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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1897-01-21 · Heft 3 (21.1.1897) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 3 (21.1.1897)
Date
1897-01-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Gesterreichisch-Mgarische Lantoren-Ieitung Seile 3 einfache .Ursprünglichkeit durch die Wissenschaft . feststellen zu lassen? Darum sollen auch wir nicht anders als im Kleiderschnitt jener seligen Herren einher zu schreiten, im Reiche der Töne uns. nicht anders als in jenen Auswüchsen, die schon von den alten.Rabbiner! streng vernrtheilt wurden, ״auszusingen" wagen? Ich gestehe offen, dass ich mit Herz und Seele ein reines, ungekünsteltes Chansonus ״ohne Geweinund Geschrei" Hochhalte und in dieser Sphäre mich gern bewege; ich scheue mich aber wieder nicht offen zu bekennen, dass unser Ritualgesang einer festen Norm bedarf, einer Säuberung dieses herrlichen Gartens wou dem wuchernden Unkraut,, das die Wege unkenntlich macht. Wir. wollen keine Extreme und überlassen jedem seinen Knustgeschmack, aber das Gebet für die Gemeinde, diese erhabene Handlung der Gottesverehrung. bedarf einer ungekünstelten, geweihten, einfachen Form ohne Gemisch von Modemelodieu. Was die Bibelsprüche für das Wort Gottes, das sind die weihevollen Recitative für unsere hebräischen Texte, und wie unseine Bibelstelle, in freier.Umschreibung vorgetragen, abgeschwächt und profanirt erscheint, so machen zuweilen groß angelegte Soli nur den Eindruck einer verflachten, ephemerischen Erscheinung. Leider erscheint die Sucht nach derartigen Effecthnscherien den erhebenden, .jüdisch - charateristischen Gesang allmählig verdrängen zu wollen, das sind die Producte eines matten Anfluges von religiöser Stimmung, und darum fehlt zuweilen der Gemeinde die wirkliche Erbauung. Mögen aber auch viele unter den Synagvgengesängen in ästhetischer Beziehung den alten Weisen würdig an die Seite gesetzt werden können, an Größe und Erhabenheit des Eindrucks werden letztere stets dem Israeliten unerreicht bleiben, denn sie sind nicht allein durch ihre Vortresflichkeit, sondern auch durch die rührendsten Erinuerungen geweiht. Als unvergängliche, heilige Klänge der Vorzeit tönen sie 511 uns herüber, und mit Schauern der Ehrfurcht dürchbebt uns bei ihrem Gesänge der Gedanke, dass schon Millionen entschlafener Glaubensbrüder in diesen Melodien den Höchsten gepriesen und in ihnen den Trost und die Freudigkeit der Religion empfunden haben. Durch sie betreten wir gleichsam das uns von den Vätern erschlossene Allerheiligste der Anbetung, und wie löblich es auch ist, unserem Gotte ein 8״dm־ Chodoscb", ein neues Lied zu singen, gehalten im Geiste der innigen Einfachheit unserer Ahnen — jedoch das, was schon Unzähligen die Seele erhob, was schon durch Jahrhunderte seinen Werth erhalten, muß des Lobes würdiger genannt werden. Kein Jahr ist in Hervorbringnng neuer, auch vortrefflicher Gesänge zurückgeblieben, doch hat nur eine verhältnismäßig geringe Zahl derselben prosperirt. Welche Umstände hier zu Grunde liegen, mögen einer späteren Erörterung Vorbehalten sein. Auch auf den Umstand möchte ich Hinweisen, der nicht wenig schwer ins Gewicht fällt. Die Liturgie für den Gemeindegesang ist noch sehr dürftig bestellt, das vorzüglichste Erbauungsmittel trotz aller Reformen ist nebensächlich"behandelt worden, und niemand kann diesen Factor besonders in unserer Zeit gering anschlagen. Unsere Chor- und Tempelgesänge seien melodisch, leicht r ins Gehör fallend, ohne Anlehnung an das Profane oder gar au die. Theatermusik, der weltliche Habitus soll.strengstens vermieden werden und, wo irgend nur möglich, dem Festritualgösang entnommen sein, der zuweilen fehlenden Gravität ׳kann durch eine b e f ch erde n e. Ortjelbegteitüng 1tttd EglM werden,? Pas Chasonns |iu* den Cästtor wird- 0 in seiner verkümmerten Gestalt sogar mit Orgel- und- Chorbegleitung vortragen, das Recitativ des Vorbeters bedarf bei kuustgcmüßem Vortrag keiner derartigen Unterstützung: ״Ki bessibeste’filloh״! Wer wagt es ans diesem Schriftworte ein vegetirendes, traditionelles ConcerL heraus zu deuteln? Unter solchen Gesichtspunkten werden keine Freunde für unseren traditionellen Gesang gewonnen, denn bei/derartigen Borträgen geht sicher die Originalität und der musikalische Werth verloren und hört auf das zu sein, was er sein muß — ein Gebet in Tönen. Also darauf kommt es an, dass der Cantor erst Chasan sei, ein wahrhaft religiöses Gefühl in Tönen ausspreche, daranf׳ dass er seinen religiösen Text mit warmem Sinn erfasse und, treu den alten, herzinnigen Sangesweisen, in Tönen ausspreche, gleichviel ob im Costume der modernen Knnstmittel oder der uns fernliegenden Zeit, aber stets im heilig-einfachen Colorit, im Tone in sich gekehrter Contemplation, des ehrfurchtsvollen Hinsinkens im Staub vor dem Allmächtigen oder auch in Jubeltönen des begeisterten Gemüthes ausströmen lasse. Wenn erst in dieser Weise das Chasonus im Einklänge mit dem entsprechenden Gemeindegesang zum Vortrage gelangt, dann wird Kraft und Wirkung dem Gottesdienste nicht fehlen. Das Privilegium zum Singen hat die ganze Gemeinde, nicht nur der bezahlte Chorsänger, entfalten wir eine rege Sorgfalt diesen Bestrebungen gegenüber, so werden wir einen erhebenden Gottesdienst auf dem Boden des Glaubens und der Wahrheit aufbauen zum Heile der kommenden Geschlechter. Jahresbericht des österr.-nngar. Cantoren-Verrinrs. Die Ueberst'cht über das eben abgelausene Vereinsjahr bietet dem Vereinsvorstande keine besondere Befriedigung, weil er zu der sicheren Ueberzeugnng gelangt ist, dass alle seine Mühe und Arbeit, sowie der große, das vorjährige Budget so arg belastende Kostenaufwand für den projectierten Pensionsfond ohne jeden praktischen Erfolg geblieben sind, indem er weder bei den Vereinsmitgliedern noch bei den übrigen Cantoren und Cnltttsbeamten — von den Cnltusgemeiuden gar nicht zu sprechen — die nöthige Unterstützung gefunden hat. Die traurigste der hiebei gesammelten Erfahrungen besteht darin, dass die Mehrzahl der Collegen und Cultusbeamten es nicht einmal der Blühe werth fand, auf die Anfrage des Cantorenvereines eine Antwort zu geben. Während überall ein einiger Anschluss der einzelnen an die Gesammtheit als Losungswort gilt und Jedermann opferfreudig seinen Beitrag leistet, um die gemeinsameu geistigen und materiellen Interessen zu unterstützen, herrscht in den Kreisen der jüdischen Cultusbeamten, mag man welch' allgemeinen Zweck immer verfolgen, soviel Unverständnis, Apathie und Lässigkeit, dass man wahrhaftig an der Zukunft dieses Standes verzweifeln muß. Wir lege!! uns immnr die bange Frage vor: Wer soll denn für den jüdischen Culmsbeamten sorgen, wenn er selbst keinen Finger rührt, um seine Zukunst nur einigermaßen freundlicher zu gestalten? So wurde auch diesmal durch die eigene Schuld der Collegen vielleicht für alle Zeiten ein Werk gestört und gehindert, das dem jüdischen Cullnsbeamtenstande gewiss zum Segen gereicht hätte. Der vom Cantorenverein propagierte Gedanke wurde wohl auch von anderer Seite ausgenommen und hie und da hieß es, dass die Cnttusgemeinden selbst oder andere Factoren des jüdischen

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