Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 17 (28.6.1897)
- Date
- 1897-06-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Seite 3 man mit ihr kein vollständiges Auskommen findet, und r als ich einst mit Herr Professor Josef Sulzer darüber sprach, hatte er nur ein ironisches Lächeln dafür. Aber die Praxis beweist' es, dass ein Functionär, der 15 oder 20 Jahre in einer Gemeinde wirkt, nicht an jedem Feiertage den Ez ctajim in L oder den ^.äon olona in Ls äur rc. rc. zum Besten geben darf, sondern als moderner Canlor die besten Fruchte aus dem-musikalischen Garten anderer Eomponisten zu pflücken suchen wird. Aus diesem Grunde werden wir, wenn wir uns in unfern Gotteshäusern umschauen, vielfach, und namentlich in größeren Gemeinden, auf ein gemischtes Programm stoßen. Sowohl im- Interesse der einzelnen Fachgenosfen, wie auch des ganzen Standes, wäre es nun angezeigt, wenn die geehrten Collegen das Programm, welches ׳sie an einem bevorstehenden Festtage aufzuführen gedenken, in unserem Fach blatte, der ״österr-ungar. Cantoren-Zeitung" zur Einsicht vorlegten. Man würde hiedurch auf besondere Schönheiten der einen oder anderen Piece aufmerksam werden, man würde erfahren, ob in diesem oder jenem Tempel, 2-, 3- oder 4-stimmig, mit oder ohne Instrument gesungen wird, und eventuell seinen eigenen Chor darnach einznrichten wissen. Lasset uns, Collegen, in unserem Fache nicht stehen bleiben, sondern rüstig vorwärtsschreiten. Wenn wir uns schon zur gemeinsamen Abwehr gegen Elemente, welche ein stetes Vorurtheil gegen uns hegen, nicht zusammenfinden können; wenn wir dort, wo es gilt, unsere materielle Zukunft zu sichern, noch nicht von collegialer Solidarität beseelt sind, so lasset uns wenigstens das einigende Band der Musik sesthälten und mit Begeisterung den Faden weiter spinnen, der unser eigentliches Element bildet, den Synagogengesang. Durch eine zusammenhängende programmatische Darstellung des ganzen 'musikalischen Gottesdienstes würde Jeder lernen können, und wir wären dann auf dem besten Wege, eine gewisse Einheitlichkeit zu erzielen. Dazu bedarf es jedoch eines großen Materials, und keiner sollte zurückstehen, seine Meinung und sein Urtheil abzugeben, auch wenn er über geringe Kräfte verfügt. Jedes Mannes Stimme soll gehört werden und der Eine über den Andern sich nicht erheben, in dem Glauben, dass er etwa mit seinem wohlgeschulten Chor, mit seiner Orgel, Harfe rc. mehr zu leisten im Stande ist, als derjenige, der etwa nur einen 2-stinimigen Chor zur Verfügung hat. Es soll eben für alle Zwecke vorgesorgt werden, und wie der College im kleinen Wirkungskreise dankerfüllt Belehrung, so möge der Cantor aus der Großgemeinde hier Anregung zu weiterem Schaffen finden. Wie oft wird nicht der Vorsänger in die verschiedensten Situationen gedrängt und muß zu Mitteln greisen, die er früher nicht gebraucht hat; und namentlich dort, wo ein freiwilliger Chor besteht, der fast jedes Jahr einer Veränderung unterliegt, muß er nicht nur über die nöthigen Behelfe an Musikwerken, sondern, was noch viel mehr ist, auch über guten Rath verfügen. Pädagogische Aphorismen. Aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und der Schrift moderner Pädagogik. Von Israel S i n g e r, autor. Rabbiner, Religionsprofessor am Obergymnasium zu S, A. Ujhely. . Fortsetzung.) ^Nachdruck verboten. Wenden wir uns nun zum Schluffe dem vierten und letzten Satze in unserer Hauptstelle zu, der da lautet:;;Und du weißt, dass Fried e ist in deinem Zelte, und M bedeükest deineWohnstätte, und es mangelt nichts darin." Mehr steht in den angeführten Talmudstellen nicht, ebenso auch im Midrasch Jalkut z. St. Wir haben die darauffolgenden Stellen (aus Jjob 6, 25—27) blos mitgetheilt, weil ihr Inhalt allgemein eine natürliche Folge der Erfüllung der dort bezeichneten Vorbedingungen ist. Der verheißene Lohn für die schweren, mit der Erziehung verbundenen Pflichten: ״Du weißt, dass Friede in deinem Zelte ist", ist wohl ein kleiner im Verhältnis zu den Mühen, Plagen und Sorgen, er ist aber unter allen Eventual!- täten ein sicherer und wird größer durch das Bewusstsein, die Pflichten treulich erfüllt zu haben. Dieses Bewusstsein gewährt uns den innern Frieden, der bei etwaigen Mißerfolgen in der Kinder-Erziehung beruhigend wirkt und auch geeignet ist, 'uns zur Erfüllung unsererer Pflichten zu ermuntern und anzuhalten. Mißerfolge bei der Kindererziehung können nach verschiedenen Richtungen eintreten. zunächst dadurch, dass die Kinder in religiös-sittlicher Beziehung unseren berechtigten Erwartungen nicht entsprechen. Leider kommt dies jetzt durch den Einfluss des Materialismus und der corrumpierenden Gesellschüft, der das früher allgemein angetroffene religiös-fittliche Gefiihl bei den Kindern verdrängt, nur zu häufig vor. Hier kann das Bewusstsein, dass wir unseren Kindern möglichst viel gute Lehren und gute Beispiele gegeben haben, den herbe Schmerz bedeutend vermindern, wenn auch nicht ganz entfernen. Die Eltern können dann mit gutem Gewissen sprechen: ״Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen." (5. B. M. 21, 7.) Wenn uns hingegen das Gewissen Vorwürfe macht, dass wir an der Entartung des Kindes ganz oder nur theilweise schuld sind, dann ist der Schmerz viel größer und qualvoller. Wir citieren hiefür eine treffende Mittheilung aus dem Talmud, Tractat Semachot, 12. Abschn. Der Gesetzeslehrer Rabbi Chauina b. Tradjon, der wegen seiner öffentlichen Beschäftigung mit der Gotteslehre unter Hadrian den Märtyrertod standhaft erlitt, hatte einen entarteten Sohn, der von Räubern getödtet wurde. Vater, Mutter und Schwester gebrauchten in ihren Leichenreden über den Sohn folgende Bibelstellen. Sein Vater, mit Bezugnahme auf die Ermahnung Salomos (Spr. 6, 7—14): ״Und nun Kinder höret auf mich und weichet nicht von den Worten meines Mundes u. s. w." sprach folgende Worte r ״Zuletzt wirst Du stöhnen, wenn dahin ist dein Fleisch und Mark. Und Du wirst sprechen: Wie hasste ich Belehrung, und Zurechtweisung verschmähte mein Herz! Und ich hörte nicht auf die Stimme meiner Eltern und meinem Lehrer neigte ich nicht mein Ohr. Leicht war ich bei allem Bösen in der Mitte ihrer Versammlung und Rotte." Seme Mutter rief aus: ״Eine Kränkung ist für den Vater ein thörichter, unfolgsamer Sohn und eine Bitterkeit für seine Mutter." (Spr. 17,25.) SeineSchwesterbegann mit derStelle (Spr.20,17): ״Wohlschmeckend ist dem Manne Lügen speise, unehrliches Gut; aber nachher wird sein Mund voll mit Kies, es folgen Strafe und Schande." Mit diesen Bibelstelleu bekundeten sie ihre Schuldlosigkeit an seiner Entartung. Nur durch seine Unfolgsamkeit, durch schlechte Gesellschaft und sündhafte Genusssucht ist er ins Verderben gerathew Eine andere Vereitlung der schönen Hoffnungen kann durch den Tod des sonst' gelungenen Kindes herbeigeführt werden. Da wird das Bewusstsein, dass die Eltern ihr Kind nicht blös für die Erde, sondern ״im Sinne der Religion" auch für den Himmel erzogen haben, und die Hoffnung, dass firHr