Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 16 (15.6.1897)
- Date
- 1897-06-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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16. Desterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Maße zunimmt. Die Sämoaner 1tnd Äschantis eüro- P äisiren sich ün d die Eur0p äer asri kan1 siren sich. (Heiterkeit und Zustimmung.) Wir' stehen heute der Ueberzahl Machtlos gegenüber und können nichts Anderes thun, als auf unserem Posten aush arten irnd unseren Protest erh eben, Wir wissen, wer hinter dieser Bewegung steht, wer diese zweifelhaften Existenzen subveutionirt, und kennen auch den Zweck dieser .Bewegung: d i e N iederdrückung der Freiheit, welche man in eine Zwangsjacke stecken möchte, die am römischen Webstuhle verfertigt wurde. (Zustimmung.) Wir können heute nicht zur Offensive übergehen, uns fehlen die zwei Hauptsactoren, durch welche die Gegner das große Uebergewicht erlangt Haben. Der eine Factor ist das Geld, das auf der q 11 b eren Seite in solch er Menge fließt, dass es seinen Beruf ernährt und eine ganze Anzahl Glücksritter und Abenteurer an denselben fesselt, der andere Factor ist d fe Suada, die Unverschämtheit und Lügen hastigkeit, Mittel, mit denen wir nicht kämpfen. Wir haben unentmnthigt das Samenkorn der Vernunft. .und Menschenliebe ansgestreut und auch für die nächste Zukunft bleibt uns keine andere Richtschnur, als auszuharren, nicht fahnenflüchtig zu werden und abzuwarten, bis die Zeit zur Offensive gekommen. (Lebhafter Beifall.) ׳׳ Baron Su t t n e r constatirte hierauf, dass dem Vereine im letzten Jahre 769 n e u e M i t g l i e d e r b e i g e t r e t e n s i n d. Vereins Mitglied W o l f führte sodann aus/ dass die vom Vereine geführte Agitation der antisemitischen Bewegung nur ein schwaches Gegengewicht biete, und wünscht eine intensivere Thätigkeit und häufige Abhaltung von Versammlungen, um zu den brutalen Gewaltacten, wie sie von der Wiener Gemeinde- Verwaltung gegenüber den Juden begangen werden, Stellung zu nehmen. Hofräth Nothnagel erwiderte, dass die Bestrebungen des Vereines auf die eben angeregten Ziele gerichtet waren. Meine Uebcrzeugnng, sagte Redner, geht dahin, das dasjenige, was . von den Staaten gilt, dass sie durch die Mittel, durch welche sie begründet wurden, auch erhalten werden und schließlich durch dieselben zu Grunde gehen, auch für politische Richtungen seine Geltung hat. Es gibt gewiss eine Menge von Beweggründen, welche diese schamlose Bewegung groß gezogen haben. Ich bin davon durchdrungen, dass das treibende Moment für die großen Massen zu suchen ist in dem Gemeinen und in d em Niedrigen der Menschenu a tur. Es ist die Sucht nach Hab und Gut, die Sucht nach besserem Leben, die Gier nach dem, was der Andere besitzt. Der Umstand, dass die Führer der antisemitischen Bewegung es verstanden, haben, diese Gedanken in die Massen zu bringen, hat ihnen dieselben gewonnen. Auf diesem Wege wird aber auch das Ende kommen, der Antisemitismus wird durch den Antisemitismus geheilt werden. Wir sind bereits auf dem besten Wege, die Früchte des Antisemitismus in Wien am eigenen Leibe zu verspüren, wir sehen den Schaden, den die antisemitische Bewegung anrichtet. Der Fremdenzufluß ist geringer geworden, ' das höre ich in den verschiedensten Hotels, mehrere kleine /Hotels und Ei n k eh rg a st h ä u ser sind eingegaugen, die besser situirten Juden aus.dem Süden und Osten Meiden bei ihrer Fahrt nach den böhmischen Bädern Wien wie durch ein stillschweigendes Uebereinkommen. Bis die materielle und sociale Schädigung sich fühlbar machen wird, kanneine Umkehr erwartet werden. Ich erwarte nichts von einem Appell an das sittliche Empfinden; wir haben ihn erhoben, es hat uns nichts genützt.' Leute, von denen wir geglaubt haben, dass sie mit uns gehen werden, haben sich zurückgezogen. Die meisten Menschen haben eben kein Rückgrat, sie fürchten, sich zu schaden, darum sind wir so Wenige. Wenn alle jene Leute, die ihrer Bildung, ihrer inneren Gesinnung und ihrer Gesittung nach zu uns gehören, und die auch — wir müssen es in ihrem Interesse annehmen — mit uns fühlen, wenn sie Alle mit uns auch offen gingen, so hätten wir ein leichteres Feld. Aber die meisten sind eben gleichgiltig,sie fühlen erst, wenn es in ihrem Hause brennst Redner schließt mit dem Appell an die Anwesenden, den Mu t h n i ch t sinken zu lassen. Hoffentlich werden die Verhäktniße uns unterstützen, und was wir durch unser Wirken nicht erreichen, das werden Andere v o l lb ringen, die, wenn sie stets auch das Böse wollen, schließlich das Gute schaffen. (Lebhafter Beifall.) Nachdem noch Gemeinderath Seiler in scharfer Weise gegen den immer mehr überhandnehmenden Geschäftsantisemitismus gesprochen, würde der Rechenschaftsbericht einstimmig genehmigt und in die Vereinsleirung per . Acclämation gewählt: Gustav Gundaccar Freiherr v. Suttner als Präsident, Professor Eduard Sueß und Dr. Carl Reichsritter v. Kießling als Vicepräfident. August Beiling als Cassier, E. V. Z e nk e r und Balduin Grvller als Schriftführer, Dr. Guido Frecher von C lau er, Franz Frauenberger, Ludwig Hetsey, Reichsrathsabgeordneter Dr. Ferdinand Kronawetter, Dr. Josef Freiherr von Seillern und Reichsräthsabgeordneter Carl W r a b etz als Vorstands- Mitglieder. Präg» am 10. Juni 1897. Am Samstag פ׳בהר feierte Herr Bro d, Obercantor der Neusynagoge, seine silberne Hochzeit, aus welchem Anlasse demselben schon beim Freitag- Abendgottesdieuste eine Ueberraschung von Seite des löblichen Vorstandes und des Chorpersanales dieser Synagoge bereitet wurde. Herr Obercantor B r o d beabsichtigte wohl nur. das Fest im engsten Familienkreise zu begehen, was schon daraus ersichtlich ist. dass derselbe jedwede Einladung, geschweige denn eine öffentliche Anzeige, die geeignet wäre, die Aufmerksamkeit ans sich zu lenken, unterlassen hatte. Trotz dieser Zurückgezogenheit brachte ihm aber sein Chorpersonal. welches zu ihm wie zu einem Vater aufschaut, auf Veranlassung des ältesten Mitgliedes, Herrn Flaschner, beim Abendgottesdienste eine Ovation durch den feierlichen. Vortrag mehrerer Choräle, die auf den Jubilar einen mächtigen Eindruck machten. Auch der Vorstand nahm bei dieser Gelegenheit Anlass, den verdienstvollen Obercantor durch werthvolle Geschenke und durch öffentliche Anerkennung seiner Verdienste auszuzeichuen. In seiner Ansprache betonte der löbliche Vorstand das freundschaftliche Verhältnis, welches zwischen Cantor und Gemeinde herrscht, und hob überdies noch die Thatsache hervor, dass während der ganzen 17-jährigeu Amtsthätigkeit des Herrn .Obercantor Brod nicht die geringste Differenz vorkam, was jedenfalls als ein Beweis seltener Friedensliebe angesehen werden kann. Tief gerührt durch diese unerwartete Ueberraschung dankte der Jubilar für die ihm zu Theil gewordene Auszeichnung, welche ihm Zeit seines Lebens in unauslöschlicher Erinnerung bleiben werden. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, auch seine goldene Hochzeit in demselben Maße geistiger und körperlicher Frische Zu feiern, welchem Wunsche sich gewiss alle diejenigen anschließeu werden, die ihn kennen. Das walte Gott! — Die Assanierungsarbeiten in der hiesigen Jndenstadt schreiten mit raschen Schritten vorwärts, ganze Komplexe von Häusern werden zu jedem Quartal demolirt, die Gaffen lichten sich, und wo früher so viele Gebäude eng aneinander gereiht waren, dehnen sich jetzt umfangreiche Bauflächen aus. Das Bild unserer Judenstadt erinnert unwillkiirlich an das Bild Jerusalems nach dessen Zerstörung, und wie dort sind auch hier viele Alterthümlichkeiten, welche unserer Stadt wenigstens äußerlich das alte Gepräge noch, bewahrten, derZerstörung zumOpser gefallen. Zu diesen Alterthümlichkeiten gehören vorzugsweise die großen und kleinen Synagogen, welche theils schon vom Schauplatze verschwunden sind, oder demselben Schicksal in Kürze entgegensehen, und so wird bald auch die letzte äußerliche Spur des alten Prag durch diese Umwälzung der Vergangenheit angehören. Gott sei Dank, dass das religiöse Gefühl in den Herzen der Prager Judenschaft noch nicht erloschen ist, wenigstens in Bezug auf die Einsicht der Nothwendigkeit, neue Betstätten erbauen zu lassen, welche dem modernen Geschmack entsprechen und geeignet sind, die alten zu ersetzen. Dass dies der Fall ist, beweist die Neubildung eines Tempelvereines, welcher sich die Erbauung einer Synagoge zum Ziele gesteckt hat. Auch die , Cultusgemeinde - Repräsentanz unterließ es nicht,