Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1897)
- Date
- 1897-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Gesterreichisch-ungarische «Oantoren-Aeitimg. '•^tr. 6 Die Geschichte der Sprachen überblickend, finden wir, dass keine einzige Jo kurzlebig war _ •uMb so schnell' ^nj : toMen Sprache "wurde, "als die Hebräische Sprache, trotzdem gerade diese durch dje ihr .anhaftendem Traditionen^uiid..durch den Umstand, dass auch, die Thora ..in dieser Sprache geschrieben, worden ist, dein Süden geradezu geheiligt, erscheinen müsste.. .. Und dennoch genügte die ' küum . ,70 . Jahre . währende, babylonische Verbannung dazu>. die chebräische.Sprache^» der-, drängen und. allm.älig in gänzliche Pergessenheit zu bringen,.. .. Aber .selbst das wäre.erklärlich, wenn man die,Inden... gewaltsam entnatioualisirt, ihrer Sprache gewaltsam, beraubt,. ihnen die Gelegenheit benommen hätte, ihre Muttersprache zu gebrauchen. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass die Juden selbst., in Babylon nicht von einander, abgesondert .wurden, sondern , vielmehr in fortwährendem regen Verkehr mit einander standen ja in dem neuen. Aufenthaltsorte sogar Sprachverwandte ge-, fundeu hatten. Sie hätten daher ihre.Sprach.e gewiss und umso , eher pflegen können, da sie alle ihre nationalen Eigenheiten, ja sogar ihre Stammesverfassnng beibehalten durften.. Und dennoch geriet die hebräische Sprache zu jener Zeit derart in Verfall, dass die Thora-Abschnitte,, als die Juden nach Ablauf der Verbannung in die alte Heimat zurückkehrten, ins Aramäische übersetzt werden mussten, weil die meisten, das Hebräische überhaupt.nicht mehr verstanden.. Und selbst nachdem die Juden ihre staatliche Selbstständigkeit zurückgewonnen hatten, als die Makkabäer ihre glänzendsten Siege verzeichnen konnten und das Reich Israels in allein Glanze erstrahlte, wurde an Alles, nur nicht an die Pflege der Sprache gedacht. Es wurde nicht einmal der Per-:, such gemacht, die hebräische Sprache zu neuem Leben zu. er?, wecken oder sie zumindest zur Staatssprache des jüdischen Reiches zu erheben. Die hebräische Sprache war und blieb in. die Gelehrtenstube zurückgedrängt. Diese Indolenz dem theuersten Schatze jeder Nation, der Sprache gegenüber, wäre im höchsten Grade räthselhaft, wenn, der Schlüssel zur Lösung des Räthsels nicht vorhanden wäre. Die Culturgeschichte kennt außer dem jüdischen kein einziges Volk, das, trotzdem es seine Sprache versinken ließ, trotzdein seine staatliche Existenz in Trümmer gieng, trotzdem es über den ganzen Erdboden verstreut wurde und sich so schnell ftemden Sprachen anpasste und ftemden Gesetzen sich zu. unterordnen verstand, dennoch seine Eigenarten und hauptsächlich seine religiöse Ursprünglichkeit mit solch' staunenswerther Zähigkeit vor jedem Umstürze bewahrt hätte. Die Juden sprachen in Alexandrien griechisch, in Rom lateinisch, sie dichteten im Mittelalter sowohl in der deutschen, wie in der französischen Sprache, sie zeichnen sich in der Neuzeit durch eine meisterhafte Beherrschung der inoderneu Sprachen, aus. Nur die eigene, die hebräische Sprache ließen sie verkümmern, nur ihr widmeten sie keine Pflege. Den Schlüssel zu diesem Räthsel mag der Umstand bilden, dass der Jude niemals einen ausgeprägten jüdisch-nationalen Sinn hatte, dass es ihm weniger um die. Erhaltung einer. jüdischen Nation, als vielmehr um die Erfüllung der Mission der Judenchums zu thun war. Der Jude fühlte sich berufen,, der Verkünder und Erhalter der religiösen Ethik zu sein. Nur in dem Bewusstseindiese und keine andere Mission echlllen zu müssen, vermochte der Jude der alten Zeit sich, seiner nationalen Sinnes zu begeben, und der. spätere Jude seiner nationalen Vergangenheit zu' vergessen. Er wollte, - um seine Mission erfüllen zu können, keine Nation bilden, sondern in' - den NätWien stufgehest - undso Wurde ׳er in Deutschland eilt - Deutschest ist Frankreich." eist .FMizösö niid .in Ayrerlkst/Mnerf- ‘ kaner irst der nationalen'.'Bedeütüstu des! Wortes.7 . V'7'7;“ .ן - * - ן . :.V ־ |.ינד•* '.•־••'.( - : — . . .. ..Hiedurch .ist .er , auch .. sprachlichein aicherer^geworden , und di^ jüdisch-nationale Sprache, ist nun den meisten-;Juden:, ebenso ftemd, wie etwa den׳' eingeborenen Nothhäuten. •1;־ -!• ^" ' Da'Mo der׳ Hude?als solcher keine Sprache hat, ist cs' nnrselbstverstali blich, .weilst 7er bei eiliemabznverläugendeü ' Blldstiigsattesie. in der Mpxache jenes _ Landes ׳ geprüft; wird, . welchem, er,als Bürger angehört 7hat.. Ob....das j Abverlangest^ eines Bildungsattestes vom Einwanderer ,überhaupt-am-Plätze ׳ isst - bleibt Freilich eine andere-Frage, deren- Erörterung -nichl in den Rahmen dieser flüchtigen ^Skizze passt.^ Titrb und Stsndesfragen- . ״־' Von L. Niescnfcld, Oberlehrer in Ung.-Brod.- -— Auf dem ketztabgehattenen׳ .Cantorentage würde in Bezug ׳ auf den'dem Caiitor gebührenden .Titel ein wichtiger Beschluss gefasst; es scheint aber, als .stnichest der Durchführung dieses Beschlusses manche Hinderniße entgegen. Es ist dies auch leicht erklärlich, weil -solche Fragen sticht ohne Mitwirkung der Gemeinden gelöst werden können. Nur Geduld, das neue jüdische Gemeindegesetz beginnt' erst sich einzüleben, die Statuten sind zum größten Theile behördlich genehmigtdie Bildung von Landesverbänden wird nicht lange auf sich warten lassen,, und dannwerden -Titel und Standesfragen einheitlich gelöst werden. Bei den Eantoren sind in dieser Hinsicht-noch erträgliche Verhältuiße, bei den Rabbinern herrschen geradezu chaotische Zustände; «die einer Regelung dringend bedürfen. Warum lassen sich die?Rabbiner Doctoren titulierest'? Aus Rache, weil man die Doctoren Raw (Morenu) titulierte Morenu war ursprünglich i eine Auszeichnung, welche von denn Ortsrabbiner dem jüd.i s ch e n Gelehrten für j ü d ische G e le h -r s a m k e i t zntheil wurde.. 'Freilich würde da mancher Mißgriff gemacht, und das Volk rangierte solchee Fhlgriffe in die Kategorie der Haschem jisch-Morevu ein. In den letzten Decennien bürgerte sich die Unsitte in den Gemeinden ein, jedem Doctordiplom die Morenu als Anhängsel anzugliedern. Die Folge davon zeigte sich bald in drastischer Weise. Es ist noch nicht lange her, seitdem in einer, mährischen Gemeinde ein Negimentsarzt zur Thora gerufen wurde, der absolut nicht imstande war, die Brocho zu sagen. Der Mann ließ sie den . Cantor sagen und rührte keine Lippe; trotzdem wurde er im Mischeberach mit Morenu tituliert. Man lasse dem Mediciner, dem Juristen auch bei der Thora seinen Doctortitel und reserviere die Morenu ausschließlich, wie einst, für den jüdischen Gelehrten. Rabbiner! Das ist der ehrenvollste Titel für den jüdischen Seelsorger. Und was sehen wir? Die Rabbiner lassen diesen Ehrentitel selbst außeracht und man gewahrt eine förmliche Jagd nach dem Doctortitel. Man probiere einmal, einen Bezirks- Hauptmann, der Doctor ist, statt ״Herr Bezirkshauptmann" ״Herr Doctor" zu titulieren, und man wird die Wirkung sofort verspüren. Kommen aber ein paar Rabbiner zusammen, kann man sicher sein, nichts als ״Herr Doctor" zu vernehmen. Und. erst die Nabbinerfrauen! ״Frau Rabbiner" muß man sich zwar gefallen lassen, aber ״Frau Doctor",. das klingt doch ganz anders. Und was wird nicht alles angewendet, um einen solchen Doctortitel zu erlangen? Haben ׳ wir nicht schon in den Zeitungen sehr blamierende, Dinge gelesen; die die Nöthwendigkeit dar-