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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-05-01 · Heft 12 (1.5.1897) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 12 (1.5.1897)
Date
1897-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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12. Gesterreichisch'Ungarische Lanloren-Aeitung. . Dem.trat mm die mosaische-Gesetzgebung entgegen. . Die-! Kasten wurden aufgehoben durch Aufstellung des Grundsatzes :! ,,Eine Lehre und Ein Gesetz sei für Euch Alle!״ - j -Kein Unterschied der Person v.or dem Rechte, und vor! dem-Gesetze. Nun, nicht als ob in Wirklichkeit in:Israel die! verschiedenen Stände - sich so gleichmäßig gebildet hätten, und - es -! an Unrecht durch Verschiedenheit der Machwerhaltniße gefehlthätte! Die Propheten, , wie Jesaias, und 100. Jahre später Jeremiaswissen genug zu klagen über die Agrarier ihrer Zeit. Aber das war, eben: auch nur Unrecht und wurde wie zu Recht erkannt. Zwar eine Art von Kasten hat es unter den׳ Juden auch gegeben. Es gab ja doch einen Priesterstand. Es zeigt sich aber ein Unterschied in dem Bestände dieser Priesterkaste gegenüber allen Priestcrkasten der alten Culturvölker. . Nach dem Gesetze Moses durfte die Priesterkaste kein Vermögen besitzen. Die Macht und ihr Mißbrauch war sofort unterbunden, sobald die Priester des weltlichen Vermögens ein für allemal verlustig erklärt waren. Noch ein anderer Gedanke kommt zu gleicher Zeit zum Ausdruck, welcher ebenfalls in der ganzen falten Welt Israel eigenthümlich war, nämlich: ״Einerlei Recht für Alle", heißt es, ״für Alle, auch für den Fremden". Im ganzen Alterthum gab es diesen Gedanken eines Rechtes für den Fremden nicht, Man hat vielfach, besonders bei den sanfteren Völkern, die Fremden mit Wohlwollen und Gastfreundschaft behandelt, aber ein Recht hatten sie nicht. Hier jedoch, in der jüdischen Gesetzgebung, wurde ausdrücklich gefordert, dass der Fremdling in Bezug auf das Gesetz und Recht den Einheimischen gleich sein soll. Mit zwei Worten: kageir knesroeh, mit diesen zwei Worten: ״Wie der Einheimische, so der Fremdling", hat Israel einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der moralischen Ent- Wicklung der , Menschheit gemacht. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Abrahams , ist bereits gedacht, dass er von Ort zu Ort zog, auf besonderen Befehl Gottes, wie erzählt wird. Er trat eine Wanderung an, und wir sehen denn auch im Laufe der Geschichte Israels, dass immer dort, wo sich ein Markstein befindet, wo ein neuer Fortschritt, stattfindet, dies immer mit einer Wanderung geschieht. Viele der Wanderungen waren ein schweres Verhängnis aber zugleich eine Gnade für Israel, denn mit,.den Wanderungen sind immer auch Wandlungen verbunden. Die Griechen rühmten sich, Autochthoueu zu sein, in dem Lande geboren. Sie - waren es gar nicht, wie heute die Wissenschaft sehr -wohl weiß, aber sie rühmten sich dessen, sie glaubten es. Israel-hat nie behauptet, irgendwo und irgenwann autochthon zu-sein,? Zu-Israel kommt als Gast der Schwiegervater des Moses, und -nun Wird uns erzählt: Das Volk, eben aus Egypten gezogen, war noch ohne irgend eine feste Organisation. Der Gedanke^ der Organisation, der-Einrichtung der Magistraturen, wird nun von Jethro, dem Schwiegervater des Moses, vorgefchlagen und acceptirt. Hätte je ein anderes Volk zugestanden, den wichtigsten Gedanken seines gesammten Lebens einem Fremden zu verdanken? Das ist auch eines der glänzendsten Zeugniße für die Wahrheitsliebe der biblischen Darstellung, dass offen bekannt wird: Nicht von Moses, auch nicht von Gott kam dieser Gedanke dieses Reglements, dieser Einrichtung der Magistraturen, sondern von einem Fremden; Moses trägt-sie vor Gort und sie wird angenommen.. Schwerlich hat je ein anderer Stamm so harte und so schwere Schicksale über sich ergehen lassen müssen, wie Israel und es ist dennoch bestehen geblieben, eine unvergleichliche, aber auch fast unbegreifliche Lebenslust.!.Dieses israelitische Volk wird geplagt und gehetzt durch Jahrhunderte, zu Tode gegeißelt und geärgert von allen Seiten. Und doch an den allerwichtigsten Tagen des Jahres, in den feierlichsteü: Gesängen und Gebeten kehrt immer wieder das Gebet um Leben, immer wieder das Gebet um Kraft, festzustehen, da, wo die Vorsehung das Volk hingestellt hat, immer das Gebet, es am Leben-zu erhalten. In Israel waltet seit alten Zeiten eine--unvergleichliche Continuität des Geistes, eine Ueberlieferung von Generation zu Generation, um den einmal geschaffenen geistigen Gehalt nicht wieder verloren gehen zu lassen,- ihn festzuhälten und durch Jahrhunderte zu tragen. Die Worte׳ mit denen: jeder Priester- und Prediger in der Synagoge, aber auch in jeder Kirche das Volk segnet:- ״Er segne' und behüte-dich" u. s. w., die Worte sind genau dieselben,-: welche Moses dafür eingesetzt hat: ״Also sollt :ihr das Volk segnen!" Diese Worte haben sich durch all die Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten. Boas heirathet die Ruth; feine Freunde und Nachbarn wünschen ihm Glück dazu. Und wie lautet der Glückwunsch? ״Möge dein Haus werden wie das Haus Perez." Eine alte historische Erinnerung an den Urahnen Perez wird feftgehalten, indem man gratulirt. Was Ihnen doch allen geläufig und bekannt ist: Wenn ein-jüdischer Vater sein Kind segnet, mit welchen Worten segnet er es denn? Mit denselben Worten, mit welchen der Erzvater Jakob bereits seine Enkel gesegnet hat. Auch die Griechen kannten den Werth der Continuität des Geistes sehr gut. Es gibt eine schöne Legende, welche heißt, die Kämpfer bei Marathon sahen die Heroen der Vorzeit in ihren Reihen kämpfen und dadurch siegten sie.. In der Thal die Heroen der Vorzeit haben mitgekümpft, denn die Erinnerung derselben lebte im Herzen und in der Seele der späteren Enkel und diese Erinnerung stählte die Kraft ihres Mnthes, stählte ihre Nerven und sie sind dadurch siegreich geworden. Bei den Rabbinen finden wir aber auch eine Legende ganz anderer Art — die Verschiedenheit gegen den griechischen Geist machte sich sofort auch darin geltend — eine Legende über Continuität des Geistes. Als die Kinder Israels durch die Wüste zogen, trugen sie bekanntlich zwei Laden mit sich. Die Volker der Welt standen am Rande der Wüste und fragten die Gemeinde Israels: Was sind denn das für zwei Laden, die Ihr da traget? Und man antwortete Ihnen: ״Die eine ist die Bnndeslade.. die andere ist die Lade mit den Gebeinen Josefs." Und die Völker fragten: ״Wie mögt Ihr doch die Lade eines Verstorbenen tragen neben der Lade des ewig lebenden Gottes?" Es soll durch diese Allegorie ausgedrückt werden und tritt deutlich daraus hervor: Nur bei einem solchen Volke ist zu hoffen, dass es auch die Lade des ewigen Gesetzes, der ewigen Fort- Entwicklung ebenfalls mit Erfolg ehren wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Findet nicht diese Continuität des Geistes bei allen Cultur- Völkern statt? Wäre es denn denkbar, dass eine Cultnrentwicklung stattfindet, ohne dass sie von einer solchen Continuität getragen ist? Nun wohl, im Allgemeinen findet sie statt, es gibt aber beträchtliche und sehr auffällige Ausnahmen. Die Schicksale der Völker sollten ihr Lehrmeister sein, aber sie sind es sehr selten. Aber auch ganz bestimmte Erzeugniße der Cultur, von denen man meinen sollte, sie müssten nothwendig von einem Geschlechts dem anderen überliefert werden, auch die können vergessen werden. Wer weiß heute nichts von den Gedichten Parcivals und Tristans, wer kennt nicht die Namen Wolfram v. Eschenbach, Hartmann m der Aue, Gottfried v. Straßburg, und nun vollends hier in Oesterreich und namentlich in Wien, Walther von der Vogelweide? Wir wissen es alle, dass die Deutschen bereits um die Wende vom 12. und 13. Jahrhundert eine hohe Blüthe der mittelhochdeutschen Dichtung gehabt haben, und in vielen Uebertragungen. Bearbeitungen und Commentaren sind diese Dichtungen jetzt verbreitet. Aber vor etwa 150 Jahren, um die Mitte des 18. Jahrhunderts, gab es in ganz Deutschlandnicht 10, vielleicht nicht 5 Menschen, welche von der Existenz dieser Dichtungen überhaupt nur eine Ahnung gehabt hätten und es gab nicht Einen, welcher sie lesen konnte. Sie mussten wie Schätze aus alten Trümmern erst ausgegraben werden, nur weil unter den Stürmen der Reformation ganz andere Gedankenzüge das Volk beherrscht haben und so diese Schätze in Bergessenheit gerathen liessen. Das wäre in Israel nicht möglich gewesen. Hier war die Tradition für alle Schöpfungen des Geistes von jeher Volkssitte und Stammesart. Der Mittelpunkt aller dieser Traditionen war freilich und ist ja auch bis auf -den heutigen Tag die Ueberlieferung der heiligen Schrift.

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