Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 17 (28.6.1897)
- Date
- 1897-06-28
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9,ir. 17. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 7 ״Im Hinterhaus." Erzählung von M. Buß gang, F alten an. H Nachdruck verboten. In den ersten Tagen benützte ich meine freie Zeit, um mich mit den Oertlichkeiten des Dorfes vertraut zu machen. Benevice war ein ziemlich großes, von Ruthenen bewohntes Dorf und machte mit seinen bunten Wiesen und schönen Wäldern auf mich, den Naturfreund, einen angenehmen Eindruck. - Als ich eines Tages durch die schmalen Gassen des Ortes schleuderte, bemerkte ich, dass ich mich vor einem großen schlossartigen Hause befand, welches bei näherer Betrachtung aber als ein eigentliches Hintergebäude, das nur durch einen kleinen. Garten von der ׳Hinterfront des Schlosses, und wie es schien, absichtlich getrennt worden war, angesehen werden konnte. Denn ich erinnerte mich jetzt, in diesem Garten einmal gewesen zu sein und bemerkt zu haben, dass derselbe Spuren hatte, die mich voraussetzeu ließen, dass an dieser Stelle einst ein Hofraum gewesen sein müsse. Das .Gebäude selbst machte mit seinen verwitterten Mauern einen unheimlichen Eindruck. Anfangs glaubte ich, dass dasselbe als Magazin für Getreidevorräthe diene, doch bald bemerkte ich seitwärts vor einem Fenster des Stockes, eine menschliche Gestalt, die hinauszublicken schien. Ich stellte , mich auf einen kleinen Hügel, der sich hinter der. ziemlich hohen Mauer befand, die dieses ganze Gebäude umgab, um dieselbe näher zu betrachten. Es war. dies eine kleine, schmächtige Dame mit freundlichen Zügen und gebleichten Haaren, die auf den ersten Blick wie eine Greisin aussah, bei genauerer Prüfung aber einige und vierzig Jahre alt sein mochte. Ihr Gesicht war edel geformt, aber ungemein bleich und krankhaft und trug Spuren von tiefem Gram. Sie stand ganz still vor dem Fenster und starrte theilnahmslos vor sich hin. Nichts schien für sie zu existieren; ihre Augen waren glanzlos, gleichsam als waren sie aus Glas. Nur zuweilen flogen ihre Augen mit einem blöden, scheuen Ausdruck nach dem Vordergebäude hinüber. Ich war ergriffen bei dem Anblicke dieser offenbar sehr unglücklichen Frau, und eine ungewöhnliche Theilnahme für dieselbe wurde in mir wach; denn bei meinen späteren Spaziergängen führte es mich unwillkürlich stets an dem Hintergebäude vorbei, und ich konnte es dann nie unterlassen, einen mitleidigen Blick auf das Fenster zu werfen. Einmal,-als ich von einem Spaziergange, später als gewöhnlich, an demselben vorbeigieng, bemerkte ich die Bewohnerin dieses Hauses, mit einem Wasserkruge in der Hand, der etwa 50 Schritte entfernten Quelle zuschreiten. Ein Gefühl ungewöhnlicher Neugierde, . der ich nicht zu widerstehen vermochte, dieses räthselhafte Gebäude näher zu kennen, bemächtigte sich meiner. Rasch schlüpfte sich in den von Unkraut wuchernden Hoff Still und öde lag das Schloß da und etwas Geheimnisvolles schwebte um dasselbe; als ich ׳durch den langen Corridor schritt, wehte es wie geisterhaft. Ich gewahrte bald, dass dieses seltsame Weib die einzige Bewohnerin׳ dieses düsteren Gebäudes sei, denn überall, wohin ich blicken mochte, gähnte mir eine ungewöhnliche Oede entgegen, die mit dieser Unglücklichen erstaunlich zu harmoniren schien. Äls ich über die Stiege, die zum ersten Stockwerke führte, stieg, gewahrte ich, dass die Thür des Zimmers, aus dessen Fenster die Frau herauszublicken pflegte, offen war, und konnte mich nicht enthalten, dasselbe zu betreten. Es war ein kleines, heimliches Gemach? das mit seinen schlichten Möbeln und den altmodischen Schränken und Commoden einen auffallenden Gegensatz zu der kostbaren Einrichtung der Gemächer im Vordergebäude bildete. In einer Fensternische stand ein kleiner . Schreibtisch,, auf welchem ein schönes Buch in Goldschnittband aufgeschlagen lag."—' .... . .. . Ich war begierig zu wissen, was diese blöde Frau lesen mochte, und blätterte darin. Zu meinem nicht geringen Erstaunen erblickte ich am Titelblatte desselben die Aufschrift ״Gebetbuch für Katholiken". Auf der anderen Seite stand, von einer kräftigen ausgebildeten Handschrift herrührend, folgende Widmung: ״Meiner lieben und theueren Olga zum Andenken an unsere am 15. Februar 18 .. stattgefundene Vermählung, von ihrem sie innigst liebenden: Ladislaus." Betroffen starrte ich auf diese Zeilen, und meine Neugierde stieg umsomehr aufs Höchste, als man im Schlosse ein peinliches Stillschweigen über die Bewohnerin des Hintergebäudes beobachtete. ״Wer war dieses Weib und in welchem Verhültniße stand sie zu dem Schlaßherrn, fragte ich mich selbst!" Es ward mir klar, dass eine geheimnisvolle Beziehung hier obwalten müsse; doch ich musste mich beeilen, aus dem Schlosse zu kommen, da ich nicht überrascht werden wollte. Es war schon ziemlich dunkel, als ich mein Zimmer aufsuchte. Ich zündete die Lampe an und versuchte in einem Buche zu lesen: aber vergebens. Immer und immer tauchte wieder die merkwürdige Frau und das Gebetbuch in meinem erregten Geiste auf. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit überkam mich, ich beschloß auszugehen. Es schlug neun Uhr. Der Abend war kalt und traurig, und der. Wind ächzte um die Strohdächer der Häuser, als ich vor der Schänke des Arendators, die mitten im Dorfe der Kirche gegenüber lag, stand. Hinten, im. Hofraume derselben befand sich eine ziemlich große Hütte, die früher als Scheune gedient haben mochte und später als Wohnung und Schule zugleich für den Melamed hergerichtet wurde. Dieselbe war sehr ärmlich und dürftig eingerichtet. In der Mitte stand ein langer, eichener Tisch und auf beiden Seiten desselben ebensolche Bänke, wie mau sie in den polnischen Wirthshäusern zu finden pflegt. Ein Bett und ein altes Sopha bildeten die ganze Ein-! richtung der Schulwohnung. Reb Awrom lag auf dem Sopha und rauchte aus einer langen Pfeife, als ich in seine Wohnung trat. Er war äugenscheinlich vergnügt, mich zu sehen, und bat mich, neben ihm Platz zu nehmen. Wir knüpften ein gleichgiltiges Gespräch an, sprachen über dies und jenes; natürlich auch vom Schlosse. Ich konnte mich bei dieser Gelegenheit nicht enthalten, ihm mitzutheilen. wie mich das Schicksal der Bewohnerin des Hintergebäudes interessire, und von meiner heimlichen Anwesenheit und den Wahrnehmungen im Zimmer dieser merkwürdigen Frau. lieber das Antlitz des Melamed flog eine düstere Wolke, seine Züge nahmen einen traurigen Ausdruck an, und mit einer Hand strich er über seine dichtbefurchte Stirne, als wollte er einen bösen Traum verscheuchen; indem er den Kopf hin und her mißbilligend bewegte, sagte er: ״Sie haben, junger Freund, nicht gut gethan, dass Sie das Hintergebäude und überhaupt das Gemach der Bewohnerin desselben betreten haben, und Herr Rosenheim würde es Ihnen übel nehmen, wenn er es erfahren würde. Das Hintergebäude war ursprünglich, wie Sie wohl bemerkt haben dürften, mit dem Vordergebäude verbunden, ist aber später absichtlich getrennt worden, damit jede Verbindung dieser Häuser aufhöre. Auch ist es Jedem vom Hofgesinde bekannt, dass dieser Theil des Schlosses nicht betreten werden darf, und dass es der Guts- Herr überhaupt nicht gerne hört, wenn man von der Bewohnerin desselben spricht." _ (Forts, folgt.) Corresponden; der Redaction. N. in T. (Rußl.) Empfehlen Ihnen zur Anfertigung von Ornaten die bekannte bestrcnommirte Firma B. Steinhardt, I., Rabenplatz 3. (Siehe Inserat). — A. in Fr. Wollen Sie sich an den Vorstand wenden.— B. in M. Der regelmäßige Unterricht in der Cantoren-Bildungs-Anstalt des Obercantor Bauer beginnt erst: nach den hohen Festtagen: