Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1896)
- Date
- 1896-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Andern helfe, bewährt sich der Spruch : - איש את: רעהו חיים בלען• Gerade wie die Beamten gegenüber den Gemeinden, haben auch, die Gemeinden gegenüber den Beamten gewisse Pflichten zn erfüllen. Die Gemeinde muß, wenn sie gute, eifervolle und gewissenhafte Beamte erhalten will, dieselben achten und schätzen, ihre Verdienste würdigen und gehörig belohnen, denn wie die Zahlung, so die Arbeit. Die Gemeinde beachte, dass der Beamte mehr kein משעובד, kein Domestike ist, sondern ein Beamter. Gott sagt:עבדי ר,ם. Diese sind meine Diener, sie stehen in meinem Dienste. Und wie treffend sagt der Talmud: Moses wurde עבד דו genannt, das diente ihm nicht zur Unehre, sondern zur großen Ehre. Gerade wie der tüchtige Beamte die Gemeinde in allem cultuellen und intellectuellen Streben fördert, so übt auch eine gereifte Gemeinde einen veredelnden Einstuß auf den Beamten aus, weil er durch die ihm entgegengebrachte Achtung und Schätzung angespornt wird, seine Agenden immer besser zu vollziehen, um die Zufriedenheit wieder in immer höherem Maße zu erringen. Die Gemeinde sei beider Wahl ihrer Beamten sehr vorsichtig, denn auch die Kundschafter waren, als man sie wählte, אנשים בשרים, aber bald entpuppten sie sich in ihrer wahren Gestalt. Die Gemeinde lasse sich nicht durch Aeußerlichkeiten und Firlefanzereein täuschen und schaue nicht auf die Höhe und auf die Erscheinung des Bewerbers. Bei der Wahl der Beamten ist jede Uebereilung und Ueberstürzung zu vermeiden, denn auch hier ist der Wahl kurz und die Reue lang. Die Gemeinde soll zwar sehr strenge walten, dass der Beamte seine Pflichten genau und pünktlich erfiille, denn je strenger die Gemeinde ist, desto besser ist es für den Beamten. Sie soll auch anfangs mit ihrem Lobe sehr behutsam sein, besonders in Gegenwart des Beamten, der oft dadurch stolz und übermüthig wird, wie Salomo der Weise sagt: ״Jedes frühzeitige Lob dient nur zum Schaden." Aber mit der Strenge paare sich Nachsicht, Midath-Hadm muß mit Midath* Horachamim verbunden sein. Die Gemeinde bedenke stets, dass der Beamte als Mensch nicht unfehlbar ist und suche nicht absichtlich Fehler. Wenn man will, kann man überall Fehler finden, denn der Hass ist ebenso blind wie die Liebe. Diese sieht nur mit einem Auge die Vorzüge des Menschen und gegen die Fehler drückt sie das andere Auge zu, jene aber sieht nur die Fehler und verschließt beide Augen gegen die Vorzüge. Sehr treffend sagte darum ein Rabbi, als er seine Antrittsrede in einer großen Gemeinde hielt: ,,Wenn ich Nachsicht mit den Fehlern so vieler Gemeindemitglieder haben muß, so bitte auch ich, dass die vielen Mitglieder mit den Fehlern eines einzelnen Menschen Nachsicht haben mögen." Wenn also die Beamten und die Gemeinden von dem Geiste Chalebs, d. h. dem Geiste der Wahrheit, der Gottesfurcht und des Friedens beseelt sein werden, dann wird sich bei Beiden bewähren: על מקומו יבוא בשלום. __ Die Juden in Tanger. Der bekannte ausgezeichnete Schriftsteller, Herr Julius Löwy, Redacteur des ״Jllustr. Wr.Extrablatt", veröffentlicht gegenwärtig im obcitirten Blatte eine Serie spannender Schilderungen seiner Reise ״Nach Afrika und durch Spanien", denen wir folgende, unseren Leserkreis gewiss interesiirende Stellen entnehmen. I. Tanger (Marocco). ״So wäre ich denn in der ersten Maroccanergaffe*) im dritten Weltbezirke — Europa, Asien, Afrika!" Mit diesen Worten leitet der Verfasser seine anziehenden Schilderungen von Tanger ein, in deren weiterem Verlaufe er dann folgendes Bild von den Juden in Tanger entwirft: Anspielung auf die im 3. Bezirke in Wien befindliche Maroccanergaffe. (Anmerkrrng der Redaction.)? Aus meinem Album. Skizze von E. H. Spielmann, Pilgram. Jeder Schlag des Herzens schlägt uns eine Wunde, und das Leben wäre ein langsames Verbluten, wenn die Dichtkunst nicht wäre. (Börne). Nachdruck verboten. Es war kurz vor Mitternacht, als ich von meinem Lehrer, dem hochachtbaren Cantor und Melamed Baruch G . ... in meine Junggesellenwohnung in der Leonardigasse langsam heimkehrte. Die höchst trübselige und melancholische Stimmung meines Meisters, die sich oft in bitteren Worten Luft machte, ließ in meiner sonst lebensfrohen und heiteren Brust einen nebeligen Rückschlag zurück, der sich in einer gewissen Düsterheit meiner Gedanken offenbarte. Eine klare, selten schöne und prachtvolle Nacht. Die Schatten der einzelnen Häuser, mit den Jahrhundert alten gothischen Giebeln wurden von dem hellstrahlenden Monde scharf äbgegrenzt und so voll beleuchtet, als ob es Mittag wäre. Mein einsamer Weg führte mich an das Moldauufer. Meine Schritte erweckten einen starken Widerhall, der mich erschauern ließ und mein Schatten nahm bald gigantische, bald zwerghafte Formen an, die mir förmlich Schrecken einflößten. Als ich mich dem Quai-Gitter näherte, schien mir die altehrwürdige steinerne Brücke, -der Thurm, ja selbst der Himmel von Hellem Tageslichte bedeckt,. aber nicht von jenem Hellen, lebensfrischen und rosigen Tage, nein — von einem todten, zauberhaften, verdüsterten Tage, und das Licht des Mondes schien wie das Licht der Söttne, aber einer schlummernden Sonne. Und da lag vor meinen Blicken das herrliche Panorama, die Stadt mit ihren vielen, vielen Thürmen, die Burg, der Hradschin — und das Alles hell und doch düster beleuchtet, so dass es mir noch einmal so weit entfernt schien — darüber der klare, graublaue Himmel — die Landschaft glich einem schlummernden, hoffnungsvollen Menschenkinde, bedeckt mit dem Leichentuche. Und über das Ganze, da schwamm der Mond ruhig und still dahin; und als ich ihm mein Antlitz zuwandte, und dieses Gestirn mir so hell und voll die Augen blendete, da schien die Scheibe faktisch, als wäre sie das Antlitz eines Bekannten, und ich konnte meine Augen von demselben nicht wenden. Und siehe, die Erscheinung schien mir wirklich trotz ihrer Fremde so wohlbekannt, und da — da hörte ich sie mit einer gedämpften und traurigen Stimme mich ansprechen. ״Also Du bist auch gesonnen. Dich diesem undankbaren, bitteren und doch — so herrlichen Berufe zu widmen? Schreckt Dich nicht das Bild Deines Lehrers, schrecken Dich nicht seine Klagen, schreckt Dich nicht das traurige Schicksal der — Anderen? Sieh* und höre! Bei Deinem Anblick erinnere ich mich eines eigenthümlichen Bildes. Jüngst gieng mein Weg gleichfalls über Prag und sowie heute beleuchtete ich damals die feierliche Stadt. Zufällig gleitet mein Licht über die Judenstadt hin und fällt in ein Fenster im dritten Stock, cm dem das bleiche Antlitz eines Mannes mich betrachtet — ebenso wie Du mich heute. Das Gesicht schien mir bekannt, ich betrachtete es besser und gleichzeitig auch das Innere der kleinen Stube. Ich kannte mich selbstredend nicht sofort aus, und da bemerkte ich erst nach und nach ärmliche alte Möbel, ja auch ein SpineLL, und rückwärts ein Bett, und auf diesem schlief friedlich eine .Greisin. Ein wundervolles Bild einer alten Frau! Die Haare waren weiß und unter der Haube verdeckt. Das Antlitz zeigte eine Jugendfrische, wie das eben bei ruhigen, friedlichen Menschen nur der Fall ist. An den Wänden sah ich Bilder verschiedener Musiker und Chasonim, und jetzt, jetzt erinnerte ich mich seiner.. Bor