Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 11 (11.4.1897)
- Date
- 1897-04-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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dir. 11. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Seite 3 Es entsteht hier auch die für den israelitischen Cultus sehr einschneidende Frage: Ist der Cantor auch immer Leiter des Chores? Nicht immer, aber er sollte es immer sein; denn schon der Aufbau vieler traditioneller Compositionen lässt uns erkennen, dass der Cantor nicht anders als der musikalische Leiter gedacht ist. . Wie würden sich auch z. B. das von Sulzer harmonisirte Lol nidre, der N'lood u. a. m. ausnehmen, wenn die Correspondenz zwischen Cantor und Chor durch entgegengesetzte Standpunkte erschwert oder gar unmöglich gemacht würde? Weil nun in neuerer Zeit Cantor lind Dirigent Zwei getrennte Dinge sind, und der erstere, wenigstens in stark resormirten Gemeinden, vorzugsweise als Solosänger behandelt wird, hat z. B. Lewandowski die Traditionsgesänge in eine dem modernen Zwecke entsprechende Form gebracht. Aber ich muß hinzufügen, er hat oft die Tradition dein modernen Geschmacke geopfert. Durch die Zusammeuziehung der Stimmen zu einer bestimmten Einheit fällt von der eigentlichen Urmelodie immer mehr ab, und deshalb ist die von den alten Chasonim überkommene Einrichtung des reinen Vocalchores, der um den Cantor postirt ist, befähigter, die alten Traditions-Gesäuge auszuführeu, als der moderne Chor, der von der Orgel unterstützt wird und ans irgend einem anderen Punkte als vor dem Allerheiligsten Aufstellung findet. Was nun die maßgebenden Kreise dazu bewogen hat, den Chor anders postiren zu lassen, als es früher war? Jedenfalls spielte die Platzfrage eine große Rolle, und sie konnte in vielen Synagogen nicht anders gelöst werden, als durch Errichtung von Chorgalerien. Schon der alte Sulzer klagte mir einst, dass er große Piecen nicht gern aufführte, weil der Platz um ihn herum zur Ausstellung eines vollbesetzten Chores im Seitenstetten- Tempel zu klein sei. Wenn dieser Ausspruch Sulzers über die Platzsrage der Ausstuss eines künstlerisch gereiften Urtheiles war, so sehen, wir wieder andere Männer, welche aus Rücksichten der modernen Anordnung sich, gegen die Postirung des Chores um den. Vorsänger aussprachen, und man weiß noch heute ganz gut, dass der verstorbene Ritter v. Guttmann, als Präses der Wiener Cultusgemeinde, seine ganze gewichtige Persönlichkeit für den Gedanken einsetzte, den Leopoldstädter Tempelchor seitwärts vom׳ Oraiin liakodesch auszustellen. Aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und der Schrift moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprofessor am Obergymnasmm zu S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) (Nachdruck, verboten.) Diese von den Weisen aus Grund des neuen Testamentes gepredigte, umfassende Menschenliebe wurde schon im alten Testamente, und im Talmud gelehrt, und zur Erhärtung wollen wir nebst den bereits angeführten Belegen noch, nachfolgende Stellen hinzufügen: ״Hungert dem Feind, so gib -ihm. Brod, dürstet ihn, so gib ihm Wasser" (Spr. 25. 21). ״Wenn du einem Freund und einem Feinde die ihm zu schwere Last erleichternckannst, so musst du sie früher dem Feind e erleichtern", (mg.;32). . Wenn Jesus die Menschenliebe als eine neue Lehre bezeichnete, so konnte er dies nur seinenhe i d n i s ch e n, aber nicht seinen jüdischen Zuhörern gegenüber thun, denn den letzteren war. seine Lehre längst bekannt,׳ da sie auf den Bibelstehlen: ״Liehe,:den Ewigen deinen Hott , mit deinem ganzen Herzen, . mst; deiner^ ganzen.. Seele und mit ,deinem ganzen Gemüthe" und ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!", basirte. Und diese beiden Gebote, welche das ganze Gesetz Moses und die Propheten umfassen, gab Moses schon gegen anderthalb Jahrtausende vor Jesus (V. M. 6. 5., m. M. 19. 18.). Er sprach ferner: ״Alles, was ihr wollet, dass die Menschen auch thnn sollen, das thuet auch ihr ihnen. Das ist das Gesetz und die Propheten." (Matth. 7. 12., Sukk. 6. 31.) Gegen 100 Jahre vor Jesu sprach aber schon Hillel zu einem Heiden, der von ihm die Lehre Moses in möglichster Kürze wissen wollte, folgendermaßen: ״Was du nicht willst, dass man dir thue, das thue auch deinem Nebenmenscheu nicht". (Tr. Sabb. 31.) Also was Hillel negativ lehrte, das lehrte Jesus positiv. Für uns, und dies mögen die Eltern gelegentlich auch ihren herangewachsenen Kindern sagen, finden sich, im neuen Testamente gar keine neuen Sittenlehren, dieselben wurden schon in. der Bibel und im Talmud gelehrt. Unter Anderen bestätigt dies der Theologe Dr. M. Schwalb, indem er sagt: ״Weder in seiner (Jesu) Lehre, noch in seinem Leben weder in seinem Worte, noch in seinem Geiste ist irgend etwas zu finden, was eine antisemitische Liga verwerthen könnte. Vielmehr müssen von Rechtswegen alle seine Verehrer, damit ihre Verehrung nicht als ein Spott erscheine, sich ernstlich bemühen, den Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthum anfzuheben. Sie — die Christenheit — muß zurückkehren zur einfachen, gesunden, im alten Testamente schon gelehrten Sittenlehre Jesu, die wahrlich besser ist, als die beste, geschweige denn als die gewöhnliche Moral der Kirche, um von der Moral der ״Gesellschaft Jesu" nicht zu sprechen." (S. ״Christus und das Judenthum", 12—13 S.) Auch aus den Aussprüchen christlicher Autoren ist zu ersehen, dass die Juden, obwohl sie ihre Religion nicht eine Religion der Liebe nennen, dennoch mehr das Gebot der Liebe untereinander, und selbst gegen Andersgläubige üben, als die Christen. ״E. Nus, geb. 1810, dramatischer Schriftsteller, drückt in seinem Buch ״Die großen Geheimniße" sein Bedauern darüber aus, dass die Christen nicht die Privattugenden der Juden angenommen haben, wie die werkthätige Solidarität und die Menschenliebe, die sie immerfort bewähren. ״Hilten׳ wir uns", ruft er wörtlich aus, ״den Juden irgend einen Vorwurf zu machen, wahrlich, sie haben uns nur zu viel vorzuwerfen." Alphoüse de Candolle, geb. 1806 in Paris, sagt in seinem Werke ״Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten": Die Juden sind arbeitsam, sanftmüthig und barmherzig unter einander, so dass zu wünschen wäre, dass alle Christen ihnen gleichen." Er wirft auf die Frage, warum die Bekenner des neuen Testamentes, das doch Liebe und Demuth predigt und Gott immer als Gnädigen und Barmherzigen vorführt, hochmüthig, gewaltthätig, exclusive in ihren Neigungen und überaus streng in chren Gesetzen sind; während die Anhänger des alten Testamentes durch Demuth und Sanftmuth sich auszeichnen, obwohl das letztere Gott als strafenden Richter in seiner Strenge zeigt. Die Antwort stützt sich auf die Theorie von der Vererbung und besagt, dass die Juden ein altes Culturvolk sind, in dessen Mitte die moralischen Ideen und. die milden Sitten seit Jahrtausenden einheimisch waren, so dass die edleren und sanften Regungen des Herzens von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbt haben; während die meisten christlichen Völker, der Barbarei kaum, entwachsen, die Härte ihres Charakters gleichfalls als Er b e ihren Nachkomme» hinterließen, die noch lange an sich werden bessern mnssen, .ehe