Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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«©eite 4 Gesterreichisch-ungärischö Lantoren-Zeitung 9h1 .־. Die Essäer oder Essener bildeten eine geschlosseneGesellschaft, deren mehrere im Talmud genannt werden, mit manchen gleichen und manchen verschiedenen Lehren und Gebräuchen. Ihr Name wird von אפיים; Heiler, Aerzte, Terapeuteu abgeleitet, weil sie sich mit Heilung (durch Wanzen oder auch durch Einflüsterung des Gottesüamens, Tetragrammaton) beschäftigten. Sie hielten einen Theil des schriftlichen und auch einen Theil des mündlichen Gesetzes, von letzterem aber nur die Erschwerungen. Sie glaubten au die Unsterblichkeit der Seele, die Opfer auf dem Altar verwarfen sie, aber sie ersetzten sie durch außergewöhnliche Enthaltsamkeit, Askese, von irdischen Genüßen. Sie enthielten sich von Fleisch, Wein und Oelsalbung, zum Theil auch von der Ehe. Nur ein Theil von ihnen heirathete wegen der Nachkommen, daun wurden die FraUen entlassen. Nebst Gott bezeugten sie Moses, dem Gesetzgeber, die größte Ehre. Zu ihren verschiedeneu Tugenden gehörten Verachtung des Reichthums und der Herrschaft, Genügsamkeit, Bescheidenheit und Zufriedenheit. Sie hatten Gütergemeinschaft. Jeder in den Orden Eintretende übergab dem Orden fein Vermögen und machte ein Probejahr. Er erhielt eine kleine Axt, einen Gürtel, einen Schurz und ein weißes Gewand. Dies war ihre Uniform, ähnlich den Freimaurern. Sie hatten 3 Abtheilungen. Beim ersten Aufstrahlen der Sonne beteten sie. Ihr Morgen- und Abendmahl hielten sie geineinsam mit Vor- und Nachgebet, nebst Gesang und Tanz, um iu heilige Begeisterung zu gerathen, und die Geheimnisse der Gotteslehre, die zu entdecken sie sich abmühtenzu erspähen, ähnlich den Neu-Chassideern. Sie begnügten sich nicht, wie die Pharisäer, mit der einfachen oder tiesinnigen Erklärung der Gotteslehre für das sociale, praktische und religiös-sittliche Leben, sondern sie suchten darin noch geheim'nisvolle Andeutungen. Symbole und Allegorien für das seelische Leben. Denn, sagten sie, Gott, das höchst geistige unfassbare Wesen, könne mit seiner Lehre nicht einfache, fassliche Gesetze gemeint haben. Es müssen darin tiefe Geheimnisse angedeutet sein, die der Mensch zu erforschen hat, um seine höhere Bestimmung hier für sein jenseitiges Leben zu erreichen. In dem fasslichen Theile der Gesetze ersahen sie nur Gottes Barmherzigkeit und Liebe gegen die Menschen. Sie. die als eine Einsiedlergesellschaft lebten, fern vom Geräusche der Volksmasse, fühlten es nicht, dass man, so wie zur Erziehung der Kinder, oder noch Mehr, zur Erziehung der Menschen strenge Gesetze des Rechtes anwenden muß. Gegen diesen ihren Jrrthum sprachen die Pharisiäer den richtigen Grundsatz aus: ״Die Gotteslehre ist nicht für Engel, sondern für Menschen, mit menschlichen Schwächen und Gebrechen gegeben worden." (Broch. 25.) Aus dem Sadducäismus und Essäismus entwickelten sich nach und nach zwei andere Religionsparteien, nämlich der Hellenismus und der Gnosticismus, die aber von ihrer Abstammung sehr weit abstanden. Denn die Sadducäer hielten noch streng das schriftliche Gesetz, die Essäer hielten nebstdem auch den größten Theil der praktischen Tradition; aber die Hellenisten setzten sich in der Praxis über beiderlei Gesetze irrchümlich hinweg. Die Sadducäer und Essäer behielten fernernoch den reinen Monotheismus der mosaischen Lehre. Aber die Hellenisten und die Gnostiker haben theils durch Aufnahme der Jdeenlehre - Plato's, des berühmtesten griechischen Philosophen, des treuesten Schülers Sokrates', theils durch die geheime Deutung der mosaischen Lehre durch die Essäer, den biblischen׳ Monotheismus entstellt. _ (Fortsetzung ׳folg:) ' A. Josef Karo u. seine Zeitgenossen. Von Dr, M. H. Friedländer. ־ ־■ Während das katholische Königspaar, Ferdinand' und Jsabella, die Juden aus Spanien vertrieb, war die türkische Regierung ihrerseits bestrebt, den massenhaft' einwandernden Exulanten freundliche Aufnahme zu gewähren. Schäarenweise .strömten die von furchtbaren Schicksalsschlägen und schweren Prüfungen des Lebens hart getroffenen Söhne Abrahams nach' dem Morgenlande, um dort ein menschenwürdiges Dasein fristen,;die jüdische Wissenschaft pflegen, die religiösen Anstalten wie die gemeinnützigen Institutionen fördern zu können. ‘ In den bedeutendsten Städten der Türkei, Griechenlands und' den Inseln bildeten sich nun Gemeinden, ebenso gewannen die alten Gemeinden Palästina's durch Zuzug der Einwanderer an Zahl, Größe und Achtung. Die hervorragendsten palästinensischen Gemeinden der damaligen Zeit waren Safet und Jerusalem, die von den eingewanderten spanischen Gelehrten zum Schauplatze ihrer Wirksamkeit gewählt wurden. Die bedeutendsten und anerkanntesten Geistesheroen dieser Epoche waren Berab, Ben Chabib und Josef Karo. Berab. der 1474 in Marquedo bei Toledo das Licht der Welt erblickte, zeichnete sich schon frühzeitig durch Scharfsinn, gründliche Gelehrsamkeit und Lauterkeit des Charakters ans. Nach der 1492 erfolgten Vertreibung der Juden aus Spanien gelang es ihm nach einer mit vielen Gefahren verbundenen Wanderschaft nach Tlemsan zu entkommen, und von da verfügte er sich nach Fez, wo er seiner eminenten Gelehrsamkeit halber so viel Aufsehen erregte, dass die dortige Gemeinde ihn, den 18-jährigen Jüngling, zu ihrem Rabbiner und zum Leiter des daselbst bestandenen Lehrhüüses ernannte Als jedoch spater die Spanier in Afrika Eroberungen machten, sah sich Berab genöthigt, Fez zu verlassen und nach Palästina zu wandern, wo er Safet zu seinem Domicil wählte. Hier stand er einem Lehrhause vor Und entwickelte eine überaus segensreiche Thätigkeit. Sein Ruf verbreitete sich im ganzen Lande und er wurde bald als die erste rabbinische Autorität Palästina's anerkannt. Die meisten jüdischen Gelehrten Palästina's hegten damals den Wunsch, die alte Ordination (Semiclia) wieder einzuführen, um dem heil. Lande durch die Creirung der religiösen Centralbehörde der Juden den alten Glanz und Ruhm wieder verleihen zu können. Diesen Wunsch zu verwirklichen, war Berab um so mehr eifrigst bestrebt, als er sich einerseits der größten Popularität im Lande erfreute, und andererseits Safet damals die größte jüdische Stadt Palästina's war. Er ließ zu diesem Behufe eine Synode, die aus 25 Rabbinnern bestand, einberufen. Von derselben wurde er einstimmig zum Präsidenten ernannt. Nichts desto weniger sah sich Berab bald in seinen Erwartungen bitter getäuscht, indem man in Jerusalem seine diesbezüglichen Pläne zu vereiteln um so mehr sich verpflichtet fühlte, als inan in der Inauguration der alten Semieha (Ordination) in Safet eine tiefe Verletzung und Entwürdigung der heil. Stadt erblicken zu müssen glaubte. Als entschiedenster Gegner Berab's trat der damalige Ober- Rabbiner Jerusalems, Lewi b. Jakob ben Chabib. auf. Jakob b. Chabib aus Zamora, der sich durch seine Agadasammlung ״Lu Jakob" einen klangvollen Namen gemacht hatte, flüchtete sich mit seinem als Scheinchrist erzogenen Sohne Lewi von Portugal nach der Türkei, wo sie sich eine Zeitläng aufhielten. Später übersiedelte Lewi׳ nach Jerusalem, wo er von der dortigen Gemeinde seiner gründlichen talmudischen .Gel.ehr-! famfeit wegen zu ihrem Rabbiner ernannt wurde.