Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 28 (21.11.1896)
- Date
- 1896-11-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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5fc.28f" Ä eDrMchiM-üngarrsche ^äntoren-Iestttng. Seite: des Solo-Gesanges an der königlichen Akademie der Tonkunst berufen wurdeeine Auszeichnung,^ hie wehrbesagt, als hochklingende Wörtezu verkündenimStande sind. Dieser. vorangeschickte,- kurze Lebensabriss, .beweist zur Genüge, dass die seitens seinesallerersten Lehrers auf das Talent Kirschner's gesetzten Hoffnungen sich glänzend erfüllten, und es bie'tet ein erhebendes Bewusstsein, dass die junge Generation solch' künstlerisch . vollkommene Individualitäten zeitigt. Der vorangeschickte Lebens- und Studiengang. Kirschner's erbringt aher auch den Nachweis,: dass der Autor der vorliegenden Gesänge von Beuchen nach Berlin und von hier:nach ׳München hrei folgenschwere Phasen durchgemacht, die zur Läuterung seiner cäntoralen Anschauungen, wie seines fachmännischen Geschmackes ׳ wesentlich beitrugen. Wer nicht Gelegenheit hatte, gewisse locale Eigenthümlichkeiten der jüdischen Gesänge in den verschiedenen Ländern ans eigener Ueberzeugung kennen zu lernen, dem dürfte Manches in dem vorliegenden Buche unverstündlich erscheinen, so z. B. dys Motiv für den £,60110 dodi Nr. 2 in G-dur. Den musikalischen Grundgedanken dieser Nummer bildet unseres Erachtens eine eingebürgerte aschkenasische Melodie, dienicht so leicht aus dem Gottesdienste zu entfernen ist, vielleicht gar von der andächtigen Gemeinde als Ueberlieferung ihrer Ahnen für heilig gehalten Wird. Die ehrwürdige Melodie dünkt dem modernen Juden etwas.. altväterlich, an Kniehose und Dreispitz mahnend, aber wie trefflich versteht es Kirschner, dys dürftige Motiv zu erweitern und harmonisch auszugestalten! Der selbständig auftretende Eisorori drängt das Grundmotiv in wohlbeabsichtigter und wohlthätiger Weise etwas zurück und wird bei Boiwe3cl1010:m gleichsam als Sühne für den scheinbar verübten Gewaltakt in versöhnender Weise wieder ausgenommen. Den gleichen Eindruck macht auch der Adon 010m Nr. 16 tit F-chiry ein dürftiges Motivchen, wahrscheinlich auch eine liebliche Gesangsblüthe aus altersgrauer Zeit, die uns gleich einem uralten Großmütterchen mit ihren lieben, treuherzigen Aeuglein anblickt und gleichsam um Duldung zu flehen scheint; aus dieser Melodie ertönt die Stimme des einst weltberühmten Chysan Lowy, der am Ende des vorigen Jahrhunderts der Fürther Judengemeinde ähnliche Gesänge vorführte. Auch diese Nummer erscheint wahrhaft herrlich harmonisirt, was um so höher anzuschlagen ist, als dieselbe mit Orgelbegleitung gearbeitet, also mit einer Ausstattung versehen ist, die bekanntlich in alten Zeiten der Synagoge fremd war. Wohlweislich hütet sich der Componist, bei Begleitung der Melodie die Orgel obligat austreten zu lassen, und begnügt sich einfach damit, dass sie die Harmonie stützt; dafür ist das Tonstück in den einzelnen Stimmen schön gearbeitet und namentlich in der Bassstimme mit einen: gleichsam alten Contrapunkt versehen, der die Melodie hebt und charakteristisch färbt. Doch alsbald verrauschen die uralten Töne, und moderne Klänge schlagen an unser Ohr. Wir meinen das Recitativ Wehu echod S. 39. So kurz dieses nur elf Takte umfassende Recitativ auch scheint, ebenso bemerkenswerth ist es für die musikalische Richtung unseres Autors. , Mit einem Fuße noch die Scholle eines vergangenen Jahrhnnderts berührend, steht der zweite inmitten der modernsten mchikalischen Ereigniße. Nicht etwa, als ob der Componist ehr. Tändeln mit seinen künstlerischen Idealen beabsichtigte, vollzieht sich dieser rasche Stilwechsel, sondern in vollem Beivusstsein eWs .voLgesteMll Zieles. Sicherlich Hut Kirschner die Anfangsmelödie dieses Ädon 010m irgendwo von einem Chore oder einer Gemeinde in früherer Zeit gehört und er wird den Zauber, der ihn seinerzeit gefesselt, nicht mehr Los, bis er endliche bei den Textesworten w’hu jihe’jeh be’siforoh einen erlösenden Ruhepunkt zn finden scheint. Das Cantorrecitativ beginnt — die Träume des Kindes sind verscheucht, und der moderne Componist erwachs Sind es nicht Schuberts's Engelslieder, die uns in den ersten beiden Tacten w’hu echod Ven scheni grüßen? Ist es nicht der leibhaftige Richard Wagner, der sich im dMennnd vierten Taete, lehamschil 10 le’haehbiroh bemerkbar macht? Dürfen wir etwa dem Compoyisten die Nutzanwendung solcher Ideale verargen? Mit nichten! — Jeder von uns, in dem echtes musikalisches Blut pulsirt, ist ja diesem Zauberbanne für immer verfallen. Heil dem, dem es gelingt, die künstlerischen Gebilde seiner. Zeit, mit der vo rausgegangenen Richtung als einheitlichesKunstwerk darznstellen, und wie vortrefflich ist dies dem Componisten in diesem kleinen Recitative gelungen! Nur LI Tacte in der anspruchlosesten Weise verzeichnet, die Tongrenze kaum einer Octave umfassend, erscheint dieses kleine Gesangsstückchen geradezu als ein Meisterstück Ein weiteres Meisterstück ist auch die farbenprächtige, modulatorisch reiche Orgelbegleitung, die von der Originaltonart F-dur über B-dur und C-dur Hingleiteud, gleichsam den den Text b’li reschis b’li sachlis illnftrirend, unaufhaltsam nach D-moll und mit der Umkehrung des verminderten Septaccordes Fis. A. C. Es. nach G- und G-dur drängt. Die Totalwirkung dieser winzigen Nummer muß, richtig vorgetragen, eine mächtige sein, und wir leben der Ueberzeugung, dass dieselbe von allen jüdischen Cantoren mit Vorliebe gesungen werden dürste. Zwei bedeutungsvolle Nummern erblicken wir in dem Uab to^u Nr. 1 in G-dur und Tow l’hodos Nr^ 3 in E-dux. Groß in der Anlage, tadellos in der Arbeit bekundet ihr Schöpfer den bereits zur Höhe gelangtet! und reiferen Contrapunetisten. Wie aus Marmor gemeißelt stehn die Notenköpfe da, undwie gewaltig wogt und braust es, wenn diese Töne mächtig zusammenklingen — eine unendliche Melodie! Auch diese Nummern sind harmonisch reich gegliedert, und angesichts dieser Thatsache wäre man schier geneigt, auf eine etwaige Untersuchung der einzelnen Stimmen zu verzichten, wenn nicht gerade in der wirklich herrlichen Stimmführung eine der stärksten Seiten Kirschner's zu erblicken wäre. Jede einzelne Stimme dieser gesättigten Harmonie stellt ein Motiv dar und könnte füglich als selbstständige Melodie gesungen werden. Das offenbare Hervortreten dieses gewissermaßen melodischen Principes beeinträchtigt jedoch keineswegs die modulatorisch-künstlerische Absicht, der zu Liebe, wie ja genügend bekannt, oftmals gewisse Härten in der Stimmführung unterlaufen und willig acceptirt werden. Hier hei Kirschner wird es dem peinlichsten Forscher nicht gelingen, irgend eine musikalische Unebenheit zu entdecken: Melodie^ Harmonie, Phrasirung und Textbehandlung, Alles scheint wie aus einem Gusse behandelt. Scheinbar leicht ausführbar weist dieser Tow l'hodos in den wechselnden Harmonien wirklich verbläffende Tonmalereien auf, die wie liebliche Elfen an uns vorüberhuschen, so z. B. die unvermittelt auftretende O-dnr-Harmonie bei l’haggid baboker und die rasch darauffolgende Grundtonart E-dur bei chasdecho; der interessante Wechsel wieder bei Wemanos’eh.o nach O-dur und wie im Mondlichte glitzernde Tonwellen bei baislos zwischen A-moll und E-dur, welche mit Hilfe des im Zwischentacte vermittelnden Orgelzwischenspiekchens die hierauf bei a'ls ossor folgende A-dur-Harmome vorbereiten. Es gewährt einen wahrhaften Kunstgenuss, den