Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 14 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 14 Zizith. Hier weichen die Karaim gänzlich von den RabLanim ab. Bei den Zizith erklären sie das betreffende Gebot dahin, dass am viereckigen Obertuche an jedem Zipfel zwei solche Fäden hängen sollen, unter welchen ein Himmel-? blauer Fadengemengt ist. Jede andere ׳Bestimmung halten sie für unbegründet. Sie tragen die Schaufäden beim Gebete/ sind aber der Meinung, dass sie zu allen Zeiten des Tages und überall getragen werden sollen. Auch die Zahlen deuten die Karaim sinnbildlich. Nach Einigen bedeuten die Zahlen der 4 Zipfel die 4 Temperamente, welche den irdischen Menschen beherrschen, der blaue Faden erinnere ihn an den Himmel, an das Höhere, dem sich alles unterwerfen muß. Die sechs' Faden erinnern an die sechs Seiten jedes Körpers; oben, unten, rechts, links, vorne, hinten. Der blaue Faden stellt die Seele als siebentes Wesen in der Stusenfolge der Schöpfung dar. Diese sind: 1. Die Elemente, 2. die stummen Dinge (Unorganisches), 3. Gewächse, 4. fühlende und sich bewegende Wesen, 5. der Mensch, 6. die oberen Sphären, 7. das Licht Gottes, des Menschen Seele. Auch die sechs Werktage bedeuten die sechs Fäden und der siebente den Sabbat. Tefilin und Mesusot. Die ganze Vorschrift erklären sie als eine figürliche Redeweise und enthalten sich vollkommen des rabbinischen Gebrauchesindem sie fich darauf berufen, dass nach Aussage der Rabbinen Priester im Dienste, Leviten beim Gesänge und Volksvertreter beim Maamad 2) keine Tefilin anzulegen brauchten, was kaum denkbar wäre, wenn das Gesetz feststand. Sie fassen die Vorschrift, das Gesetz an die Hand und zwischen die Augen zu binden und auf die Pfosten zu schreiben, was an sich als unmöglich betrachtet werden muß. sinnbildlich auf und erläutern die betreffenden Stellen demgemäß. Die Hand, sagen sie, bezeichnet alles, was vom Gesetze äußere Uebung ist, und die Augen oder der Kopf weisen auf alles Geistige hin. Sie erklären auch die Verse 7, 8, 9, in 5. B. M., 6. für den Inbegriff aller Gesetze und nach den 10 Grundartikeln, die sie annehmen und später folgen. Die gottesdienstlichen Uebungen. Das Gebet (Dank und Preis, Flehen und Beistand,- Sündenbekenntnis) ist eine natürliche Pflicht 3), aber auch vorgeschrieben in dem Ausdruck: ״Ihr sollt dem Ewigen, Eurem Gotte, dienen!" Der Dienst ist das Gebet, welches ohnehin an vielen Stellen als wichtig hervorgehoben wird. Eine Zeit für dasselbe ist nicht angesetzt, aber der Tempeldienst rechtfertigt die Annahme zweier Zeiten für das regelmäßige Gebet, nänilich des Morgens und des Abends. Die Kibla 4) ist überall der Tempel Jerusalems, daher müssen alle Synagogen nach dieser Richtung Fenster haben. Das Gebet hat zu geschehen im Zustande gänzlicher Reinheit und mit voller Andacht, nicht wie bei Vielen nur sinnlos, gleich dem Pfeifen der Vögel. Jeder soll sich vorher waschen, säubern, kleiden und sich in die Fassung versetzen, das, was er ausspricht, genau zu verstehen und mit Andacht zu beten; vor Allem der Vorbeter. Beim Gebete kommen vor: Aufrechtstehen. Beugen des Hauptes, der Kuiee, das Niederknieen, Niedersenken des Hauptes, 2) Zebachim 19. 3. b. 2) Ahron 0' מצות■ Eigener Abschnitt. 4)הקבלה von den Arabern angenommener Ausdruck bei Ahron ben Eliahu. ׳ . Völliges Hinwerfen, Erheben der Hände. . Ausbreiten derselben, Zusammenstellen der Füße, Erheben der Augen, Verstärkung der Stimme, Rufen, Schreien, auch leises Beten. 3) Die Sprache des Gebetes, obwohl nicht vorgeschrieben, ist die hebräische, in seltenen Fällen die aramäische. - Der wesentlichste und durchgreifende Inhalt ist der Ausdruck der Gotteserkenntnis und des Glaubens an eine Vorsehung. Zur Anleitung der Unkundigen hat man zu allen Zeitenangemessene Formeln verfasst. 6) ׳ Von wem die .Gebetordnung der Karaim ursprünglich herrührt, wissen wir nicht, sie ist aber im Großen viel ׳älter, als die, welche in den letzten: fünf Jahrhunderten als allgemein geltend feststeht, und;die׳ den älteren Ahron ben Josef aber auch noch jüngere Elemente in sich ausgenommen hat. Die Sammlung besteht aus ganzen Psalmen, aus Zusammen-, setzungen von Versen gleichen Inhaltes, aus Bibelstellen, aus Gebet- und Bekenntnisformeln, aus Segenssprüchen und aus sehr vielen Gesängen und Liedern in gemessenen Zeilen. Der Abendgottesdienst beginnt mit Kniebeugen und dazu passenden Versen als Einleitung, dann folgt Psalm 34, dessen Anfang und Schluss die volle Ueberzeugung der Größe Gottes und deshalb die Abhängigkeit des;Menschen in allen Beziehungen ausdrückt. Daran knüpft sich der Spruch: ״Gepriesen sei der Ewige immerdar, Amen und Amen!" Darauf die Segensspräche der Leviten Neh. 9. 5., und dazu noch ähnliche Verse, Gottes Einheit und Vollkommenheit ausdrückend und zugleich solche, die den Werth des . Gebetes hervorheben. Dann folgt das Sch’ma mit Versen, welche! den Einheitsbegriff befestigen und die Unvergleichlichkeit Gottes umschreiben, Psalm . 136 über Gottes Güte und Wunderthaten in Aegypten. Daran schließt sich für jeden Tag dessen Schöpfungsgeschichte und hierauf das Gesetz der täglichen Opfer und sechs Tagespsalmen mit der obigen Schlussformel, die sich mit jedem Abschnitt wiederholt. Hierauf kurzes Sündenbekenntnis und Gebet um Jerusalem. Psalmen, welche Erlösung verkünden, der Moses- Psalm, dann ein allgemeines Gebet um Gnade und Erlösung. Hierauf folgen: Heiligung in fünf Formeln, mit Bezug auf die fünf Bücher der Thora; dann stilles Gebet eines jeden für sich, hierauf Ermunterungsworte des Vorbeters und Schluss. Der Morgengottesdienst befolgt eine ähnliche Ordnung, nur mit den Psalmen und Versen wechselnd, je nachdem solche mehr für die Morgenstunde sich eignen. Auch wird der Vers eingeschaltet: ״Es werde Licht und es ward Licht" und der Vers: ״Gepriesen, der das Licht gebildet und die Finsternis geschaffen, den Frieden macht und das Böse schafft." Am Neumonde wurden schon beim Abendgottesdienste viele Versammlungen eingelegt, die das Licht als Sinnbild des wahren Glaubens darstellen sollten und zugleich, um das Erscheinen des Lichtes zur Ansetzung des Neumondes abzuwarten. 7) Am Vorabend zum Sabbat geht man noch bei Hellem Lage in die Synagoge. Es werden angemessene Verse, Psalmen und Sabbatstellen mit kurzem Sündenbekenntniße vorgetragen. Der Gottesdienst darf nicht lange dauern, damit man das 5) Das alles erinnert an daS Namas des JslamS. b) Besonders die חכמי האמת, die Wahrheitsforscher oder התאנים ׳הטובות welche leider hier nicht angegeben sind, womit jedoch gewöhnlich, die Große Synagoge bezeichnet wird. ׳) Ahron bemerkt, Lass im Jahre 1353 am 1. Tischri eine Sonnensinsternis nach der 6. Tagesstunde eintraf, während die Nabbanim den > Neumond auf die 8. Stunde der Nacht angesetzt hatten. . . - t