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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-12-11 · Heft 30 (11.12.1896) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 30 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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!Seite 3 Nrl- 30. Oesteweschisoh-rrngllrische, ^Lant^ve1pKeit«WD frommes Kind -frommer Eltern, von > jener Frömmigkeit und Göttesftlrcht, die ein kennzeichnendes Merkmal des: süddeutschen Judenschlages - rh einwärts bis züm Gebirgswalle dex Vogesen von altersher bildet,, sog Steinthal jüdische Art׳ und jüdischen Biedersinnein empfänglich Gemüth für Religion üüd Religio^ fitte - mit der Muttermilch ein.- Dass Jugendeindrücke:, solchen Ursprunges bis zur Altersscheide:des Mannes und Greises sich fortpflanzen,: ist ebenso naturgemäß wie der Grundsatz, dass -der Alte nimmer fasst, was der Junge zu: lerntzn.verabsäumt.Vom Lernen -sowohl als auch vom Singen gilt der gleiche Währheitssatz: Und gesungen hat man in Israel, in Judäa nicht minder, als im Exil der Stammreste Rüben, Gad und Manasse, viel und lnannigfach, originell imd schön, wie der Bettext selber,, der des Singens werth erscheint. Doch wir gleiten von dem ab, was wir in Kürze sagen wollten: Der ״Nigun" Steinthal's ist eine Remimscenz, golden schimmernd und traumsüß, wie es nur JugendreMiniscenzen sein können. Sehen wir also, was es ist. . In der Heimat Steinthal's mochte, wie selbst noch heute iw mancher Mülls,;, ein Wünderchasan gehaust haben. Au einem׳ Wünderchasan ist Wunderliches und Bewunderungswürdiges des öfteren zu erleben, und sein größtes . Wunder war ein W’schömrü, ein Prachtstück von einer Tempelweise, die das Knabenherz stannenvoll erbeben machte. Diese W’sckomrii־; weise mochte, weiß Gott wie, beschaffen sein, denn sie bildete das Entzücken Aller, ja so eigen und eigenthnmlich war ihr bestrickender Reizdass der Mann in Doctor Steinthal noch heute ihr wohliges Gruseln nachempfindet. Sulzer, Naumburg und Lewandowski, und wie sie alle heißen mögen die Gründer und Schöpfer der neu-modernen Synagögenmnsehaben, seiner Meinung nach, niemals etwas Aehnlich es producirt. Seinem Gedächtniße. sei aber die Melodie selbst und auch-der Volkston, aus dem sie: unzweifelhaft hervorgegangen, vollends entschwunden. Melodien solch' herzerquickenden Gesangstyles können unmöglich vereinzelt dastehen; sie sprießen und blühen zur srischreifen Frucht heute wie einstmats in stiller Weltflucht, da und dort, gleichviel wo, das ist gewiss, so gewiss wie die Tradition im Judenthum, deren Fortbestand ihm zur Ehre gereicht. Es wolle daher Jedermann, er sei Cantor, Gesangsfreund, Balboes oder Batlon, seinen Vorrath an Nigünim sammeln, in Notenköpfe kleiden, in Umschläge pressen und wohlgeordnet nach Berlin zu Händen des Professor Steinthal einsettden Je Mehr der Stoff sich häuft und je mannigfaltiger die Spielarten, desto leichter wird die Untersuchung und desto gründlicher die Prüfung von statten gehen. "Volla tout, kein Sterbenswörtchen mehr. Zudiesem Vorschläge gesellt sich ein zweiter, und sein Anreger ist unser Aller Freund, Herr Obercantor Singer in Wien: Was dieserbezweckt, ist ein Griff ins Bolle und so handgreiflich wie -ne Bassgeige. Näheren VerstäNdnißes halber möge hinzugefügt werden, dass der Mgun Steinthal's im Geiste Singer's ein fleischgewordenes Gebilde annimmt; er wird zum Chasönus, verdichtet sich zum ״Steiger" und lässt einen scheinbar fallengelassenen Gedankenfaden zu neuem Leben wiedererwachen. ״Nigun und Steigert, das ist ein Begriff, discutirbarer als Worte, die sich da einstellen, wo der letztere fehlt. Damit ist der Gegenstand in ein neues Stadium getreten, das große Fragezeichen in der Bilanz der Standesrechnung, das Wirte und Verworrene im Weichbilde der synagogalen Sanges- Nrschiedenheit ist gelöstz das Heilserum׳ gefundenum das Blut -krankhafter Phantasiegebilde dahin zu leiten, wo eine ■ Mtürlichej CirMattön'- VonnStMist: Ist: das Nicht ein Postulat der: Menge, Üev GeLechtjgM wützdiK: ww nutz irgend ein Nothfchrei? Sollen wiL ewig dazu verdammt seinunser Heiligstes der Allerweltskritik preiszugeben? Dem Einzelnen wird es fteilich niemals gelingen, Einheit imb Feinheit, Ordnung und Zucht in dem zu schaffen, was die Sänger aller Zellen im Singen gefehlt. Anders ist eswenn diese Frage vor ein Forum von Sachverständigen gelangt und hier in der Weise durchberathen wirdwie es andere Stände in anders gearteten Diseiplinen zu halten pflegen. Wenn man der Dinglyge in diesem Sinne will Gerechtigkeit widerfahren lassen, ist dev Ruß nach einem Cantorentage, den Herr Obercantor in diesen Blättern erhob, ein Gebot der Nothwendigkeit. So stehen die Dinge, und sy weit ist die Sache gediehen, während wir dieseZeilen niederschreiben. Im Gründe genommen ist nichts überflüssiger als diese Tautologie von Nigun und Steiger, beide decken sich wie Salz und Natron, wie Ton und Klang; Steinthak und Singer begegnen einander wie zwei Gekehrte, die ein und dasselbe Leitmotiv zu gleichem Zwecke unter verschiedener Spitzmarke ausbeuten. Ist das richtig, so ist auch der Feuereifer erklärlich, mit dem letzterer die vergessene Theorie seiner ״altjüdischen Tonarten" wieder von neuem ausnimmt. Nun frage sich Einer: Was ist Nigun? Fachmann und Laien werden sofort antworten : Nigun ist Nigun. Jawohl, Nigun ist Nigun. Aber was ist Nigun? Jst's Jom. 3e m’cimbod, ist's M’ehalkel chajim, ists Kol nidre oder gar der ö-dur Jaalo von Sulzer? Ich will Schusterpech statt Powidl nehmen, wenn das nicht Nigumm find, einer wie der andere. Einer wie der Andere? Das ist die Frage, hier ist der klaffende Unterschied, das psychologische Geheimnis des quofc eapita, tot senstis י darüber hinweg wird keiner kommen, ohne den Fachmann mit dem Laien zu vertauschen. Mit bloßen Phrasen wohllautendster Emschmeichelung ist das noch lange nicht abgethan, das Zeitalter des Ghetto, das Hänbelbreitel, die Gelbflecken und die Evolution der Sulzer'schen Gesangsaera liegt dazwischen, centtierschwer, wie der Fall des Dampfhammers. Den gibbor w’naaroz als Hoppsaffa, den sirsno als Gaffenhauer, den mollig anfühlbaren, in Dur angerempelten und in Dur ausklingenden sch’ne sobodajiob, den Irrgarten eines antochthonen Kamslseb, vielleicht auch den nach Zwiebel und Bohnen duftenden Schlussgesang des 8im scholom — das Alles lassen wir gellen, insolange sie wildblühend das Herz einer im Aktfanatismus grostgezogenen Menge in morgenandächtige Stimmimg versetzen; sie aber als einzig richtige Art des jüd. Volksgesanges zu Jedermanns Darnachrichtung von Amtswegen erheben, vor dieser Bescheernng bewahr' uns der Himmel! Das will Singer sicherlich nicht, und auch Steinthal mit dem Schwergewicht seiner Autorität wird das kaum gutheißen wolle». Was ist es denn, was jeder für sich und beide zusammen ins Auge gefasst? Wenn mein Denkvermögen in Vernunftschlüffen sich anders zurechtfindet, wäre das Räthsek in Folgendem gelöst. Der Steiger Singers, das ist der Untergrund, der Nigun Steinthals soll das Ziegelrmd Steinmaterial liefern, und beides zusammengenommen zu dem Zwecke gut, den Sanges- Wirrwarr in Synagoge und Haus zur einfachen Natürlichkeit znrückznleiten, von den Schlacken des Unschönen herauszuschälen, durch einen musiklogischen Tonschlüffet kennbar zu machen und der Tradition zu erhalten, was als steife Tradition Jahrhunderte hindurch sich eingelebt. Schön ist das Ziel , und edel das Vorhaben, doch der Mann noch ungeboren, der dies mit Glück zu Stande brächte. . . .. .

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