Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1896)
- Date
- 1896-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aertung. Seite 3. Schreiber dieses war viele Jahre Zeuge, wie ein würdiger Scheliach Zibbur stets bei dem angeführten Bittsatze mit sichtlicher Mhrung zu weinen begann. Verwundert fragte sich so mancher Zuhörer, was die Ursache dieser heißen Zähren sein könnte? Gibt es denn nicht auch andere rührende Bittsätze in diesem Gebete? Aber keiner schlug an den Saiten seines Herzens so eindrucksvoll und nachhaltig an wie dieser. Und haben denn nicht auch Ändere Kinder, welche diesen Satz mit Verständnis und Inbrunst beten, und dennoch sind sie von demselben nicht mehr gerührt und bewegt, als durch die anderen Bittsätze. Liebe Leser und geehrte Glaubensgenossen! Wundert Euch ja nicht über den bewegten und rührenden Ausdruck der gepressten, wehmuthserfüllten Brust jenes würdigen, erfahrenen Mannes! Quält ihn ja der traurige Gedanke und das schmerzliche Bewusstsein, dass ein jüdischer Gemeinde-Angestellter oder Cultusbeamte, er sei Rabbiner, Cantor oder Lehrer keine, oder nur so viel leibliche Sprossen haben soll, wie unser Stamm* vater Abraham, und dass man ihm den Besitz mehrerer Kinder als eine Art Sünde und Mackel in den jüdischen Gemeinden anrechnet. Ja er ist sich dessen bewusst, dass ihm seiner Kinder wegen die meisten Stellen in den Gemeinden, oder doch wenigstens in den reicheren und leistungsfähigeren verschlossen sind! — Wie soll er dann seine Kinder in solcher Weise durch seine Berufswirksamkeit erhalten? Was soll er, was kann er in seiner pekuniären Beschränktheit beginnen, da er keine anderen irdischen Güter besitzt, als den spärlichen Gehalt? Jener Bitt-Refrain zum ״Vater und König" des Alls gilt ihm daher als Trost und Hoffnung für sein sorgenvolles Vaterherz, und er scheint überhaupt für die Berufsgenossen wie geschaffen. Denn äußern auch nicht Alle die Wehmuth ihres Herzens über die Härte und Rücksichtslosigkeit, welche die Gemeinden ihnen in der Regel um ihrer Kinder willen beweisen, durch bittere Thränen, so empfinden dennoch Alle, mit Ausnähme mancher in den Tag hineinlebender Phlegmatiker, diesen Druck und die Sclavenschmach gleich tief in ihrem Inneren und bitten mit Andacht und Inbrunst: ״Unser Vater, unser König erbarme Dich unser und unser kleineren und größeren Kinder!" auf dass ihnen das Lebenselement nicht entzogen werde, durch harte und unmenschliche Beschlüsse in den Gemeinden. Dieses Uebel, man kann fast sagen, diese Barbarei macht sich leider in neuester Zeit immer mehr fühlbar und greift in immer weiteren Kreisen um sich, indem eine Gemeinde dem bösen Beispiele der anderen folgt. Wohl haben viele Gemeindemitglieder in der heiligen büßgeweihten Zeit für sich und ihre eigenen Kinder das Bedürfnis derselben Bitte, wie könnte aber der Mensch, der schwache, staub geborene, von dem Allvater jenes Erbarmen mit Erfolg zu erstehen hoffen, das er in der Härte seines Herzens seinem Nebenmenschen, sogar dem berufenen Diener am ״Altäre Gottes", versagt? Es wird uns in der Thora befohlen, Gott nachzuwandeln, was unsere alten Weisen dahin erklären, dass wir verpflichtet sind, die göttlichen Eigenschaften nachzuahmen: wie Er barmherzig sich erweist, so sollen auch wir als barmherzig uns erweisen. Will daher Jemand Gottes Erbarmen für sich und seine Kinder erflehen, so muß er selbstverständlich zu allererst sein Erbarmen gegen Andere und deren Kinder bezeugen, ganz besonders aber gegen die Cultusbeamten und deren Kinder, jenen Gliedern-der menschlichen Gesellschaft, die weder ״materieller Besitz ׳noch- Erbgut im Landes ihr Eigen nennen: Die Talmudisten lehren: ״Vier Hauskinder, sagt Gott, hast du. pnd zwar deinen Sohn, deine Tochter, deinen Knecht und deine Magd; vier Hauskmder habe auch ich, und zwar den Lewiten, den Fremden, die Waise und die Witwe. Wirst Du nun erfreuen die Meinigen, so werde ich auch erfreuen die Deinigen." —Wir ersehen hieraus, dass die göttlichen Gewährleistungen auf Wechselseitigkeit beruhen, und dass nur derjenige der Gnade und des göttlichen Wohlwollens sich verdient und würdig macht, der wohlwollend und rückfichtsvoll gegen seine Mitmenschen ist. Und dass unter den Lewiten der Thora der heutige Cultusbeamte zu verstehen fft, der zunächst der Huld und Milde der Besitzenden anempfohlen wird, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Und wodurch könnte sich die Milde und das Wohlwollen in den Gemeinden bester und edler manifestiren, als durch die Berücksichtigung der Familienväter, deren Erhaltung unter allen Umständen schwerer ist als die des Familienlosen? Ein Haman durfte sich seiner vieler Kinder rühmen, einem Rabbiner hingegen oder sonstigen Cultusbeamten wird der Besitz mehrerer Kinder als Familienmackel angerechnet, wodurch er unfähig ist, in der Gemeinde Aufnahme zu finden. In solcher Weise werden aus jenen armen Kindern Waisen und aus den Müttern Witwen gemacht, indem man sie noch bei Lebzeiten des Familienhauptes, des Ernährers und Erhalters beraubt. Klagend können sie mit Jeremias ausrufen: ״Zu Waisen find wir gemacht worden ohne Vater, unsere Mütter gleichen Witwen!״ Ist es aber schon von Seite unserer Religion strengstens verboten, Witwen und Waisen zu bedrücken, um wie viel mehr solche, die durch den Druck selbst, durch einen harten drückenden ,Gemeindebeschluß es gleichsam geworden sind. ״Wenn du Einen bedrücken wirst und er zu mir um Beistand flehen wird, so werde ich fein Gebet erhören!" spricht Gott durch den Mund seines tteuen Dieners Moses. Welche Gemeinde wollte daher durch den Wortlaut des Eoncurses oder durch den Abweisungsbeschluß eines Bewerbers eine so schwere Verantwortung auf sich laden, dass die Kinder würdiger, verdienstvoller Cultusbeamten ״nach Brot verlangen, niemand es ihnen aber zu brechen vermag!" Eine solche Härte und Ungerechtigkeit kann für eine ist. Gemeinde und deren Angehörige niemals zum Heil und Segen gereichen! Wo bleibt da die Pflege der Religion, welche die Gemeinden durch ihren Cultus versinnlichen und durch ihre Anordnungen und Institutionen verwirklichen sollen? Das äußere Formwesen und Lippenwerk, das man so gern mit ״Cultus" oder ״Gottesdienst" bezeichnet, wäre dann bloße Gotteslästerung, ein etwas verfeierter. aber wirklicher Götzendienst, indem man wähnt, Gott hätte an solchen äußeren Formen und Zungenübungen bei Abgang wahrer Menschlichkeit, Wohlgefallen. ״Unser Vater, unser König! erbarme Dich unser und unserer größeren und kleineren Kinder!" auf dass wir mit ihnen und sie mit uns Aufnahme und Bestand finden in den Gemeinden Israels. So möge denn zu den bevorstehenden ״ Jomim nauroira" ein geläuterter, verbesserter, veredelter und gottgefälliger Geist in unsere Gemeinden einziehen, damit auch ein Jeder für sich und seine Kinder Erbarmen finde, und möge dieser hochernste Gegenstand als Thema für die Kanzel vielseitig benützt werden zur wahren Verherrlichung Gottes und zur Ehre der Menschen und des Judenthums! N. M.