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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-09-15 · Heft 22 (15.9.1897) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 22 (15.9.1897)
Date
1897-09-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. -Nr. 22. zusammen,, wenn es anders wäre. Die Gemeinsamkeit .unserer Geschichte hat eine Unterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Theite des jüdischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mussten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindüng der Getrennten gegeben. Und in dieser Zeit, die sonst so hoch ist, sehen und suhlen wir uns überall vom . alten. Hass umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohlbekannte moderne Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon haben, war Ueberraschung, die in Schmerz und Zorn überging. Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade Diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicher Weise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Schacherns entwöhnte Judenthum bekam einen Stich mitten ins Herz. Wir können das heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, dass wir an die Thränendrüsen unserer Gegner appelliren wollen. Wir sind mit. uns im Reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man uns so häufig vorwarf, es war in voller Auflösung begriffen, als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser hat es wieder gestärkt. Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. Der Zionismus i st die Heimkehr Zum I u d e u t h u m noch vor der Rückkehr ins I u d e n l a u d. Wir heimgekehrten Söhne finden im väterlichen Hause Manches, was der Besserung bedarf. Wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber im alten Hause willkommen, weil es wohlbekannt ist, dass wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zu rütteln. Das wird sich bei der Ent- Wicklung des zionistischen Programmes zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem für unmöglich Gehalteues zu Wege gebracht: Die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judeuthums mit den conservativsten. Dass sich dies ereignet hat, ohne dass von der einen oder der anderen Seite uunöthig Concessionen gemacht worden wären, ist ein Beweis mehr, wenn es noch eines Beweises bedürfe, für das Volksthum der Juden. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondern nur die internationale Discussion. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wichtigkeit, wie ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimirt auch die Einberufung dieses Congreßes. Es kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur um eine freiwillige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Controle der öffentlichen Meinung. Von den Colouisationsversuchen in Palästina und Argentinien können und werden wir nie anders als mit aufrichtiger Dankbarkeit sprechen. Aber sie waren nur das erste, sie sind nich das letzte Wort in der zionistischen Bewegung. Diese muß größer sein, wenn sie überhaupt sein soll. Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen. Wir Zionisten wollen aber das Volk zur Selbsthilfe anregeu. Dabei sollen keine verfrühten ungesunden Hoffnungen erweckt werden. Auch aus diesem Grunde ist eine öffentliche Behandlung, wie sie unser Congress bezweckt, von hohen! Werth. Das Vertrauen der Regierung, mit der man über Ansiedlung jüdischer Volksmassen im großen Maßstabe verhandeln will, lässt sich nur durch eine offene Sprache, durch ein loyales Vorgehen erreichen. Die Vortheile, die ein ganzes Volk als Gegenleistung zu bieten vermag, sind so bedeutend, dass die Unterhandlungen von Vorneherein mit genügendem Ernst ausgestattet sind. In welcher rechtlichen Form die Einigung schließlich stattfinden soll, darüber heute viel zu reden, wäre ein müßiges Beginnen. Nur das Eine ist fest zu halten. Die Basis kann nur ein Zustand des Rechtes und nicht der Duldung sein. Mit der Toleranz und dem Schützjudenthum. auf Widerruf haben wir nachgerade:genug Erfahrungen.gemacht. Unsere Bewegung hat folglich nur dann einen vernünftigen Zug. wenn sie öffentlich rechtliche Bürgschaften anstrebt. Die bisherige Colonisation hat Las erreicht, -was sie nach ihrer Anlage -erreichen konnte. Sie hat die vielbeftrittene Tauglichkeit der Juden zur Landarbeit erhärtet. Sie hat diesen Beweis, wie es in der Rechtssprache heißt, zum ewigen Gedächtnis erbracht: Aber die Lösung der Judenfrage ist Pe - nicht, und kann sie iu der bisherigen Form nicht sein. Sie hat auch, - gestehen wir uns offen, einen bedeutenden Anklang nicht gefunden. Warum? Weil die Juden rechnen können, es wird ja sogar behauptet, dass sie es zu gut können. Wenn wir nun annehmen, dass es 9 Millionen Juden gibt und dass es der Colonisation gelänge, jährlich 10.000 Personen in Palästina anzusiedeln-, so würde die Lösung der Judenfrage m e u n h u n d e r t Jahre in Anspruch nehmen. Das sieht unpraktisch aus. Nun wissen sie aber, dass die Ziffer von zehntausend Ansiedlern jährlich geradezu phantastisch ist, unter den jetzigen Berhältnißen nämlich. Dir türkische Regierung würde bei einer solchen Ziffer sofort die alten Einwanderungs- Verbote auffrischen —■ und das wäre uns gerade recht. Denn wer - da glaubt, dass die Juden sich in das Land der Väter gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht Andere. Nirgends wird das Auftancheu von Juden so schnell signalisirt, wie iu der historischen Heimath des Volkes, eben weil es die historische Heimath ist. Und es wäre auch gar nicht in unserem Interesse gelegen, verfrüht dahin zu gehen. Die Ein- Wanderung der Juden bedeutet einen Kräftezufluss vonunerhoffter Fülle für das jetzt arme Land, ja für das ganze osmanische Reich. Se. Majestät der Sultan hat übrigens mit seinen jüdischen Unterthanen nur die besten Erfahrungen gemacht, gleich wie er ihnen ein gütiger Souverän ist. Die finanzielle Hilfe, welche die Inden der Türkei bieten könnten, ist nicht unbeträchtlich und wurde zur Beseitigung manchen Uebels dienen, an dem dieses Land jetzt leidet. Wenn ein Stück Orientfrage mit der Judenfrage zugleich gelöst wird, so ist dies gewiss im Interesse aller Culturvälker. Die Ansiedelung der Inden wäre wohl auch eine Besserung der Lage der Christen im Orient. Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assiiniliren können oder wollen, bleiben zurück und werden resorbirt. So wollen nur weiter arbeiten. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so vielen Ländern zusammengefunden haben, auf einen Ruf, auf den alten Ruf der Nation, heute sei unser Bekenntnis feierlich wiederholt. Muß einem da nicht eine Ahnung großen Geschehens überfliegen, wenn wir denken, dass in diesem Augenblick die Hoffnungen und Erwartungen von vielen Hunderttausenden unseres Volkes auf unserer Versammlung ruhen. Nach fernen Ländern, ja übers Weltmeer wird in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren Berathungen und Beschlüßen eilen. Darum soll Aufklärung und Beruhigung von diesem Congress ausgehen. Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist; eine gesetzliche, gesittete, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes. Möge darum der Congress, der fortab der Herr seiner Debatten ist, als ein weiser Herr wirthschaften. Und endlich wird der Congress für seine eigene Dauer sorgen, damit wir nicht wieder auseinander laufen, spurlos und ohne Wirkung. In diesem! Congress schaffen wir dem jüdischen Volke ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend zum Leben gebraucht. Uusere Sache ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelingen soll. Und unser Congress soll ewig leben, nicht nur bis zur Erlösung aus der alten Noth, sondern nachher erst recht! Heute sind wir hier auf gastlichem Boden dieser freien Stadt — wo werden wir übers Jahr sein? Aber wo: wir. auch seien und wie länge unser Werk.bis zur Vollendung dauere, unser Congress sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, Niemand zum Trutz und allen Juden zur Ehre und - -.würdig einer Vergangengenheit, deren Ruhm wohl noch fern, aber unvergänglich ist. (Lebhafter rauschender Beifall.);״-o - , . Dr^-Max No rd au aus Paris: . Ueberall, wo Juden in größerer Zahl angesiedelt sind, herrscht eine Judennoth; eine Noth der Inden nicht als

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