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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-09-15 · Heft 22 (15.9.1897) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 22 (15.9.1897)
Date
1897-09-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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22. Gesterreichisch-ungarifche Lantoren-Zeitung. Seite 5. Menschen, sondern als Juden, die sie eben nicht erleiden׳ würden, wenn sie keine Juden wären: Es gibt eine sachliche und eine persönliche Judennoth. In Osteuropa haben die Juden in einem qualvollen Ringen um das nackte Dasein gegen Verfolgung,׳ Neid und Hass zu kämpfen. In- Westeuropa ist der Kampf um das tägliche Brod weniger scharf; für die da ansässigen Juden gibt., es eine sittliche Noch, sie besteht in allerlei moralischen Kränkungen. Redner schildert die Lage der Juden in Rußland, wo 5 Millionen Juden, die Hälfte des Stammes, leben und ihre Rechte., derart eingeschränkt sindrespective gar keine haben. In Rumänien sind die Juden der Willkür der Behörden und des Pöbels ausgesetzt. Grauenhaft seien die Zustände in Galizien, wo es 72 Procent berufsmäßige Bettler gebe. Das Gesetz in Oesterreich kennt wohl keinen Unterschied zwischen dem Glauben, aber die öffentlichen Gewalten setzen, sich einfach darüber hinweg, der Jude wird geächtet und schließlich ganz verdrängt. Diejenigen, .welche glauben, mit der Aufhebung der Beschränkung die Lage der Juden zu bessern, die Judennoth zu bessern, täuschen sich. Man habe in . allen civilisirten Ländern die Judenemancipatiou als Lösung angesehen. In Westeuropa hat die Bewegungsfreiheit viel Gutes erzielt. Der jüdische Fleiß, Beharrlichkeit und Nüchternheit ließen das jüdische Prole-, tariat fast schwinden. Aber unter diesen Juden erhebt sich die sittliche Judennoth. Die Juden des Westens haben zwar ihr Brod, aber mau lebt nicht vom Brod allein. .Redner sprach über die Umwälzungen, die der westliche Umsturz des französischen Volkes auch auf die Juden ausübte. Die Judenbesreiung erschien ihnen als eine uöthige Einrichtung des staatlichen Hauswesens, ungefähr wie ein Piano, das in keinem Salon fehlen darf, wenngleich er nicht bewohnt wird. Auf ein Land findet dieser Ausspruch jedoch keine Anwendung, auf England. (Riesiger Beifall.) Die Engländer lassen sich nichts von Außen anfdrüngen, sie entwickeln sich von sich selbst. In England war die Emancipation. als sie eintrat, im Gesühl des Volkes längst vorbereitet und schon vor dem Gesetze herrschte die Gleichstellung aller Confessionen. Die Emancipation hat den Juden vollständig umgewandelt. Vorher war er ein Fremder unter den Völkern, er selbst fühlte sich als solcher. Wo es nicht die Behörde that, schuf er sich selbst das Ghetto, über welches Wort heute Bezeichnungen der Schwach und Erniedrigungen schwirren. Der Sittengeschichtsschreiber kann aber festftellen, dass das Ghetto nicht als Gefängnis, sondern als eine Zufluchtsstätte betrachtet werden muß. Nm.- tms Ghetto ließ den Juden die Verfolgungen des Mittelalters überdauern. Im Ghetto verstand man sich, an den Meinungen draußen lag ihm nichts, denn es war die Meinung seiner Feinde. Die Inden im Ghetto waren harmonische Naturen, was nur zu sein aufgehört haben. (Beifall.) Das ist die Psychologie des Ghettojuden. Die Emancipation brachte eine vollständige Umwälzung. In einer Art Wonnerausch beeilte man sich, alle Brücken abzubrechen. Sie meinten ein neues Vaterland zu haben und sich nicht mehr an die eigenen Ghettogenossen halten zu brauchen. Der Trieb der Selbsterhaltung ließ sich bald anpasfen an die bestehenden Verhältniße. Ein jeder meinte, er sei nur ein Franzose, ein Deutscher u. s. f. Da brach vor etwa zwei Jahrzehnten der alte Judenhass wieder hervor und der Jude sah entsetzt sich in die Wirklichkeit zurückversetzt. Er fühlt sich als Sohn feinet Landes, das Volk weist ihn zurück. Seine Zufluchtsstätte hat er selbst aufgegeben, seine Heimath ist ihm verschlossen, seine jüdischen Genossen hat ihm der Antisemitismus verekelt, die Christen stoßen ihn zurück. (Beifall.) Alle Juden des Westens stöhnen unter dieser Judennoth, und unsere Aufgabe wird es sein, Mittel und Wege zu finden, um der großen Judennoth abzUhelfeM (Lebhafter Beifall.) Die zweite Sitzung wurde Nachmittags durch Dr. Theodor H e r z l eröffnet und zunächst die Specialberichte der Delegirten der 'verschiedenen 'Länder fortgesetzt. Dr. Salz (Tarnow) bespricht die wirthschaftliche Lage der Juden in Galzien, in welchem Lande.772.000 derselben leben und der weitaus größte Theil in geistiger und moralischer Beziehung geknechtet dasteht. de Haas (England) bespricht das bürgerliche, brüderliche Einvernehmen der Inden und Christen in Englands hass die Juden dort die höchsten Ehrenstellen einnehmen, und 'dass die Regierung die besten Meinungen von den Juden ' hat. 58 Percent der Juden in England sind ausgewiesene russische Juden. Die deutschen und polnischen Juden find gegen den Zionismus. 225.000 Pf. Sterl. wurden für jüdische Zwecke in England ausgegeben, Schulen und Humanitätsanstalten geschaffen. 29.740 Kinder besuchen jüdische Schulen, die wiederum nur vom jüdischen Gelde erhallen werden. Den Antisemitismus kennt man fast gar nicht, man versucht ihn zu importiren, doch nur höchstens von einigen sogenannten Zierbengeln aus Deutschland. P i n e l e s (Rumänien). Es leben gegen 250.000 Juden in Rumänien, die allen Chicanen der Behörden und des Pöbels ausgesetzt sind. Der weitaus größte Theil lebt in bitterer Noth und Elend und wäre bereit, je eher je lieber das Land zu verlassen, um in eine gesicherte Heimstätte einziehen zu können. Dr. Alex, Minx (Wien) geißelt in längerer oft von Beifall unterbrochenen Rede die Zustände in Oesterreich. Redner greift ans die Wahlen von 1895 zurück, bis zur Herrschaft Luegers. Er bespricht, wie die Rechte der Juden mit Füßen getreten und sie selbst überall und täglich zurückgesetzt werden. Der Antisemitismus meines Vaterlandes ist nicht nur national, er ist auch socialistisch. Die Kirche hatte sich über diese und die sonstige Verwendbarkeit des Antisemitismus schon bei Zeiten ihr llrtheil gebildet; sie stand mit ihm bereits im Bunde, als Graf Baden! wider ihn zu Felde zog. Aber auch für Se. Excellenz kam die Stunde der Erleuchtung. Dr. Lueger bestieg den Bürgermeisterstuhl und seine Leistung war des Lohnes werth; bei der letzten Reichstagswahl warf er die Socialisten zu Boden. Auf diesem Wege hat der Antisemitismus den officiellen Zutritt zu Hofe gefunden. Durch Schönerer nach oben hin compromittirt, ist er durch Lueger höchstenorts zu Gnaden und Ehren gelangt. Hiedurch hat sich die Lage der Juden bedeutlich verschlimniert. Denn von der S anctioni rung des A n t i s e m i t i s m u s zur S a n c t i o n i r u n g j u d e nfeindlicher Gesetze i ft a m Ende nur ein Schritt. Redner streift nun in Kürze die wirthschaftliche Lage der Juden in Oesterreich, die trostlos wäre. So labboriren beispielsweise von den 25.000 Haushaltungen Wiens 15.000 in einen derartigen Nothstand, dass sie zur Steuerleistung in der Cultusgemeinde gar nicht heraugezogen werden können. Von den 10.000 Besteuerten sind aber 90 Percent mit der niedrigsten Steuerquote eingeschätzt und diese sind kaum zum vierten Theil in der Lage, den vorgeschriebenen Beitrag zu leisten. Auch über Galizien und Ungarn spricht Redner und schließt mit folgenden Worten: Und so schwebt über dem Gesammtbild unserer Lage eine trübe dämmerdunkle Stimmung. Die vielbesungene Sonne aber dort von Osten her flammt auf und es ist ein Glanz, der uns den Weg meist durch Karst und Wüste zu einer Stätte, die wir lieben, mit der ganzen Glut unseres gequälten Herzens — zur Stätte, welche Zion heißt. Dr. Ebner spricht über Bukowina. Dr. S ch a u e r über deutsche Verhältniße. Professor B i e l k o w s k y spricht über Bulgarien und die dortige Lage der Juden. Dr. Birnbaum (lebhaft begüßt) entwickelt in längerer Rede, dass die Juden in der europäischen Culturwelt eine Anomalie bilden, sie begeben sich ihrer Cültur, ohne die andere anzunehmen, und bilden daher eine Sonderexistenz. Redner gehl auf die Assimilationsversuche ein, auf das widerliche Schauspiel der Taufmaskaradeu, wie sich der Antisemitismus erhebt, der aber gar nicht dazu kommt, die Judenfrage zu lösen. Die Judenfrage existirt nur für uns, wir müssen eine Bewegung einlenken, und das ist nur auf zionistischem Wege möglich durch die Hebung der Inden zu einem Volke. Redner geht näher auf die wirthschaftlichen Verhältniße der Juden ein, dass die Anomalie in dem Mangel eines eigenen Landes bestehe, dass damit den Juden die wirthschaftliche Stütze fehlt. Die Juden brauchen ein Land, sie müssen eins haben und werden es auch ohne Zweifel besitzen. Warum aber 'gerade Palästina? Man kann sich zur Begründung dieser Wahl durch

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