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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-05-01 · Heft 12 (1.5.1897) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 12 (1.5.1897)
Date
1897-05-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterre ichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr: 12? umnlich, ergründen. Er scheint, sich -also mit dieser Frage der I Prüfung des-Volkscharakters -beschäftigt zu haben. . | .Die starke Ausbildung seiner' Eigenart im Laufe׳ der | Geschichte sollte aber nicht geschehen und geschah nicht für dieses Volk allein, sondern für die . ganze Menschheit. In einer Allegorie haben die Rabbineu dieses bereits, zum Ausdruck gebracht, als sie sagten, Gott habe-Moses befohlen, das Gesetz auf den Altar, zu schreiben, aber in allen 70 Sprachen —- man war damals der Ansicht, dass es überhaupt nur 70 Sprachen in der Menschenfamilie gebe — in allen Sprachen sollte daZ Gesetz ausgeschrieben werden. Es wurde Israel zuerst gegeben/ gegeben aber für die ganze Menschheit. Israel selbst aber musste sich absondern, damit es eben für seinen Beruf in seiner Eigenart sich vollkommen entwickeln kann. . . Israel musste particularistisch sein, weil es' allein universalistisch war, weil der universalistische Gedanke der gesammten Menschheit hier zum ersten Male zur Anschauung gelangte, und weil dieser,Gedanke beschützt sein musste durch, die ganze Denk- und Lebensweise, dieses Volkes. In aller Kürze angedeutet-: Das Wesentlichste in der Eigenart des ganzen inneren Lebensinhaltes des Judenthums bestand schon früher darin, dass die Richtung auf Schöpfung von Einheitsgedanken vorwiegend war. Der erste Gedanke ist die Einheit der Natur. Die heidnischen Völker alle, hatten keine Vorstellung von einer Einheit der Welt oder des Universums. Sie konnten keine haben; wenn die Sonne, der Mond,, die Erde besonders, personifizirte Wesen sind mit eigenen Bestrebungen und Neigungen, dann kann der Gedanke der Einheit ja nicht aufkommen. Das Weiteste, was wir in der dramatischen Poesie Haben, finden wir bei Sophokles in jenem sonst so wundervollen Monologe, womit Electra die Anrufung beginnt: ״O, heiliges Licht, o, erdumfließende Luft." In der Schlussrede des Moses aber werden Himmel und Erde als Zeugen aufgerufen und ebenso bei Jesaias Himmel und Erde; das bedeute im ganzen Alterthume das Ganze der Welt. Alexander von Humboldt hat im dritten Bande seines Kosmos, welcher den Weltansichten der antiken Völker gewidmet ist, mit allem Nachdrucke bezeugt, dass man in keiner Litteratur wieder ein so vollkommenes,, in sich geschlossenes und umfassendes Weltbild findet als im 104. Psalm. . Die zweite Einheit war die Einheit Gottes. Eines, was sonst so selten genügend beachtet wird, möchte ich hervorheben. Nicht die Zahl ein Gott oder viele Götter ist das Tiefste in der Unterscheidung von Begriffen des Göttlichen überhaupt. Ein anderer Mangel haftete den heidnischen Anschauungen an, welcher darin bestand, dass alle Gottheit localisirt war. Jeder Gott ist Gott nur in seinem Bezirke. Athene ist Gottheit nur für die Athenieuser, für alle Anderen eine Erzählung, eine Dichtung, in Ephesus wird die Diana angebetet. Die Zuspitzung ist -vielleicht am größten in Rom, wo z. B. Jupiter Capitolinus weithin herrschender Gott sein soll, weil es sich ja darum handelt, ihm alle Völker zu unterwerfen. Aber es gibt neben allen übrigen Gottheiten schließlich auch Laren und Penaten, Hausgötter in jedem Hause, in jeder Familie besondere Götter; begreiflich, da sie auch die nächsten waren, dass man ihnen am meisten ergeben war, aus ihre Eingebungen am Meisten horchte.! Mochte Jupiter Capitolinus dem Menschen sagen und von ihm fordern, was er wollte — was die, Penaten in , die Seele legten, das war das Wichtigste. Eine merkwürdige kleine Geschichte, welche kaum .zur Geschichte Israels, sondern zu.der des israelitischen Landes gehört, hat uns das zweite Buch der Könige im 17. Capitel aufbewahrt. . Der König von Assyrien hatte Israel bekriegt und besiegt. Die Stämme wurden in Gefangenschaft, ins Exil nach Assyrien geführt; die leergewordene Provinz aber besetzte er mit Colonisten aus seinen verschiedenen Provinzen. Es werden da die verschiedeneu Gegenden des assyrischei! Reiches, ans welchen, der König neue Bewohner hingefchickt hat, aufgeführt. — kurz bald nachdem neue .Colonisten da. waren, brach als ein schweres Uebel eine übermäßige Anhäufung des Gewildes ins Land. Alle diese ^Völkerschaften, welche, gekommen waren,. hatten, wie erzählt, wird, ihre Gottheiten mitgebracht, Es waren fromme Leute, die mochten von ihren Göttern' nicht lassen, sie hatten sie mitgebracht und beteten zu' ihnen/ aber-die Plage wich nicht vom Lande. Der König von Assur sagte:. ״Ei, das ist ja sehr begreiflich^! . Alle -diese Leute.beten, nur die Götter an, die sie. aus. ihrer früheren Heimat mitgebracht haben. Das. sind ja keine Götter für das Land Israel. Man sende einen, israelitischen Priester hin, dass er sie lehre, den Gottesdienst des Landes Israel, dann wird die Plage weichen/' Also das war die allgemeine Anschauung, undes war das große Verdienst des Monotheismus, wie er Hier, ausgebildet worden ist, endlich eine Ueberwindnng alles Endlichen in Raum und Zeit zu schaffen. Bereits,Abraham, der Erzvater, der'eigentliche Begründer des Volkes, zeichnet sich eben dadurch aus, dass er seine Wanderung antritt, von Ort zu Ort zieht und überall denselben Gott lehrt, nicht mehr locale Götter/ sondern den, e i n e n Gott, den er in allen Ländern. für alle Menschen zur Belehrung bringt. Die dritte Einheit, welche das Jndenthum gelehrt hat, ist die der Menschheit. Auch dieser Gedanke, dass alle Menschen eine Familie sind, ist nur bei den späteren Philosophen der anderen Völker, nicht in den alten Religionen hervorgetreten. Von Akiba ist uns ein Gespräch zwischen׳ ihm und Rabbi ben Ässai überliefert. Akiba sagt, der biblische Satz: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dies ist der große Grundsatz der heiligen Schrift. Ben Assai aber sagt, jene Worte des 8. Capitels im ersten Buche Moses׳, welche nur dahin lauten : ״Dieses ist das Buch der Geschichte der Menschen", dieser Grundsatz ist größer. Die Einheit der Menschheit, dass alle - als? Kinder Gottes von Einem Paare stammen, Eine Familie bilden, das war in seinem Sinne — und mit Recht — der höhere, der größere Gedanke. Redner verweist ferner auf die nachwirkenden. Einflüsse der alten Culturvölker, welche nach ihrem Vorgehen Tochterculturen znrückließen., . Aber keines der alten Völker hat eine T o ch t e r r e l i g i o n hinterlassen. Die Religionen sind mit den Völkern, meist schon vor den Völkern abgestorben, verschwunden, vernichtet, und haben keine Nachfolger gefunden. Einzig und allein das Judenthnm zeichnet sich als Religiousvolk dadurch aus, dass es. selbst noch bestehend und fortlebend, zwei, es selbst an Macht und Ausdehnung weit überragende Tochterreligionen geschaffen hat: Das Christenthum und den Islam. Und wie wirken die Ideen des Judenthums innerhalb dieser weiten Kreise fort, wie viele von dem innersten Bestände desselben erhalten sich innerhalb der Kirche! Mau braucht ja nur mit offenen Ohren in in jede Kirche zu gehen, um wahrzunehmen, wie selbst bis auf die Sprachform, das, was so scharf und tief im Alterthume ausgeprägt war, sich erhalten hat bis auf den heutigen Tag in der fremdgewordenen und doch zugleich wieder heimisch gewordenen Sprachform. Hören wir nicht in jeder Kirche, dass das Aufjauchzen der Seele zum Preise Gottes ״Halleluja" heißt, und der Aufschrei der geängstigten und um . Hilfe flehenden Seele ״Hosianna", und dass die stärkste und beste Bekräftigung dessen. was in der Seele des Menschen lebt, gegeben ist durch das hebräische Wort ״Amen"? (Lebhafter Beifall).! Bei allen alten Völkern sinden wir, dass sie Kastenvölker sind. Die Theitung der Arbeit ist in allen öffentlichen Angelegenheiten eine Nothwendigkeit; es kann nicht Jeder Alles machen, wenn es irgendwie vollkommen gemacht werden soll. Eine der Formen, wie die Theilnng unter den gesammten Mitgliedern eines Volkes geschehen soll, war früher die Theilnng nach Kasten, und diese Form hat lange gedauert. . :In Israel wurde der Geist des Kastenwesens aufgehoben; es gab keine eigentliche Kaste. Jeder, aus jedem Stamme konnte Prophet. werden, Jeder Richter und Führer des Volkes rc. Mit dem Kastenwesen ist etwas anderes verbünden, was in moralischer Beziehung für den Lauf der Entwicklung in der Menschheit vielleicht nochwichtiger ist. Soviele Kasten in einem Volke, soviele verschiedene-Rechte. Jede Kaste hat ihre Rechte, .welche im Gründe genommen Vorrechte, sind.

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