Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 15 (1.6.1897)
- Date
- 1897-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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eeiic 6 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Mr. 15. für jede auffallende Erscheinung eine Segensformel, oft mit der taünudischen übereinstimmend, öfters zum Theile oder gänzlich abweichend. 8) Ein Blick auf fämmtliche gottesdienstliche Formen zeigt uns mehr düsteren Ernst als Religionsfreudigkeit, mehr Anspannung der Auftnerksamkeit, als eigentliche Andachtsruhe, mehr Zerstreuung als Sammlung, und die Wirkung davon offenbart sich im ganzen Leben der Karaim, welche fern von allen Freuden und Genüssen fast nur in Vergangenheit und Zukunft hinbrüten, in dnnkelfarbener Kleidung herumgehen, schweigsam in sich gekehrt, der äußeren Welt fast ganz fremd, fleißig arbeiten oder ihren Kleinhandel betreiben, aber stets mit sittlichem Sinn und einem tadelfreien Wandel. Anderseits erzeugt der Gottesdienst eine durchgängige Bekanntschaft mit der heil. Schrift und eine Geläufigkeit in deren Benützung zum Ausdruck, wie sie bei ihren Gegnern nur die Gelehrten und die Strebsameren sich aneignen. Dagegen ist wahrzunehmen, dass sie in dieser Hinsicht seit Jahrhunderten stehen geblieben sind, während die letzteren täglich forrschreiteu. Aber ein Geist der Frömmigkeit und der Liebe zu ihrem Bekenntniße ist über das Ganze ausgegossen, welcher umsomehr bewundert werden muß, als er nicht durch kabbalistischen Geheimniskram erregt wird und äußerlich keinerlei Aufmunterung sich darbietet, und man kann ihm trotz des Mangels an Geschmack und Sinn für das Schöne einige Achtung nicht versagen. (Forts, folgt.) Kleine Chronik. Wreu. (Ferienheim). Nahezu 1000 arme jüdische Kinder wurden Heuer zur Aufnahme in eine Feriencolonie angemeldet, doch können nur 350 untergebracht werden, da für eine größere Zahl weder Mittel noch Unterkunftsräume vorhanden sind. Der Verein wendet sich daher in einem Aufrufe an unsere Glaubensgenossen in den Landgemeinden mit der eindringlichen Bitte, ftir arme, schulpflichtige jüdische Kinder Freistellen über die Ferien dem Vereine zur Verfügung zu stellen. Die Anmeldungen sind an die hochverdiente Präsidentin des ,,Ferienheim" Frau Sofie Grünfeld. Wien. 1., Schottenring 2 zu richten. — Indem wir den Aufruf des ״Ferienheim" wärmsteus empfehlen, richten wir auch an die Leser und Freunde unseres Blattes die eindringliche Bitte, in ihrem Wirkungskreise die edlen Bestrebungen des Vereines zu unterstützen. (Die Redaction). — Frau Baronin Clara de Hirsch-Gereuth hat auch für die heurige Ferialsaison dem Vereine ״Ferienheim" Räumlichkeiten in ihrem Schlosse Rossitz bei Brunn zur Verfügung gestellt und noch zwei freigewordene Säle dazu überlassen, damit eine möglichst große Anzahl erholungsbedürftiger Kinder daselbst uutergebracht werden kann. Wien, 26. Mai. In der letzten Sitzung des Abgeordneten- Hauses überreichten die Abgeordneten Tittinger, Dr. Strauch er und Genossen an den Justizminister eine Interpellation, in der ausgeführt wird : Schon seit Jahren steht das Vorgehen des Oberlandesgerichtes zu Lemberg bei der Besetzung der innerhalb seines Sprengels zur Verleihung gelangenden Gerichtsstellen in theils latentem, theils offenkundigem Widerspruche mit der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Staatsbürger im bürgerlichen und politischen Leben. Diese bedauerliche Erscheinung tritt jedoch in jüngster Zeit anlässlich der durch die bevorstehende Einführung der neuen Civilproceßordnung bedingten, aüZgedehnten Vermehrung des Gerichts- Personals und insbesondere bei der Besetzung der Anscultantenstellen in einer Weise zu Tage, welche die ernste Aufmerkfamkeit weiterer Kreise wachzurufen geeignet ist. Die Interpellanten führen nun eine Reihe von ausgezeichnet qualificirten Praktikanten israelitischer Confession an, s) Siehe Gebetbuch, Kala 1809. welche bei den December-Ernennungen vorigen Jahres für das Landesgericht in Czernowitz p r ä t er i r t wurden zu Gunsten von Bewerbern christlichen Glaubensbekenntnißes, die ihnen in jeder Beziehung nachstanden. Als die Uebergangenen, schmerzlich betroffen über die unverdiente Zurücksetzung, den Dienst bei Gericht aufgeben wollten, wurden sie von ihren Vorgesetzten, die in ihnen ausgezeichnete Arbeitskräfte schätzten, mit der Vertröstung zurückgehalten, dass sie bei den nächsten Ernennungen zur wohlverdienten Stelle gelangen werden. Seitdem wurden aber wieder jüngere christliche College» ernannt. Am auffallendsten aber für die beim Oberlandesgerichte Lemberg geübte Praxis ist folgender Fall: Rechtspraktikant Heinrich Reiniger erhält am 12. d. M. das Decret seiner Ernennung zum Anscultanten, nachdem er am 5. d. M. zur katholischen Kirche übergetreten war. Der Znsammenhang zwischen der Taufe des Herrn Reiniger und der Ernennung zum Anscultanten ist ein umso auffälligerer, dass er den Schluss vollauf rechtfertigt, die Taufe habe die thatsüchliche Voraussetzung seiner sonst außertourlichen Ernennung gebildet. Auch bei dieser Ernennung wurden drei hervorragend qualificirte Israeliten präterirt. Die Interpellanten stellen zum Schluffe an den Justizminister die Anfrage: 1. Ist das vorhin berührte Vorgehen des Oberlandesgerichtes zu Lemberg bei Besetzung der innerhalb seines Sprengels zur Verleihung gelangenden Gerichtsstellen Euer Excellenz bekannt? 2. Ist Eure Excellenz geneigt, im geeigneten Wege dafür Sorge zu tragen, dass in Zukunft derartige, das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger verletzende Vorgänge hintangehalten werden? Die Interpellation ist unterzeichnet von den Abgeordneten Kiesewetter, Noske, Wrabetz, Kareis, Promber, Daszynski, Kozakiewicz, Rieger, Verkauf, Hannich, Tittinger, Straucher, Zeller, Resel, Schrammel, Vratny, Joseph Steiner. Berner, Kronawetter und Auspitz. Wien. Herr Mayer Schorr, welcher bekanntlich seit drei Jahren als provisorischer Obercantor an der polnischisraelitischen Synagoge des Tempelvereines ״Beth Israel" in der Leopoldsgasse in Wien angestellt ist, hat nunmehr seine definitive Ernennung zum Obercantor erhalten. Diese Wahl wurde vom Gesammtvorstande mit Stimmeneinhelligkeit am letzten Chol11־amoed ausgesprochen und zugleich der Beschluss gefasst, in Würdigung der vorzüglichen Leistungen uud der persönlichen Eigenschaften des Herrn Schorr, ihm die frühere zehnjährige Dienstzeit als an dieser Synagoge geleistet anzurechnen, wonach also Herrn Schorr im Falle einer Invalidität schon jetzt ein Drittheil der Pension gesichert ist. Dieser Ausdruck der Auerkenung ist ebenso ehrenhaft für die Gemeinde wie für den Functionär. Herr Obercantor Schorr nahm auch am letzten Feiertag Gelegenheit, gleich nach der Seelenfeier seinen tiefgefühlten Dank in einem ex tempore gesprochenen, schön stylisierten Misclieberaali an den Gesammt- Vorstand auszudrücken. —88er. PrrHburg. Aus Anlass der Anwesenheit Sr. Majestät in Preßburg gelegentlich der feierlichen Enthüllung des Maria Theresien-Denkmals am Krönungshügel erschien unter den anderen Deputation am 16. d. Mts. auch eine gemeinsame Deputation der beiden jüdischen Gemeinden von Preßburg. deren Führer Rabbiner Dr. David an Se. Majestät folgende ungarische Ansprache richtete: ״Ew. k. u.!. apostolische Majestät! Allergnädigster Herr und König! In tiefster Ehrfurcht und. mit dankbarem Gefühle erscheinen wir als Vertreter der israelitischen Religionsgemeinde vor Ew. Majestät zur huldigenden Begrüßung. Es gehört zu den beglückendsten und glorreichsten Thaten Ew. ' Majestät, dass die Israeliten Ungarns gleichberechtigt und gemeinsam mit den übrigen Staatsbürgern zum Gedeihen und Aufblühen des geliebten Vaterlandes beitragen, Freud' und Leid mit denselben theilen dürfen. Die Bekenner des jüdischen Glaubens werden sich aber auch׳ stets der Huld und Gnade Ew. Majestät würdig erweisen. Der Allmächtige möge Ew. 'Majestät, den treuesten Vater des Vaterlandes, reichlich segnen und lange in ungetrübter Freude erhalten! Amen." (Begeisterte Eljenrufe.) Hierauf sprach der Oberrabbiner Schreiber den