Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1896)
- Date
- 1896-08-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Vesterreichisch-ungapische Lantoren-Aeitung. Vtr. 20. Pädagogische Aphorismen. aus dem Talmud und den Midraschim nebst Parallelstellen aus der Bibel und aus Schriften moderner Pädagogik. Von Israel Singer, autor. Rabbiner, Religionsprofeflor am Obergymnasium zu S. A. Ujhely. (Fortsetzung.) Nachdruck verboteri. R. Jose, der Galiläer, einer der scharfsinnigsten Gesetzeslchrer im ersten Jahrhundert wurde von seiner zänkischen Frau sogar in Gegenwart seiner Collegen verächtlich behandelt. Rabbi Elreser b. Asarjah rieth ihm zur Scheidung von chr und streckte ihm die fehlende Mitgift für sie vor, womit sie einverstanden war. Ihr zweiter Mann verarmte und erblindete. Sie führte ihn in die Häuser. Almosen sammeln;, aber sie weigerte sich aus Schande, bei R. Jose einzukehren, weshalb sie der Mann schlug. Als R. Jose ihr Elend erfuhr, ließ er Beide auf seine Kosten verpflegen, denn, sprach er: ״Von deinem Verwandten entziehe dich nicht, um ihm nicht zu helfen." (Proph. Jes. 58. 7. Jalk. z. St.) In seiner zweiten Ehe hatte er Glück, Frieden und zwei gelehrte Söhne, R. Elieser und׳ R. Chaninagenannt. Er sprach, auf feine Erfahrung gestützt: ״Groß ist der Friede, denn vor jedem Kriege musste erst Friede angeboten werden." (Deuter. 20. 10. Jalk. z. St.) Dass so viele Talmudlehrer trotz ihrer Sanstmuth und Herzensgüte, dennoch Xantippen zu Frauen hatten, mag in der höchst einfachen, zumeist stoischen Lebensweise der meisten Talmudlehrer begründet sein, wobei auch die Wohlhabenden, die ihren Erwerb auf Almosen verwandten, wie der sehr reiche Rabbi Jehuda Hanassi, keine Ausnahme machten. (Ketub. 102.) Ein weiterer Grund liegt in der ausschließlichen Beschäftigung mit der Gotteslehre, die es mit sich brachte, dass Viele mit Zustimmung ihrer Frauen in weiter Entfernung wohnende, berühmte Lehrer aufsuchten und nur auf kurze Zeit in den Familienkreis heimkehrten, wie z. B. R. Jdi und R. Akiba u. A. (Chag. 5. u. Ketub. 62—63.) Auch ihre Lehre, dass man selbst mit seiner Frau nicht viel sprechen soll, mag dazu beigetragen haben. (Tr. Ab. 1. 8.) Dagegen lehrt der Talmud: ,,Einer Frau ist lieber weniger Geld, wenn sie mit ihrem Manne leben kann, als viel Geld und fern von ihrem Manne zu leben." (Tr. Ketub. 62.) Für diese ftomme Resignation und für das Anhalten ihrer Kinder zum Schulbesuch wird ihnen im Jenseits ein größerer Lohn als ihren Männern verheißen. (Jbid. u. Broch. 17.) Diese Verheißung war nicht bei Allen von gewünschtem Erfolge. Aber trotz vieler schmerzlicher Erfahrungen seitens chrer sie chikanirenden Frauen mieden die Talmudlehrer dennoch nicht die Eheschließung und lösten auch äußerst selten und nur sehr schwer ein Ehebündnis. Vielmehr befahlen sie auf Basis der Bibel (L M. 1. 28.) wohl mit nöthiger Behutsamkeit, nachdrücklichst die Verehelichung als eine der heiligsten und heilsamsten Pflichten des Mannes und erwiesen ihren Frauen musterhafte Verehrung, wie dies unter Anderem auch aus nachfönenden Stellen genügend zu ersehen ist. ״Wer keine Frau hat. der ist ohne Religion, ohne Freude, ohne Gut, ohne Segen, ohne Schutz und ohne Frieden." (Jeb. 62—63.) ״Ein Eheloser ist kein ganzer Mensch, erst durch seine Frau wird er ein ganzer Mensch." (Jb.) ״Ich nannte mein Weib niemals mein ״Weib", sondern mein ״Haus". (Sabb. 118. u. Jeb. Jbid.) ״Man hüte sich, seine Frau zu kränken, weil sie leicht zu Thränen gerührt wird." (Tr. B. Mez. 59.) ״Der Haussegen ist blos des Weibes Wille." (Jbid.) ״Wer sich von seiner ersten Frau scheidet, über den weint — bildlich — der Altar Gottes, vor dem das Ehebündnis geschlossen wurde." (Gitt. 90. Sanhedr.42.) Von den mehr als 2000 Lehrern, die im Talmud genannt werden, kennen wir nur einen, nämlich R. Simon b. Asai, (2. Jahrh. zu Liberias) der nicht heirathen wollte. -Den Widerspruch seiner Ehelosigkeit mit seiner eigenen Lehre: ״Wer nicht heirathet, der gleicht einem, der Blut vergießt und Gottes Ebenbild hier verringert", entschuldigt er mit seinem großen Eifer für das Gesetzesstudium, in dem er durch den Ehestand gehindert wäre. (Tr. Jeb. 63.) Seinen großen Eifer für das Gesetzesstudium beweist der Spruch: ״Seit dem Tode.Ben Asais. fehlten die Gesetzesbeflissenen und die Gesetzesforscher/' (Sota 49 u. Kidusch 49.) Und selbst mit seinem bezeichneten Ersatzmittel für die Ehe bekundet er ihre allgemeine Heiligkeit und Nothwendigkeit,wie auch anderseits dieHeiligkeit undNothwendigkeit der Beschäftigung mit der Gotteslehre. Auch sonst - wird die gute Frau zur Gotteslehce verglichen. (Jeb. 63. u. Kid. 2.׳) Beide werden ״Leb en" genannt. ״Ein Baum des Lebens ist sie, die Gotteslehre." (Spr. Tal. 3. 18.) ״Erfasse das Leben mit der Frau, die du liebst." (Pred. Sal. 9. u. Jalk. 3. 18. z. St.) Ben Asai bekundet noch, überdies seine Werthschätzung für das weibliche Geschlecht, indem er befiehlt, dass man auch die Mädchen das schriftliche Gesetz lehren soll. (Sota 20.) Diese angeführten Stellen im Vergleiche zu den nachfolgenden aus dem ״Neuen" Testamente, genügen zur Wider-׳ legung der allgemeinen Behauptung, besonders der klerikalen Pädagogen, dass in den alten jüdischen Religionsschriften, Bibel und Talmud, die,Frau als eine ganz untergeordnete Person, als Sclavin, wie im Orient, behandelt wurde und erst das Neue Testament die Frau in ihre Würde eingesetzt habe. Der Apostel Paulus schrieb in seinen Episteln, theilweise rathend, theilweise befehlend, unter Mehreren: auch folgende Worte: ״Ich wollte, dass Alle wie ich unverheiratet bleiben." (1. Cod. 77—8.) ״Wenn du ehelichst, so sündigst du nicht, und wenn eine Jungfer ehelicht, so sündigt sie nicht, aber es werden sie bald viele Leiden treffen, und ich schone euch." (Jb. 28.) Dr. Carl Friedrich Bahrdt bemerkt zu diesen Stellen folgende Worte: ,.Er widerrathet, wie man leicht denken kann, das Heirathen, um der Verlegenheiten willen, in denen ein Verheiratheter in diesen Zeiten der Verfolgung sich befand, wie aus 28 erhellt. Vielleicht hatte er noch andere Gründe gegen das Heirathen." Hingegen haben die Talmudlehrer, sogar zur Zeit der entsetzlichen Hadrianischen Judenverfolgungen, die härter als unter der Syrerherrschaft (169—164 vor) waren, eine aufgetauchte Frage um zeitweilige Suspendirung von der Eheschließung, um nicht durch Vollziehung der von Hadrian verbotenen Beschneidung der Kinder dem Feindesschwerte Nahrung zu geben, entschieden verneint. (Tr. V. Lat. 60.) Ueberdies haben nachfolgende Stellen aus Paulus Briefen weder temporale noch locale Bedeutung und zeugen keine moderne Würdigung der Frauen: ״Ich will, dass ihr sorgenlos seiet; wer ledig ist, der sorgt, was dem Herrn — Gott — angehört, aber wer freiet, der sorgt, was der Welt angehört, wie er dem Weibe gefalle." ״Eine Unverheirathete kann sich ungehindert mit Leib und Seele dem Dienste des Herrn weihen, eine Verheirathete hingegegen hat irdische Sorgen und muß sich ihren: Manne widmen." ״Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht das Bündnis zu lösen, bist du aber׳ von der Frau gelöst, so suche keine Frau wieder," (Kor. .7, 27. 32—85.) ״Eure Weiber; lasset in .der Gemeinde schweigen,, dem: es soll - ihnen zu. reden snicht׳ gestattet werden, sondern .!.sie sollen^ ׳ vielmehr unterwürfig-