Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 24 (11.10.1896)
- Date
- 1896-10-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24. Gesterreichisch-ungarische Lantorett-Aeitung Seite b. Schemini Azereth-Feste, da machten die, deren Amt sonst, ein so - trauriges, .sich, einen .rechten Freudentag. Es wurde eine Sudah veranstaltet/ d. h. ein Festessen, bei dem es immer hoch hergieng. Matt darf? dabei allerdings nichtan ein modernes Menu' denken; die? Hauptsache waren dabei ein Paar :fette? Gänse und :die Kröne des Festes.ein recht großer:,und nicht minder! fetter Fladen. Die Feder. zittert , mir in der Hand, wenn ich: an!:diese: Genüsse denke .. Was ist^alle Herrlichkeit moderner Einerswas sind alle: Eisspeisen und Baisertorten gegen die Lieblichkeit und Süße eines alten Fladens! Die Ambrosia mag eine vortreffliche Mehlspeise gewesen sein, aber im Vergleich zu unserem alten; mit Mohn und Pflaumenmus Und! anderen guten Sachen fünfmal gefüllten. Fladen war siedoch sicher: nur. ein sogenannter Schmarrn. Unt> zu all dem gab es natürlich Wein, viel Wein, sehr viel Wien, feuerigenj süßen Tokayer und׳ andere schwere Weine,, welche die Köpfe^ erhitzten Und die fromme Brüderschaft schließlich in einen Zustand versetzten,: der nichts:, weniger als: .heilig genannt,- werden;darf.. ׳ : , : .. .. < - : . .Ja-.: selbst an. Toasten fehlte es nicht, und zwar in drei Sprächen: Deutsch, Böhmisch und Jüdisch-Deutsch. Besonders geistreiche Redner׳ wussten sogar diese drei Sprachen geschickt in einander zu'mischen. Als einmal eine fromme Frau, deren- Vorname Mirl war, der Gesellschaft. ein Fässchen Bier zur Ernüchterung nach, dem Festessen sandte, rief.einer der Toast- . redner begeistert aus: . Gut ist das Birl, - ' Es lebe die Frau Mirl! ׳ Bis in die Dunkelheit hinein dauerte - die. Festfreude:' Dann sammelten: sich ״die läuteren;:Brüder", um in?festlichem- Zuge in die Synagoge.? zum. Abendgebetzu gehen. Das war natürlich :eine große .Freu.d.e?für . uns Jungen. Der ungewohnte Aufzug, das Leben" und Treiben in der sonst so stillen Gasse und die vielen kleinen, humoristischen Einzelheiten,: die dabei zum Vorscheinkamen,, denn die. meisten^ der frommen Brüder wackettär*Ä8 ^aMisü^lißDch-r-^- Waren sie^däntt- "in der Synagoge angelangt, -dann gab!, es neuen Jubel, Neye Scherze; ja, der Uebermuth gieng so weit, dass einer von ihnen mit einer gefüllten Weinflasche auf den Almemor trat und laut ausrief:: ״Le-chajim Gott!״ : Diesen Toast althellenischer Heiterkeit oder Voltairscher Spottlust, hat erst mein sel. Vater, nachdem er ein Jahr als Rabbiner im Amte war, abgeschafft. Mit. dem Eintritt in die Synagoge und nach den üblichen Umzügen (Hakafot) war aber doch eigentlich das Fest der Alten vorüber und es begann die Freude der Jungen, ein echtes und rechtes. Kinderfest; denn an .diesem Abend wurden wir7 Knirpse im Alter von sechs bis eilf Jahren zum ersten :Male im Leben zur Thora, aufgerufen. War das eine Freude, eine Aufregung, ein Stolz und eine Genugthuung, die wirklich nicht zu vergleichen, ist mit den Empfindungen des modernen Knaben, der zum ersten Male in die Tanzstunde.geht... Bis in :die späte . Nacht hinein dauerte dieses Aufrufen, denn, kein Kind in der Gemeinde wollte übergangen , sein und Alles harrte während dieser Procedur auf seinem Platze aus, die Männer unten, die Frauen oben, Und wahrer Stolz leuchtete aus ihren Zügen, wenn: ihr kleiner Knirps die: beiden Segenssprüche glücklich und ohne jeden Unfall gesprochen hatte. Das Beste s aber kam .zuletzt. Nachdem die Thorarollen wieder, in die? heilige Lade gestellt?worden waren, begann auf der Frauen- ' galerie ein Summen und Surren, ein merkwürdiges Geräusch, das sich nur . der Fremde und Unkundige, nicht hätte deuten - können, das uns aber wie die lieblichste Schalmei in den! kleinen Ohren klang. Mehrere Frauen hatten nämlich zwei! :große ..Säcke voll mit Nüßen und Aepfeln, Mandeln. und? .Rosinen.gebracht und diese wurden von der ״Franenschul" aus! m den, Synagogenraum auf: die: Köpfe der Jungen und Alten! :einfach ausgeschüttet. Das gab nun ein fröhliches Balgen und!' Raufen, bis-Jeder zu seinem Rechte kam und bis Frantischek! Döllak:ungeduldig die Lichter in der Synagoge auszulöschen ׳anfing.. .?Ernster und würdiger: gestaltete sich die Feier des Simchath? Thora-Tages am-nächsten Morgen. Der Vormittag.-war in; der That ein. religiöses Freudenfest.? Schott vorher waren in der .Gemeinde wichtige Unterhandlungen gepflogen - worden über die zwei größten Auszeichnungen; welche die Synagoge an diesem Tage an ihre Getreuen zu verleihen hatte.. Es gM Nämlich die: Proklamation zweier . Verlobungen — mit einer Braut, der Thora; ein Choßen-Thora und ein Choßen-Bereschit mussten gewählt werden. Wenn die Gemeinde an diesem Tage mit ihrem Rabbiner in Frieden lebte — was allerdings nicht oft vorkam, da dieser mit dem ungebundenen Treiben in der Synagoge am vorhergehenden .Tage selten einverstanden gewesen — so war er natürlich ipsc» der Bräutigam: der Thora. . Schwieriger war die Wahl des zweiten Bräutigams, und nicht gering war die. Neugierde, wenn unser älter Chasan mit der bekannten, fröhlich-feierlichen Melodie seinen ״Merschirss" laut intonirte und im Namen der alten Gaonim und . Exils- Vorsteher von Babylon, sowie auch, im Namen der. ganzen Loschitzer Gemeinde, den ftommen. redlichen und gelehrten.^ L. aufsorderte, als Bräutigam des ersten Bibelverses (Bereschft) vor die. heilige Lade zu treten. War auch diese Feierlichkeit vorüber, dann hatte die Festfreude sich eigentlich erschöpft. 'Es versteht sich von selbst, dass ein solch gefeierter Bräutigam, eine Gratulationscour abhalten musste, bei der: es ebenfalls recht fröhlich, aber immerhin würdig und gemessen hergieng. .׳. Hier vereinigten sich wirklich nur die. Besten der. Gemeinde und hier galt die Freude in Wahrheit nur der Thora. Manches güte Wort wurde gesprochen und manche fromme Anregung gegeben Das ׳ junge Volk aber unten in der Gasse kehrte.'sich an diesem Tag nicht viel an gute Worte und fromme Anregungen. Bei ihnen war die lang verhaltene Weltlust durchgebrochen? und. all ihr Sinnen und Trachten. war. auf den Abschluß des!Festtages gerichtet,.der ihnen ein veritables — Kränzchen bringen sollte. War das nun allerdings eine Neuerung in der Judengasfe. : IN alten Tagen wurde ja auch hie und da getanzt — aber j nnp Jungen mit Jungen, Mädchen mit Mädchen! Erst der Geist der neuen Zeit, hatten diese Form der Vergnügungen in ■ die Judengaffe hineingetragen. und das lustige Völkchen wusste? dieselbe seinen Bedürfnißen sehr gut änzupaffen. Mancher! Griesgram schüttelte freilich dabei unwillig sein Haupt und? ein alter Lamdan rief, als sein Sohn ihn zum ersten Make bat, den Simchath Thora-Ball besuchen zu dürfen, erzürnt aus: : Baal jeroeh. ubaal jimozeh! : Ein Wort, das ich den Kennern auch, in seinem Doppelsinn nicht zu verdeutschen brauche. lieber das Kränzchen oder den Ball selbst kann ich leider nur wenig sagen — und zwar aus einemsehr einfachen Grunde: Ich habe nämlich nie hingehen dürfen — und so schloss der Freudentag für mich immer mit einem traurigen Finale; denn ich war sehr unglücklich darüber, dass alle anderen Jungen, von ihren Müttern dahin mitgenommen wurden, während ich ruhig -zu Hause bleiben müsste. Bis in den frühen Morgen hinein dauerte gewöhnlich die Tanzlust und Festheiterkeit des Kränzchens. Dann gieng es wieder an die alte Arbeit und an neue Sorgen, Kümmerniße und Entbehrungen. Aber die Erinnerungen an den Simchath Thora-Tag und an die einzelnen Vorgänge desselben lebte noch lange in den Gemüthern fort. O ja, es ist sehr schön in unseren modernen Salons und sehr feierlich in unseren neuen Synagogen, aber die alte Frömmigkeit und die alte Heiterkeit können sie uns doch nicht wiedergeben. A. Z. d. I. Ein Opfer ruM'cher Willkür. Mitgetheilt von Rev. Ostas Hochglück, Baltimore. Als ein Opier der unverantwortlichen Willkür russischer Beamten wird der Uhrmacherund Juwelier Meyer Goldmaun in New-Aork in den Akten eines Prozessverfahrens hingestellt, das er durch seinen Anwalt gegen die russische: Regierung aus Erlangung von 100.000 Dllrs. Schadenersatz hat anhängig machen lassen, weil er als geborener amerikanischer Bürger bei seinem Aufenthalt in Rußland in der schlimmsten Weise tribukrt und drangsalirt worden, sein soll.