Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1897)
- Date
- 1897-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Sir. 10 Hallen, die mit, ihrer Einwilligung öffentlich beschimpften und geschmähten ״Dispensrabbiner" werden sich schon anderweitig zu behelfen wissen: Hoffentlich war dies das letzte Wort in dieser leidigen Angelegenheit." Amitai. Zunächst müssen wir dem geehrten Einsender gegenüber bemerwn, dass wir die Reproduction der beregten Marienbader Zlotiz darum für nothwendig erachteten, weil wir die in derselben enthaltenen Angriffe gegen die Dispensrabbiner und gegen das Cantorat nicht ohne Erwiderung lassen durften, und darum auch unsere Leser mit den Ausführungen des Marienbader Berichterstatters bekannt machen mussten. In der Sache selbst ist unser Standpunkt, den wir übrigens schon zu wiederholten Malen gekennzeichnet haben, folgender. Wir halten es für die erste Pstichi einer jeden Cultusgemeinde, dafür Sorge zu tragen, dass sowohl das Rabbinat als auch das Cantorat mit einer geeigneten Kraft besetzt werde, und da jedes der beiden Aemter einen Mann für sich in Anspruch nimmt, können wir uns im Allgemeinen für eine Cumulirüng der beiden Aemter nicht begeistern. Ersparungsrücksichten dürfen hier nicht maßgebend sein, und jene Gemeinde, die ihre Functionäre nicht erhalten kann, darf sich eben nicht als Cultusgemeinde constituiren. Wenn man aber, sobald einmal eine Cumulirung stattgefunden hat und ein Dispensrabbiner, aus welchen Gründen immer, angestellt wurde, den Funktionär, durch persönliche Angriffe herabzusetzen sucht, so untergräbt man damit die Achtung vor bem Judenthum und den jüdischen Cultusinstitutiouen, und wir werden solche Bestrebungen jederzeit ganz entschieden zurückweisen. Mit derselben Entschiedenheit müssen wir uns jedoch auch gegen die Behauptung wenden, dass es eine Erniedrigung des Rabbiners bedeutet, wenn derselbe im Nothfalle den Cantor in seinem Amte vertreten soll. Eine solche Auffassung scheint uns als eine Mißachtung des jüdischen Cultus, in welchem die Function des Cantors eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat. In ftüheren Zeiten war das Gefühl, was sich für den Rabbiner schickt und was nicht, mindestens so stark entwickelt wie heute, und trotzdem überliefert uns die Geschichte genügend Beispiele, dass hervorragende rabbinische Capacitäten vor den Vorbeterpult getreten sind, ohne dass hiedurch die Achtung vor ihnen beeinträchtigt worden wäre. Warum find die Juden undeliedt? Auf diese Frage antwortete Herr Salomon Levy in Frankfurt am Main einem Antisemiten mit folgendem Briefe: Der Hass gegen die Juden hat im Laufe der letzten 19 Jahr- Hunderte verschiedene Ursachen gehabt und verschiedene Wandlungen angenommen. Zuerst war es der Zwiespalt zwischen der altjüdischen und neujüdischen, später christlichen Richtung. Die alten Juden behaupteten, Christus sei kein Gott, was die heutige Wissenschaft ebenfalls behauptet, und vermeinten mit Recht in ihren damaligen Schriften genug Heilslehren zu haben, um keiner neuen Religion zu bedürfen. Die Kreuzigung Christi ist nach römischem Recht vollzogen worden, denn seine Lehren waren dem römischen Staat gefährlich, nicht dem jüdischen mit. ein Beweis sind die späteren massenhaften Christen- Verfolgungen im römischen Reiche. Dass die Juden Christus hätten aus dem Wege schaffen wollen, ist eine Fälschung, die man später gebraucht hat, ebenso wie die Erfindung von dem Ritualmorde: Calumniare audacfcer semper aliquid haeret! Die Verleumdung mit dem Blutmärchen haben die Christen von den. Römern.entlehnt, die in mißverstandener Deutung des Abendmahls ((Nehmt hin, dies ist wein Blut!) den damaligen Christen den Gebrauch des Menschenblutes an ihrem Passahfeste, das sie noch lange nach Christi ׳ hielten, andichteten. Die Meinungsverschiedenheiten und damit auch der Hass, wurden immer größer, je mehr durch die später entstandenen Evangelien und in den Kirchenversammlungen die Dogmen aufkamen, in denen freilich länge nachher und auch : heute noch die Christen nicht einig werden konnten. Als aber durch die Allmacht des römischen Episkopats eine gewisse Festigkeit und Einheitlichkeit in die Glaubens- und Dogmenlehre kam, da hat es sich vor Allem darum gehandelt, die Juden, welche nur an eine unsichtbare, unfassbare Gottheit — En 10 Demus Haguf we’eno G-uf, er ähnelt keinem Körper und ist kein Körper! — glauben wollten, mundtot zu machen. Mit den Waffen des Geistes waren sie nicht zu schlagen, ebensowenig wie heute der Glaube gegen die Wissenschaft noch aufkommen kann: ׳ Man musste andere Mittel gebrauchen. D’abord averfcir, puis demoirr! Damals handelte es sich nicht wie heute um Geschäfts- oder Rassenhass, die widrigste Erscheinung unserer ״Civilisation" sondern, die Juden waren mit ihren GlauhensansichteN im Wege! Ich kann den Ansichten der mittelalterlichen Christen, denen doch immerhin eine ideale Basis zu Grunde lag, noch eher eine Seite abgewinnen, als den heutigen meistens durch Brodneid entstandenen Verfolgungen. Es kam die Zeit der Kreuzzüge. Damals hieß es: Warum gehen wir in's heilige Land zur Vertreibung der Ungläubigen? Warum räumen wir hier nicht unter den Juden, unter den Feinden des Erlösersauf, wenn sie sich nicht taufen lassen wollen? ״Nicht laufen lassen wollen!" Damals hat man den heutigen gemeinen, geldgierigen, hungrigen Judenhass nicht so gekannt, man begnügte sich mit der Taufe. Und hierin, aber auch nur hierin steht der damalige Judenhass edler da als der heutige. Es kam die Zeit der Flagellanten (Geißler). Die Pest-Krankheit, die damals in fast ganz Europa wüthete, wollte eine Ursache haben. Die eigentliche Ursache zu finden, dazu war man damals wissenschaftlich noch zu weit zurück. Aber der christliche Glaube fand eine Ursache, ״die Juden vergiften die Brunnen, daher der schwarze Tod!" Und damit war wieder das Signal zu Judeu-Abschlachtungen, gerade wie zwei Jahrhunderte vorher zu Zeiten Gottfrieds von Bouillon und Emmichos, gegeben. Es kam die neuere Zeit und mit ihr sanftere Gedanken. Aber etwas anders als Schachern, Trödeln, Wechseln Verleihen ließ man die Juden doch nicht treiben. Diese unsinnige Staats-Raison führte zum Neichthum vieler Juden. Hätte man von Seiten des Staates gleiches Recht für Alle und daneben als Correctiv. eine richtige wirthschaftliche Gesetzgebung eingeführt, so wären die heutigen Gegensätze schon längst überwunden. So aber werden die Nach-Wehen einestheils durch Versündigung am jüdischen Volke, durch Verfolgungen, Bedrückungen, anderntheils durch die nachlässige Gesetzgebung noch so lange bestehen, bis hierin Remedur geschaffen ist. Auch die Volksbildung wuß noch eine ganz andere werden, bis einmal das Credo quia absurdum esfc aus der Welt geschafft ist. Zum Schluß: Der Charakter mancher Juden ist eine Folge ihrer Behandlung. Ihr Glaube steht auf dem Boden der Wissenschaft, sie haben keinen persönlichen Gott, sondern nur eine Gottheit. Bei den Christen ist es anders: Denn die große