Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 24 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Sir. 24. Beruf außer deu Handwerksmeistern, sageu wir z. B. die Musikmeister, Maler, Graveure, Bildhauer 2c. sich wünschen. Soll dieser Handfertigkeitsuuterricht von wirklich weiterreichendem, praktischem Einflüße für unsere Jugend sein, dann darf er nicht innerhalb dieses engen Arbeitsprogrammes sich bewegen, sondern er muß wie der allgemeine Turnunterricht auf die Unterlage einer methodischen Gymnastik der Finger und Hände gestellt werden, er muß wie dieser Unterricht nicht auf dem Wege einer rohen Naturgymuastik diese fein organisierten Gebilde körperlich erziehen, sondern eine besondere Schule sein, die ihren Schülern die Befähigung gibt, selbe zu allen jenen Dienstleistungen zu gebrauchen, die nur überhaupt vermöge ihres anatomischen Baues und ihrer physiologischen Eigenschaften durch sie ausführbar find, diesen Gliedern die Empfindung lehren, wie man über- Haupt mit ihnen etwas lernt. Hiezu ist speziell aber, außer der Muskelübung, auch noch die Ausbildung bestimmter Eigenschaften unseres Nervensystems nöthig. Jede Kraftleistung (Arbeit) geht allerdings nur vom Muskel aus, aber dieselbe erfolgt nur auf Veranlassung eines Nervenreizes. Je einfacher eine derartige Muskelaction ist, desto weniger Nerventhätigkeit (Nervenreize) wird hiezu selbstverständlicher Weise verwendet: je complizierter diese wird, je zahlreichere Muskelgruppeu sie in Bewegung setzt. Das Muskelgefühl leistet uns zwei sehr wesentliche Dienste. Es unterrichtet uns nicht nur stets von der jeweiligen Lage unserer Glieder und Hautstellen überhaupt zu einander, sondern es sind auch die Muskeln, vermittelst welcher wir den Grad der Anstrengnng bemessen, welcher erforderlich ist, um den uu§ geleisteten Widerstand zu überwinden. Die Empfindung von dem Grade der erforderlichen Anstrengung zurUeberwindnng eines geleisteten Widerstandes, heißt Kraftsinn. Derselbe ist so fein, dass man ihn gleich wie einen Sinn gebrauchen, kann, mit seiner Hilfe lässt sich ganz unabhängig vom Tastsinn, der Unterschied Zweier Gewichte noch genauer bestimmen als mittelst des Tastsinnes. Man erkennt die Gewichte noch richtig als verschieden schwer, die sich wie 39:40 verhalten, wir werden dann ferner unterrichtet, welche Anstrengung bestimmter Muskeln dazu erforderlich ist, um unsere Glieder in eine gewisse Lage zu versetzen, und sie darin zu erhalten, so zwar, dass )vir jeden Augenblick durch den Zustand der einzelnen Muskeln, in dem sie sich gerade befinden, anzugeben vermögen, in welcher Lage sich unsere Glieder befinden, auch ohne dass wir sie sehen oder dass sie sich gegenseitig berühren. Ueberraschend ist die Feinheit und Sicherheit dieses Sinnes bei der Ton- und Buchstabenbildnug im Kehlkops und der Mundhöhle, den mimischen Bewegungen unserer Gesichtsdesto schwieriger wird auch die nervöse Arbeit. Hiezu gehört in erster Richtung die ordnende Vertheilung und die Energie der Bewegungsimpulse, damit jener Bewegung der Charakter der Zweckmäßigkeit oder Geschicklichkeit verliehen wird. Die Fähigkeit der Nerven, in dieser Weise den arbeitenden Muskel zu beeinflussen, bezeichnet man als Coordinationsvermöaeu. Es ist hier nicht am Platze, nachzuweisen durch )velche feinere Vorgänge in unserem Centralwillensorgane die sichere Beherrschung der koordinierenden Thätigkeit erfolgt: nur dies muß betont werden, dass je gekannter eine Bewegung ist, um so weniger von dortaus ein Eingreifen nöthig ist. Denn sowie eine Bewegung gekannt ist, oder doch mit ihren hauptsächlichen Theilen in den Kreis gekannter Bewegungen fällt, die Coordinatiou dieser Bewegung oder doch ihrer Hauptheile geläufig ist, vollzieht sie sich mit dem mindest möglichen Maße von Anstrengung; keine Heranziehung anderer Muskeln, die nur störende Mitbewegungen erzeugen, kein Uebermaß von Kraftaufwand erfolgt, sie geht in zweckentsprechender Form von statten, und dies ist Sache der Uebung. Der Ungeübte, der eine weniger gekannte Muskelarbeit leisten soll, verbraucht hiezu bedeutend mehr Kraft, ״macht sie viel ungeschickter" und ermüdet viel rascher dabei. Nur der Geübte spart Kraft! Nun kommt aber auch eine anderre Seite dieser Nervengymnastik, worin ja eigentlich im letzten Grunde bas Wesen der ganzen Turnkunst auch beruht, wie dies vor Jahren schon der bekannte Berliner Physiologe Du Bois Reymond nachgewieseu hat, hinzu; nämlich die Schnelligkeit jeder Coordi- Nation, die für viele gewerbliche und künstlerische Muskelthätigkeiteu von unberechenbarem Werthe ist. Auch diesen Vorzug seines ausgebildeteu Coordinationsvermögens wird der Geübte bald in seinen Besitz bekommen, er wird geistesgegenwärtiger, schlag- .fertiger, entschlossener sein als derjenige, der im Geiste erst überlegen muß, wie er eine Bewegung geschickter, zweckmäßiger ausführen, soll. Für viele Gewerbe und Künste, wozu auch die Musik in erster Linie gehört, ist es dann ferner nothwendig, dass eine feinere Ausbildung aller jener Gemeingefühle stattfindet, die man in der Physiologie als Kraftsinn, Muskelgefühl, Orts- Raum-Tastsinn oder kurzweg als Jnnervationsgefühl bezeichnet. Muskeln, der stummen Sprache, der Geberden, welche Fähigkeiten sich der Mensch ja auch nur durch tausendjährig angehänfte Hebung dieses Sinnes ans dem Wege seiner natürlichen Schöpsnngsgeschichte unbewusst ausgebildet und angeeignet hat; und es ist daher einleuchtend, dass die systematische Schulrlng aller dieser uns angeborenen Sinnesempfindnngen ebenfalls von großem Werthe für die gymnastische Erziehung dieser Organe ist. Man hat bis jetzt von Seite der allgemeinen systematischen Gymnastik, ׳nach dieser Richtung hin überhaupt unsere Leibes- Uebungen nicht bewerthet. Kräftigung der׳Muskeln. Beweglichkeit der Gelenke, das ist bis nun alleiniges Ziel sämmtlicher Turnschulen von den Griechen angefangen bis zu Jahn und Spieß. Die Bethäti'gnng aller übrigen leiblichen Fähigkeiten, die Verfeinerung derselben durch planmäßige Einwirkung auf sie, durch Veredlung der natürlichen Anlage, Zucht und Angewöhnung, um auf diesem Wege die höchste menschliche Aufgabe, die das Ziel aller Erziehungsmittel, also auch Gymnastik ist: die volle Herrschaft unseres Geistes über und mittelst unseres Körpers zu erreichen, wurde und wird bisher nicht in den Kreis dieser Bestrebungen gezogen. Aus der deutschen Turnerschaft hat sich, unseres Wissens, hiefür nur erst eine Stimme erhoben in diesen; Sinne, jene des j königl. preuß. Prüfnngseommissärs fiir Turnlehrer und Turni lehrerin, Herr Dr. med. T. A. Schmidt in Bonn, derzufvlge es nun ermöglicht ist, eine vollkommene Eintheilnng aller Leibes- : Übungen nach deren physiologischen Charakter und Werth, und nicht ihrer äußeren Bewegnngsform allein zu machen. In An- ■ Wendung derselben auf die von uns geforderten Uebungen der! Coordinationsthätigkeit für die Hände- und Fingerglieder müsste man selbe als localisierte Kraft mit) Geschicklichkeitsübungen be-! zeichnen. In meinem soeben, auch in dieser Zeitschrift besprochenen j Buche: ״Theoret.-practische Anleitung zur Erhaltung und Ans-; bilduug einer vollkommenen Finger- und Handfertigkeit (Cheiropädie). Berlin 1897, Verlag von Max Richter. 8/0 36, Wiener- \ straße 14:" habe ich eine größere Anzahl hiezu passender, und! bereits erprobter Hand- und Fingerübungen angegeben und ab- ' .gebildet, sowie man dort auch alle näheren Erläuterungen über