Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1897)
- Date
- 1897-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 10 welche in der ganzen Natur das thätige Lebensprincip ausmacht. Man könnte, um sich recht populär auszudrücken, jenen chaotischen Zustand den.Embryonenzustand der Schöpfung neunen, der durch das geschaffene Lebensprincip in das Stadium des allmäligen Werdens gelangte. Dieses Lebensprincip ist der Vermittler des Stoffes, begründet die Art für dessen Entwicklung, bestimmt die Formen, in welchen er in den verschiedenen Wandlungen, die er durchläuft, erscheint, und offenbart sich in den Gesetzen, denen er unterworfen ist. Dieses Prmcip ist wohl eine unsichtbare und unbegreifliche, aber doch unleugbare Thatsache in allen an Zeit und Raum gebundenen körperlichen Wesen. Lebensprincip und Materie bilden daher in der Entstehung der Körperwelt jenen Dualismus-- der in seiner Gesammtheit die Natur ausmacht, dessen schaffender, belebender und einzig unsichtbarer Quell die ״Urkraft" oder der ״Urgeist" — Gottes selbst ist. Die Natur ist daher die Zusammenfassung oder das Resums aller durch die Urkraft geäußerten Allmacht, oder die geoffenbarte Wahrheit des einzig unfassbaren Gottesgeistes, der von der Schrift schwebend über dem Weltchaos dargestellt wird. : Dieser ״Gottesgeist" oder ״Gotteshauch" ist jener rein geistige Odem, der erhaben über alles Sinnliche und Irdische, über alles bewegte, wandelbare Leben waltet — jenes Urbild alles Hohen und Herrlichen, zu dem wir anbetend emporschauen, dem wir ewig nachstreben, ohne es je erreichen zu können, dessen Dasein und Nähe wir überall wahrnehmen und empfinden. Das ist im eigentlichen Sinne und bei rein geistiger Auffassung die' ״Scheeliiiia“ 3), jene unsichtbare, doch allseits wahrnehmbare ״Herrlichkeit Gottes", die sich über die ganze Welt verbreitet und überall gegenwärtig ist, wo Schönes, Heiliges und Erhabenes geschaffen oder gestiftet wird. Wie erhabenund ergreifend würde die menschliche Empfindung durch das allgegenwärtige Gefühl dieses großen, unsichtbaren Geistes! - Wann aber war dieser Anfang der Dinge? Darüber gibt die heilige Urkunde keinen Aufschluss. Sie lässt es unbenommen, Millionen oder eine unüberdenkbare Reihe von Jahrmillionen anzunehmen; ihr einfaches und großes Wort: ״Im Anbeginne schuf Gott" bleibt daher immer als äußerste Grenze feststehen, der Wissenschaft und Forschung darüber freie Bahn lassend. nach Bochart heißt es: vox oris dei, hebräisch: קול—פי—ין־ן (Totpi-jo), welches bedeutet: Die Stimme aus dem Munde Gottes. (Creuzers Symbolik, II. § 4, 5. רוןץ wird auch oft in der Bibel mit נשמה identificirt. So finden wir in Jcsaias 42, 5: כתן נשמה לעם עליה וירח להלחים בה »der Odem gibt dem Volke auf, ihr und Lebenshauch denen, die auf ihr wandeln" Hiob 32. 8: ״ אכן רוח היא באנוש ונשמת שדי הכינםdoch der Geist im Menschen ist es und der Odem des Allmächtigen, der fie derständigt macln״. Hiob 33, 4:רוח אל עשתני ונשמה שדי תחיני ..der Geist Gottes, der mich schuf und der Odem des Allmächtigen, der mich belebt". נשמה bedeutet eigentlich das ״Lcbenshauchende", das ״Atbemschaffende", also so viel als רוח in seiner Activität (Vergl. Herzog's Realencyclop. IV. 728) ריח אלהים מרחפת .heißt also gleichsam der lebenshauchende, der athemschaffende Impuls der Allmacht schwebte über der elementaren Flüssigkeit, oder über dem flüssigen 'chaotischen Elemente, nämlich über dem biblischen Urwaffer (מני' המים)- Dieses Urwaffer hatte in seiner ganzen undurchdringlichen oder abgründlichen Tiefe (תהום) vom Schöpfungsgeiste die Keime alles Dasein's empfangen und wurde jetzt von dem רוח אלהים mit Lebenskraften erfüllt. 3) Das Wort שכינה stammt von שכן, ruhen, wohnen, weilen, und bedeutet die Majestät Gottes oder die allwohnende Gottheit. Das ist die in den biblischen Schriften oft vorkommende mit Schechina gleichbedeutende Bezeichnung ככור ה׳- Sie berichtet Ulls blos, dass Gott ״vom Anbeginne 4), d. h. ursprünglich Himmel und Erde geschaffen hat". Klingt nicht für uns wie ein leiser Mahnruf aus diesem ersten Worte der heiligen Schrift heräus: Mensch sei nicht so unbesonnen und unüberlegt, über Unmögliches, für deinen Geist Unerforschliches nachzugrübeln und nachzudenken. Gott schuf die Welt zur Zeit, als es in seinem Willen lag. Vermagst du in deiner Beschränktheit demnach nicht den Moment zu bestimmen, in welchem das Samenkorn im Schoße der Erde seinen Keim beginnt, wie willst du denn den Ursprung dieses erhabenen Werkes festsetzen, das von der Heiligkeit, Größe und Allmacht seines Schöpfers Zeugnis ablegt? Schwacher Erdensohn, wie willst du in deiner Hinfälligkeit des Unendlichen Werk erforschen? Falle vielmehr in Demuth und Bescheidenheit anbetend nieder, bekenne deine Kleinheit und die Größe deines Meisters: Herr, ich, dein schwächlicher Diener, vermag den Ursprung oder den Anbeginn deiner Schöpfung nicht zu fassen. Bewundern wir diese Offenherzigkeit und Unbefangenheit. Die Bibel nennt sich nicht, wie etwa die Religionsurkunde der Indier, ״Veda", das Wissen, was in hochtrabender Weise von einem unumschränkten Wissen über die Geheimniße der Menschen- und Weltentstehung spricht, wie es in einer hohen Urzeit von den Lippen ihres vermeintlichen Gottes Brahma floss; nein, der Theil der Bibel, welcher die Schöpfungsgeschichte enthält, heißt blos bescheiden ״die Lehre" und gibt eine Anleitung, wie sich der Mensch seinem Geiste entsprechend und der annäherungsweisen Wahrheit gemäß von der Entstehung der Welt und auch von dem Schöpfer einen Begriff machen soll. Ihre Offenheit, Wahrheit. Bescheidenheit und Besonnenheit machen sie eigentlich erst zum ״Buch der Bücher", verleihen ihr Heiligkeit, Glaubwürdigkeit und Würde. Denn gestcht -Jeinand,׳-etwas nicht zu wissen, wovon ein anderer die geringen Geistesanlagen und bei gleichen Modalitäten behauptet, alles genau zu wissen, so können wir den Mittheilungen des ersteren unstreitig das höchste Zutrauen und den größten Glauben schenken. Die Karaim von A. Stein, Rabbiner in Sobieslau. (Fortsetzung.) Der Synagogendienst für den Beschneidungsact war besonders vorgeschrieben. Beim Einbringen des Kindes stimmt man Dankesverse an, u. zw. responseuartig.. Der. Beschneider spricht vor der Beschneidung einige Verse, der Chor antwortet immer die 2. Hälfte, worauf der erstere den Segen spricht. Die Gemeinde singt während der Handlung alle auf dieselbe Bezug .habenden Verse, dann folgen Danklieder und sonstige auf den Bund anspielende Verse mit einigen Schlussbenedictionen, und endlich ein Glückwunsch auf das Kind, welches, hierauf der Mutter überreicht wird. Dann stimmt der Vorbeter alle Trost- Verse auf Jerusalem an und betet für das Messiasreich, für die Seelenruhe Anans und der berühmten Lehrer. Den Schluss macht das Bekenntnis der Einheit und . Allmacht Gottes. Diese Ordnung wird heute nicht mehr eingehalten. 4) Die aramäisch-chaldäische Uebersetzung .gebraucht für das Wort כראשית auch ganz richtig פ^רפין, welches die Bedeutung hat ,-vor Zeiten" ״in der Urzeit" ״ehedem". כראשית heißt also nicht, wie. oft irrthümlich verstanden wird, ״zuerst" sondern ״im Uranfang". Das Wort stammt von ראש, bß§ Haupt, d i. der wichtigste Bestandtheil, der Grundbestandtheil eines Dinaes. Hier bedeutet es der Anfang, der Ursprung, oder eigentlich der Ursprung.'des Keimstoffes dieses. Dinges.-