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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1896-11-21 · Heft 28 (21.11.1896) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 28 (21.11.1896)
Date
1896-11-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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M. 28. GHerreichisch-ungarische Lanforen-Zeitung. Seite 5. gänzlich sind, gibt er uns solche Unwahrheiten zum Bestem dass dadurch der ganze wissenschaftliche Wert seines Werkes illusorisch wird. Birkat haschem bedeutet dem grundgelehrten Theologen ״ (Gottes) Namen zu lieben" (133) oder,.Heilighaltung des Namens Gottes"! (323) Allerdings braucht ein christlicher Theologe die Sprache des Talmud nicht so genau zu kennen — ebensowenig ist er dann wohl auch darüber zu schreiben berechtigt — aber das neue Testament sollte er doch verstehen? Er schreibt Seite 345: ״Noch kann Paulus die Judender Blinden Wegleiter und das Licht in der Finsternis nennen (Rom. 2,19.)." War der Heidenapostel für die Juden wirklich so begeistert? Nein, Herr Bertholet! Die Stelle heißt ja ganz anders: ״Du (Jude) dünkst dich (p6poitI1a8) Führer der Blinden und ein Licht der im Finstern Wandelnden zu sein ... du aber belehrst dich selbst nicht (21)1" Wenn aber das griechische Idiom dem Vertreter des neuen Testamentes manche Schwierigkeit bereiten mag, so sollte er doch, der Urgermane, deutsch lesen können! Seite 294 schreibt er aber: ״Es ist lediglich jüdische Entstellung der Thatsachen, wenn Grätz sagt: ״Ganz dasselbe, was Paulus mit seinem Sturm- und Drangapostolüt erzielen wollte, die Heidenwelt zu Abrahams Kindschaft heranzuziehen, erstrebte Jose'phus mit ruhiger litterarischer Arbeit und ohne Zuhilfenähme von Mystik!״ (Die jüdischen Proselyten u. s. w. p 27.) Hat B. diese Stelle selbst gelesen und nicht gesehen dass Grätz diesen Gedanken -im Namen von — Bruno Bauer wiedergibt? Oder ׳ ist dieser Verfasser von ״Entdecktes Christenthum" etwa — Jude gewesen? Aber Bertholet vergaß auch, was er kurz vorher selbst geschrieben: ״Josephus will seinen Lesern das Judenthum mundgerecht machen (292)" — heißt das nicht Propaganda machen? Schließlich muß B. zugeben, dass gerade durch die litterarische Propaganda die gebildeten Heiden für das Judenthum gewonnen wurden (S. 302). Wo steckt also in den obigen Worten von Grätz (Bruno Bauer) die jüdische Entstellung? Ist ferner Alfred Bertholet ein Jude, der sich unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Forschung die Handgreiflichsten Entstellungen erlaubt? In den Worten Hamans: ״Es ist ein Volk zerstreut und abgesondert rc." erblickt der wahrheitsliebende christliche Theologe ״den religiösen Vorzug, dessen sich die Juden bewusst sind!" (232) Das erinnert an die Methode des Antisemiten-Katechismus, der die' Worte der biederen Frau Potiphar als Beweis anführt׳ für die Verworfenheit des Jüdenbengels Joses!-In.den Worten ״nach der Beute streckten sie nicht ihre Hand" (Ester, 9, 10. 15) sieht unser Wahrheitsfreund ״die Angst vor . der Berührung mit Fremden", während die' bösen Juden aus H ab sucht die Heiden todtschlugen. Kann die antisemitische Lügenhaftigkeit frecher zu Werke gehen? Allerdings ist man bei B. nicht immer im Klaren, was bewusste Unwahrheit und was naive Unwissenheit ist. So avancirt bei ihm' (340) der Götze Peor zu einem Propheten der Heiden, während der Talmud, seine Quelle, den Vater Bileams Beor. nennt. Von einem Druckfehler kann hier nicht die Rede sein, da das Buch sorgfältig nachcorrigirt ist und Bertholet selbst (301) eine״ Verwechslung eines Buchstaben, 3 und 5', bei Grätz, eine Fä.lschung nennt. Ebenso komisch nimmt sich seine Begeisterung für Jona aus, den er (200) geradezu/ auf neütestameutlich er / Höh e stehend findet! Welche Höhe denn?- ״Dass Gott Geduld Hai und nicht will, dass jemand verloren weide, sondern Jedermann sich zur Buße kehre.״- Hat diesen Gedanken nicht, schon Ezechiel 18, 27 ff sehr eindringlich und ausführlich ausgesprochen? Das scheint unser Theologe nicht zn kennen. Er kennt nur IE. Petr. 3, 9 — also eine neutestamentliche Höhe! Wie ßeht aber diese Höhe aus? Jesus hatte wiederholt (Mt. 10. 23. 16, 28. 24, 34) feierlichst versichert — wahrlich ich sage euch! — dass er noch bei Lebzeiten seiner Zeitgenossen wiederkommen werde. Nun haben sich Leute gefunden, welche spotteten (XE. Petr. 3, 3) und sprachen: ״Wo bleibt die Versprechung seines Kommens? Darauf antwortet Petrus (V. 8): «Ein Tag. ist bei Gott wie Tausend Jahre und taufend Jahre wie ein Tag." Wohl möglich. Aber hat denn Jesus sein Versprechen von Tagen und Jahren abhängig gemacht? —Ja, Gott will, dass erst die allgemeine Bekehrung erfolge, (V. 9). Ist das eine Höhe oder — eine Ausrede aus Verlegenheit? Ueberhaupt beruht die Behauptung, als ob Jesus oder das Christenthum eine höhere Sittlichkeit verträte als das talmudische Judenthum, entweder auf Unwissenheit oder — auf bewusster Unwahrheit. Was zunächst den Universalismus betrifft, so gehört eine sonderbar kecke Verdrehung der Thatsachen dazu, Jesus als den Vertreter desselben auszugeben. Für ihn sind die Nichtisraeliten Hunde— kynariois — (Mt. 15, 26), seinen zwölf Jüngern befahl er und sprach^. ״Gehet nicht auf der Heiden Straße, kommet nicht nach de)^amariter Stadt, sondern gehet vielmehr zu den'verlorenen Schafen des Hausest Israel" (Mt. 10,. 5. 6); ferner: ״Ich bin nur geschickt worden zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel" (15, 24) — kann man sich deutlicher ausdrücken? Man vergleiche damit die Bereitwilligkeit und Uneigennützigkeit des jüdischen Propheten Elisa, der dem Heidem Naeman ohne weiteres Hilfe gewährt! (2 R. 5.) Selbst die Moralpredigten Jesu sind bekanntlich entweder arg übertrieben — kein Bekenner seines Namens lässt sich eine zweite Ohrfeige geben, nachdem er die erste bekommen hat (Mt. 5, 39) — oder den Pharisäern entlehnt, die er so gründlich hasst und verflucht! Selbst der fromme Delitzsch musste zugeben, ״dass das ganze Christenthum sich leicht aus dem Talmud zusammenstoppeln ließe, wenn es in nichts weiter als solchen Moralien, wie die Ermahnung zum Gottvertrauen und zu rechtschaffener Handlungsweise bestände, aber — was braucht die himmlische Weisheit Mensch zu werden, um triviale Dinge zu sagen?" (Jüdisches Handwerkerleben zur Zeit Jesu.) Hier ist der Schwerpunkt des Christenthums in das Gebiet der Mystik verlegt — glaubt Herr Bertholet daran? Wohl schwerlich, da es für ihn weder Offenbaung noch Wunder gibt. Ja, wenn Paulus heute lebte, würde er ihm und Seinesgleichen verbieten, sich Christ zu nennen. Er sagte: ״Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist unsere Botschaft nichtig, nichtig auch Euer Glauben!״ (Kor. 15,14, vgl. 17.) Thatsächlich hat das offizielle Christenthum den Auserstehungsglauben und überhaupt das Mystische im Christenthum nicht anfgegeben und betrachtet jeden, der nicht daran glaubt, als Ketzer — wo bleibt also der Universalismus? Der Talmud verlangt von den Völkern nur die sieben, nöachidischen Gebote: keinen Götzendienst zu treiben, Gott nicht zu lästern, keine Menschen zu tödten, Unzucht zu meiden, das Eigenthum zu achten, das Recht zu pflegen und kein Glied? von einem lebendigen Thiere zu genießen. Ist das zuviel verlangt? Aber selbst die Beschneidung soll Manchem viel weniger Schmerzen bereiten, als — wegen Unglaubens lebendig verbrannt zu werden! Rabbiner Dr. I. K ah an, Waidhofen a. d. Thaya.

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