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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-06-01 · Heft 15 (1.6.1897) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 15 (1.6.1897)
Date
1897-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Lreite 3 habe, das habe ich ench angekündigt." Damit wollte er sagen, ich muß dir dies verkünden,. ob ich wollte oder nicht. (S. Jesaja 13—23, Jerem. 46—52 und Ezech. 24—33). Der Talmud sagt daher ganz richtig: ״AllePropheten waren mitleidsvoll über Israel und über die anderen Nationen". (M. Rab. 2 C.) lind an anderer Stelle: ״Als Israel nach seinem Durchzug durchs rothe Meer ein L o b l i e b sang, da sprach Gott: Mein Händewerk, die Egypter, sind im Meere versunken, und sie, die Israeliten, singen mir ein Loblied." (Midrasch z. St.). ״Sein Mitleid erstreckt sich über alle seine Geschöpfe." (Psalm 145, 10). Das letzte didaktische Buch unter den Hagyographen, ״der Prediger" und auch die ״Sprüche", welche reine Tugendlehren enthalten, sprechen nicht speciell von Israel, sondern nur vom M e n s ch e n im Allgemeinen. Ersteres schließt mit den ganz interconfessionellen Worten: ״Das Schlußwort, Alles enthält es. ist: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn dies ist jedes Menschen Pflicht" (12, 13). Und der letzte Prophet ruft: ״Haben wir denn nicht alle einen Vater? Hat denn nicht uns Alle ein Gott erschaffen? Warum sollen wir falsch handeln Einer gegen den Andern?" (Maleach. 2, 10). Das alte Testament lehrt zwar nicht: ״Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger!" wie Matth. (5, 44), sondern es lehrt, dass wir den Feinden Wohlthaten erweisen und ihnen helfen sollen: ״Wenn dein Feind hungert, so reiche ihm Brot, und wenn ihn dürstet, so gieb ihm Wasser!" (Spr. Sal. 25, 21). ״Brich dem Hungerigen dein Brot, und gesunkene Arme bringe in dein Haus!" also auch Nichtjuden. (Jes. 57, 7). ״Grüße Jedermann!" also auch Nichtjuden. (Ab. 4, 13). R. Jochanan b.Nafcha im dritten Jahrhundert sprach : ״Niemals kam mir Jemand mit seinem Gruß zuvor". Er grüßte auch Nichtjuden. (Kid. 33). ״Liebe jeden Menschen!" (Ab. 1, 12 und Ab. d. R. Nathan 15), also auch Nichtjuden oder Ungläubige! Ans den angeführten Stellen, wie aus vielen ähnlichen, ist genügend zu ersehen, dass das alte Testament nicht einen Gott der Rache lehrt. Es verheißt überdies eine einstige Verbrüderung aller Menschen, also auch mit Nichtjnden, nicht aber eine einstige Vernichtung aller Andersgläubigen, auch nicht nach Ankunft des Messias. Die jüdische Religion lehrt nirgends,! dass einst alle Menschen zum Judenthnm übertreten werden, sondern blos, dass einst alle Menschen dem einig einzigen Gotte dienen und die mosaischen Rechts-, Sitten- und Tugendlehren halten werden. ״Denn dann — zur Messiaszeit — werde ich den Völkern eine reine Sprache zuwenden, dass sie alle den Ewigen anrufen und ihm einmüthig dienen." (Zefanja, 3, 9.) Nach Ankunft des Messias, da alle Menschen die Einheit Gottes erkennen werden, wird Gott sprechen: ״Gesegnet sei mein Volk Egypten und mein Händewerk Assyrien und mein Besitzthum Israel." (Jes., 19, 25.) Die höhere Civilisationsstufe der Juden ist demnach nicht, wie der berühmte Botaniker äs Candolle meint, blos eine natürliche Folge der Abstammung von sittlichen Urahnen, sondern auch eine Folge der Lehre der allgemeinen Menschenliebe des alten Testamentes. Maimonides (von den Königen, 12, 12,11) lehrt: Die Verheißung Jesaias: ״Und es wohnt der Wolf mit dem Lamme, der Leopard lagert mit dem Böcklein" u. s. w. (Jb. 11, 6) ist blos als Bild zu nehmen und bezieht sich auf die Feinde Israels, die Frevler unter den Heiden, die Israel wie Bestien behandelten, welche nach ihrer Bekehrung zum einig einzigen Gotte mit Israel in vollen! Frieden leben werden. Aber diejenigen, welche Israel verfolgen, bezeugen, dass der verheißene Messias noch nicht gekommen ist. Wir glauben nunmehr genügend nachgewiesen zu haben, dass das alte Testament mehr als das neue Testament einen Gott der allgemeinen Menschenliebe lehrt. Die Ursache der allgemein verbreiteten, unrichtigen Unterscheidung zwischen altem und neuem Testament liegt unserer bescheidenen Meinung nach zunächst darin, dass in alten Zeiten dem christlichen Volke die Bibel zu lesen verboten war. Man gab ihm nur einen beliebigen Auszug aus beiden Testamenten in die Hände, dessen Inhalt geeignet war, den gedachten Unterschied bibelunkundigen Lesern glauben zu machen. Dies war gleichzeitig ein geeignetes Mittel zu dem angeblich heiligen Zweck, dem christlichen Volke eine Antipathie oder Feindschaft gegen die Inden, die angeblichen Anhänger des Gottes der Rache, einzuflößen. Ein weiterer sicherer Grund ist der, dass im neuen Testamente mehrere Stellen enthalten sind, die diesen Unterschied ausdrücklich lehren, oder durch corrumpierte Citate ans dem alten Testamente diesen Unterschied glauben zu machen geeignet sind. Eine solche Stelle ist z. B. folgende: ״Ihr" — so heißt es, sprach Jesus in einer Volks- Versammlung — ״habet gehört, dass gesagt wurde (solche im neuen Testamente oft vorkommende Ausdrücke beziehen sich auf das alte Testament): Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen! Aber ich sage auch: Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger!" (Matth. 5, 43—44.) Nun weiß wohl jeder Bibelkundige, dass im alten Testamente nirgends steht: ״du sollst deinen Feind hassen", aber nicht Bibelkundige können mir Recht glauben, dass dies im alten Testamente steht. Dazu kommt noch der Umstand, dass hiebei, z. B. in Luthers Bibel, eine Berufung auf Mos. 19,18 verzeichnet ist. Natürlich meint der Leser, dass dort beide angeführte Sätze stehen, was aber ein großer Jrrthum ist; denn dort steht nur der erste Satz. Solche zu dergleichen Jrrthümern führende Sätze gibt es mehrere. (Forts, folgt.) Cantoren-Verfammkmg in Brünn. Am Sonntag, den 16. Mai l. I., traten über Anregung und Einladung des Herrn Obercantor Heller im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde in Brünn eine größere Anzahl der Cantoren aus Mähren zusammen, um über die Gründung eines Verbandes zu berathen. Die Berathung nahm folgenden Verlauf: Herr Obercantor Heller begrüßt die Anwesenden in Herzlicher Weise, dankt dafür, dass dieselben seinem Rufe bereitwilligst gefolgt und sehr zahlreich erschienen seien. Er ersucht die Versammlung, zur Wahl eines Vorsitzenden zu schreiten, als welcher Herr Obercantor Heller per Acclamation gewählt wird. Ueber Antrag des Vorsitzenden werden die Herren Steiner (Gr.-Meseritsch) und Kohn (Lundenburg) zu Schriftführern bestellt. Stößler (Neu-Raußnitz) ergreift das Wort, um dem Einberufer dieser Versammlung, so auch dem löblichen Cultus- Vorstande für die Ueberlassung des Sitzungssaales den Dank zu votieren, und habe der löbliche Vorstand hiedurch seine freundliche Gesinnung gegen unseren Stand bekundet. Redner stellt einen Vergleich an zwischen dem Cantor von ehemals und jetzt. Während früher blos die gesangliche Befähigung den Hauptfactor bildete, werden an den jetzigen Cantor noch vielfache anderseitige Anforderungen gestellt, als: musikalische

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