ׳Getreidefelder׳ schlug, den '-'wiMn - Klangder׳ .befiederten; Wäldsänger ,׳; dM:Mannen: übr